Was hat das Internet mit Che Guevara gemein? Sind Facebook. Twitter & Co. Handlanger der US-Außenpolitik? Kennt Hillary Clintons Vordenker für Internetfreiheit sein EU-Pendant Guttenberg? Im stern.de-Interview spricht Alec Ross über die neue Macht der digitalen Öffentlichkeit.
Ganz einfach: Es gibt keine einzelnen, herausragenden revolutionären Köpfe mehr. Bei den Revolutionen in Tunesien und Ägypten waren nicht Einzelpersonen entscheidend, deren Gesichter man auf ein T-Shirt drucken würde. Die Führung ist aufgeteilt worden, verteilt - auf Hunderte.
Es bedeutet, dass politische, von Bürgern organisierte Bewegungen viel schneller entstehen - zu jedem Thema, in jedem Land, selbst in den USA. Dort hat in den vergangenen Wochen eine große Debatte über einen Gesetzesentwurf zur Online-Produktpiraterie getobt. Traditionell waren unsere Ansprechpartner Regierungen, Minister, Unternehmenschefs. An die wenden wir uns auch weiterhin - aber zunehmend müssen wir auch Bürger und ihre Netzwerke besser verstehen. Das ändert die Natur unserer diplomatischen Arbeit. Gleichzeitig schafft das Internet Instrumente für die Entwicklungspolitik, zur Bekämpfung von Armut. Das ist mindestens so wichtig wie seine Rolle bei der Mobilisierung politischer Bewegungen.
Die Abstimmung über die Entwürfe sind verschoben worden, die kritischen Punkte sind vom Tisch. Unsere Haltung findet sich in der Position des Weißen Hauses wieder. Und hier hat die Obama-Regierung eine sehr klare und unmissverständliche Haltung formuliert: Wir werden kein Gesetz unterstützen, das die Redefreiheit beschränkt. Und wir unterstützen kein Gesetz, das die innovative Natur des globalen Internets dämpft.
Keineswegs. Unser Gesetzgebungsprozess findet auf einem offenen Marktplatz von Ideen statt. Ihre Sorge wäre berechtigt, wenn die Entwürfe Gesetz geworden wären. Aber keiner der beiden Entwürfe ist auch nur durch eine Kammer des Parlaments gekommen.
Ich glaube nicht, dass die Menschen wegen der sozialen Medien rebelliert haben oder dass die Aufstände in Tunesien und Ägypten wegen der sozialen Medien erfolgreich waren. Das waren keine Facebook- oder Twitter-Revolutionen. Aber sie haben exakt vier Effekte gehabt: Erstens, sie haben das Entstehen der Bewegungen beschleunigt. Zweitens, sie haben es erleichtert, die Führungsrolle auf viele Schultern zu verteilen. Es gab eben keinen Waclaw Havel, keinen Lech Walesa. Stattdessen gab es Hunderte führende Köpfe. Drittens, die sozialen Medien haben Menschen zusammengebracht, die zuvor kaum Verbindungen miteinander hatten. Das hat die Bewegungen gestärkt. Viertens haben die sozialen Medien das Teilen von Informationen erleichtert - es gab plötzlich völlig neue Informationskanäle.
Sie sind nur Plattformen, auf denen jeder veröffentlichen kann. Sie sollten genauso wenig für die US-Außenpolitik haftbar gemacht werden wie für die Außenpolitik Dutzender anderer Regierungen. Auch Hugo Chavez nutzt Twitter. Und ich finde, das Unternehmen sollte nicht für seine Politik haften müssen.
Klar sprechen wir mit US-Firmen. Wenn wir uns mit landwirtschaftlichen Fragen beschäftigen, sprechen wir mit den Firmen in dem Bereich. Und wenn es um Versammlungs- und Meinungsfreiheit geht, sprechen wir auch mit Firmen, die in dem Bereich arbeiten.
Nein. Bei ICANN gibt es einen Multi-Stakeholder-Ansatz. Hier sind viele unterschiedliche Akteure verteten. Und ich glaube auch nicht, dass es im Internet überhaupt einen Hegemon geben kann. Über zwei Milliarden Menschen nutzen das Netz. Es ergibt sich aus dieser Netzwerkstruktur, dass ein einzelner Akteur oder ein Nationalstaat hier keine Vorherrschaft übernehmen kann.
[Anmerkung der Redaktion: ICANN ist die Internet Corporation for Assigned Names and Number. Die Organisation hat ihren Sitz in Kalifornien und ist als eine Art Verkehrs- und Baubehörde für die Internetstruktur und entscheidet über die Vergabe von Namen und Adressen. Sie unterstand bis 2009 dem US-Handelsministerium, wird jedoch seither von einem international besetzten Gremium überwacht.]
Wir begrüßen die Partnerschaft und die Führung der Europäischen Union. Europa genießt in vielen Teilen der Welt, in denen die Internetfreiheit besonders in Frage steht, eine hohe Glaubwürdigkeit.
Ich habe von seiner Ernennung gehört, ihn aber noch nicht persönlich getroffen. Ich bin mir aber sicher, dass er in Kontakt mit Mitarbeitern des Außenministeriums steht.
Private Firmen können selbst entscheiden, wie sie sich in dieser Frage verhalten wollen. Es ist nicht die Rolle der US-Regierung, ihnen hier Vorschriften zu machen. Wenn Menschen der Auffassung sind, dass es die Möglichkeit des anonymen Auftretens geben sollte, entsteht Platz für Wettbewerber. Es ist gut und wichtig, die Möglichkeit der Anonymität im Netz zu haben - aber das muss nicht zwingend bei Facebook sein.