EM-Fernsehkritik, Tag 6 Grundlose Wut auf Mainzelmännchen


Die deutsche Pleite gegen Kroatien, ein seltsames Unentschieden zwischen Österreich und Polen - der gestrige EM-Tag machte keine gute Laune. Doch trotz aller Show-Nervereien: Das ZDF konnte am wenigsten dafür.
Von Peter Luley

Beim gemeinschaftlichen Gucken des Deutschland-Spiels gegen Kroatien herrscht das Bedürfnis nach Frustabbau. "Scheiß-Mainzelmännchen", sagt einer, als nach der 18-Uhr-Begegnung erst mal Werbung kommt. Dabei können die altgedienten ZDF-Trickzwerge am wenigsten für den Grottenkick der deutschen Elf – und nicht mal den Moderatoren, Kommentatoren und Reportern ist eine Mitschuld anzulasten. Wahrscheinlich nervt das ganze Begleit-Brimborium bei einer hässlichen 1:2-Niederlage nur noch mehr als sonst.

Bereits ab 16.15 Uhr hatten Kerner, Klopp und Meier, die drei Tenöre von der Bregenzer Seebühne, den Sendebetrieb aufgenommen. Hatten noch mal den Ballack-O-Ton vom Polen-Spiel präsentiert ("wir verlieren keinen Zweikampf, keinen") und sich ein bisschen angeflachst. Kaiser Franz Beckenbauer hatte im Interview mit "Sissi Müller-Hohenstein" (Kerner) einen 2:0-Sieg prophezeit und die Entscheidung des Bundestrainers, mit der Aufstellung des Premierentriumphs anzutreten, für gut befunden. Bei einem Sieg wäre das wohl alles als übliche TV-Folklore durchgegangen, sogar der wie immer etwas überflüssig wirkende Urs Meier mit seiner Antwort auf die Frage, ob Podolski einst den Länderspielrekord von Lothar Matthäus einstellen könnte ("Klar, er ischt ein Inschtinktfußballer").

Réthy verschärfte zusehends den Ton

So, wie der Ball lief, verdüsterte sich die Laune jedoch zusehends - korrekterweise auch beim Kommentator. Ausgehend von vorsichtigen Diagnosen wie "gegenseitiger Respekt ist spürbar", verschärfte Béla Réthy zusehends den Ton. "Zufrieden sieht anders aus", bemerkte er nach 17 Minuten mit Blick auf Jogi Löw und bemängelte "viele Ballverluste, viele Ungenauigkeiten". In der 24. Minute konnte er den Führungstreffer der Kroaten dann sogar hübsch in eine bereits begonnene Formulierung kleiden: "Die deutsche Mannschaft läuft nur noch hinterher... und das ist die Folge." Dass sich einmal eine Schere zwischen Wort und Bild auftat, als der TV-Mann vom "mit hochrotem Kopf tobenden Löw" sprach, während dieser blass und starr an der Linie stehend eingeblendet wurde - geschenkt.

Insgesamt lag Réthy leider richtig mit seinen Einschätzungen wie "einfachste Dinge gehen in die Hose" und "man müsste in der Halbzeit 'ne Taktikschulung machen". Er hatte Recht, als er nach dem 0:2 nicht mehr an eine echte Qualitätssteigerung glauben mochte und kurz vor Podolskis Anschlusstreffer zwischenbilanzierte: "Es bleibt die Hoffnung auf einen Impuls, vielleicht ein Glückstor und eine spannende Schlussphase."

Die Statements von Lahm ("wir haben uns zu wenig bewegt"), Ballack ("wir sind zu wenig in die Räume gegangen") und Löw ("ein Rückschlag") wollte man da eigentlich schon gar nicht mehr hören.

Poschi lag richtig

Wolf-Dieter Poschmann oblag die Kommentierung der zweiten Partie des Abends, Österreich gegen Polen. Nach drei hochkarätigen Torchancen für Österreich stellte er nach 29 Minuten fest: "Es liegt in der Luft, das erste österreichische Tor, aber es fällt nicht" - um im selben Atemzug den (Abseits-)Führungstreffer für Polen verkünden zu müssen. Insgesamt aber lag er wie zuvor Réthy richtig: "Zwingend ist das alles nicht", bemerkte er zum österreichischen Spiel. Nach dem glücklich zuerkannten Strafstoß in der Nachspielzeit formulierte er mitfühlend: "Das ist kein Stein, das ist kein Felsen, das ist ein Großglockner, der ihnen runterfällt."

"Deutschland, wir kommen", skandierte schließlich die österreichische Fraktion des Publikums an der Bregenzer Jubel-Bühne - und dann weniger gutnachbarschaftlich: "Córdoba, Córdoba". "Wenn beide Mannschaften am Montag das zeigen, was sie können, gewinnen wir", konterte Entertainer-Analytiker Klopp. Überhaupt erwies sich der künftige Dortmund-Trainer zusehends als der tonangebende Showmaster: Als Kerner bei einsetzendem Regen mit ungelenken Worten zur Comedy "Nachgetreten" überleiten wollte ("aus dem geschlossenen Raum, aber mit offenen Witzen"), bemerkte er forsch: "Mach doch fünf Minuten früher Schluss, dann passiert so was nicht."

Das Comedy-Panel mit Zeremonienmeister Ingolf Lück und seinen Adjutanten Guido Cantz, Mike Krüger, Mirja Boes, Florian Schroeder und Oliver Welke verlief dann zwar wie gewohnt unter der Gürtellinie ("Lag's an der Uhrzeit? Unsere Jungs gehen erst abends steil"). Aber irgendwie war ausgerechnet das diesmal nicht so schlimm wie sonst und Albernheiten wie der von Lück präsentierte Flatterball im Vogelkäfig erschienen dem Spieltag angemessen.

Heute Abend würde man sich allerdings trotzdem lieber wieder über gute Spiele freuen und über doofe TV-Sprüche ärgern.


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