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27. April 2010, 10:28 Uhr

Der Apfel ist kein Strohhalm

Tablets sind wunderbare Geräte, aber nicht die Retter der Zeitung. Wichtiger ist, dass die Verlage umsteuern. Doch welcher Weg ist richtig: Alle Inhalte umsonst oder alles gegen Bezahlung? Von Horst von Buttlar

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Das iPad zeigt deutlich die Schwächen der "alles ist umsonst"-Kultur im Internet auf© Stringer/Reuters

Voller Freude erhielt ich unlängst Nachricht von meiner bevorstehenden Rettung: Dank iPad würden sich die Verlage wieder trauen, Geld für ihr Produkt zu verlangen. Die papierlose Zeitung, aktuell, schnell, unter einem glänzenden Display und vor allem - bezahlt. Doch bald wurde ich von Tech-Freaks aus meinen Träumen gerissen, dass es mit der Rettung nichts wird: Erstens würden die Geräte wohl kaum die Alles-ist-umsonst-Seuche im Netz kurieren können. Und zweitens sei die Darstellung der Homepage einer Zeitung auf dem iPad so gut, dass fraglich sei, wer dann für eine kostenpflichtige Tablet-Zeitung bezahlen würde. Schöne Scheiße.

Allein diese kleine Beobachtung zeigt, wie fahrlässig es ist, seine Zukunft und ganze Hoffnung an ein Gerät, und sei es noch so ein Wunderding, zu hängen. Der Journalismus hat ein Problem, und es ist so tiefgreifend, dass die neuen Tablets nicht die Lösung sind - sondern uns zu einer Lösung drängen, mit der radikal umgesteuert werden sollte.

Die Ursache für dieses Problem ist eine kolossale strategische Fehlentscheidung vor etwa zehn Jahren, nahezu alle Zeitungsartikel im Internet umsonst anzubieten. Die Medien sind wohl die einzige Branche, die das Produkt, das sie herstellt, zweimal anbietet: einmal für Geld und einmal kostenlos. Das ist in etwa so, als würden alle Autohersteller nebenher gratis einen Shuttleservice anbieten, der die Autofahrer jederzeit an jeden Ort fährt. Klar, Onkel Hans würde sich aus Gewohnheit weiterhin alle drei Jahre einen neuen Mercedes E180 bestellen. Er hat ja auch seit 30 Jahren die "FAZ" im Abo. Seine Kinder aber würden ihm heimlich einen Vogel zeigen und sich hübsch chauffieren lassen.

Journalistischer Schluckauf

Die Medien ziehen den Irrsinn trotzdem durch, immer lauter jaulend zwar, und leiden seitdem unter Auflagenschwund, Gewinnrückgang und journalistischem Schluckauf (Klicks, Klicks, Klicks). Es ist seltsam: Wohl selten ist die Diagnose eines Übels klarer und öfter beschrieben worden und der Ausweg so einfach, eindeutig - und doch irgendwie unmöglich. Denn wer wollte den Anfang machen?

Und so verharrten alle jahrelang in einer Schockstarre, motzten die Homepages auf, verzahnten, integrierten, animierten, schrien "online first". Sie schaufelten massenweise die teuren Inhalte ihrer Zeitungen und Magazine auf die Homepage, stellten absurde Bilderstrecken wie "Die 1000 schönsten Vorgärten Nordfrieslands" ins Netz und verheimlichten, dass man damit immer noch kein Geld verdient.

Denn selbst wenn es irgendwo schwarze Zahlen geben sollte, sind sie eine Selbsttäuschung: Alle Nachrichtenportale werden in Teilen von einer Geisterredaktion geschrieben, den Zeitungsleuten, sie funktionieren nur durch Quersubventionierung - was die meisten Leser herzlich wenig interessiert. Lieber meckern sie über die nervige Werbung auf der Homepage.

Einige Verlage haben zwar immer wieder zaghaft versucht, Bezahlinhalte anzubieten - dann aber weitgehend abgeschafft. Seit einem Jahr erst ist eine kleine, neue Welle zu beobachten, vor allem in Großbritannien und den USA, wo das Zeitungssterben viel dramatischer ist: Rupert Murdoch ("eine Industrie, die ihre Inhalte wegwirft, kannibalisiert sich selbst") ist einer der Vorreiter, die wankende "New York Times" wurde von einigen Lesern sogar angefleht, endlich Geld zu verlangen.

An dieser Stelle kommt oft der Einwand, dass die sterbenden Printjournalisten die Onlineredakteure als Kollegen zweiter Klasse sehen würden - was Unsinn ist, denn beide sitzen im gleichen Boot. Ohne die Zeitungsredaktionen sähen alle Homepages heute anders aus: ein paar Autorenstücke, der Rest wären Agenturmeldungen, die mit Copy-Paste reingehoben werden.

Eine ganze Generation von Lesern wurde erzogen, für Infos kein Geld auszugeben. Und wir haben sie miterzogen. "Die Zeitungsbranche brauchte keine 15 Jahre, um ihr 400 Jahre altes Modell in Schutt und Asche zulegen", schreibt der Schweizer Publizist Kurt Zimmermann. Das Problem, so schien es bis vor Kurzem, ließe sich nur mit einer - undenkbaren - Kartellvereinbarung lösen: Die führenden Nachrichtenportale müssten geschlossen vereinbaren, ihren Inhalt über eine Flatrate anzubieten. Wer ein wenig Spieltheorie kennt, weiß: Das werden sie nicht tun. Lieber werden Seminare abgehalten, wo sich die Teilnehmer wie der kleine Nick auf dem Boden wälzen und über den Niedergang des Qualitätsjournalismus klagen.

Evolution der Lesbarkeit

Lange Zeit habe ich ja gehofft, das Problem würde sich abschwächen, wenn die verzogene Lesergeneration Kinder in die Welt setzt: Wer Familie hat, hat bald Haus oder Wohnung, isst Frühstück, statt nur Coffee to go zu schlürfen - und abonniert eine Zeitung. Vielleicht sollte man darauf lieber nicht warten oder bauen.

Und nun also: das iPad! Diese Reduktion von Darstellung, die "Verwaltungsreform" (Frank Schirrmacher), die Evolution der Lesbarkeit.

Können hier die Verlage endlich ihre Zeitungen anbieten, zu ganz anderen Preisen, weil sie Druck- und Vertriebskosten sparen? Sicher, daran wird eifrig gebastelt, und es wird großartig werden: neue Formate, neue Layouts, neue Aktualität. Was aber wird der Leser nutzen? Die kostenpflichtige iPad-Zeitung oder die kostenlose Homepage im Safari-Browser?

In dem kleinen Tablet kollidieren beide Kanäle auf engstem Raum und führen den Aberwitz des Modells vor Augen, ja entlarven es: bezahlter Inhalt und paralleles Umsonst-Universum. Einige Technikjournalisten berichten aus den USA, dass die kostenpflichtigen Apps sogar teilweise weniger bieten als die Gratisangebote derselben Anbieter im Netz! Es gibt nur zwei Auswege: Der erste wäre ein riskanter Shock-and-Awe-Ansatz. Er würde alle Gratisinhalte abschaffen. Ein anderer wäre, diese Angebote auf einen weitgehend automatisierten und standardisierten 08/15-Content runterzufahren - und den Rest kostenpflichtig zu machen.

Gefunden in ... ... der Online-Ausgabe der "Financial Times Deutschland"

Von Horst von Buttlar
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
superchecker2010 (29.04.2010, 17:07 Uhr)
Gibt doch gar nix...
zum Lesen im Netz. Das sieht nur so aus.

Nun ja, im Magazin gibts eigentlich auch nix zu lesen. Das Papier fühlt sich nur so hochwertig an.
Licorice (27.04.2010, 16:00 Uhr)
Kulturflatrate
Im Gegensatz zu früher bin ich nicht mehr bereit, 20 Euro für 4-5 Zeitschriften zu bezahlen, wenn ich virtuell 1000 weltweite Zeitschriften im Netz lesen kann.

An Printmedien festkleben zu wollen (auch per iPad) ist absurd. Das Internet hat diese längst abgelöst.

Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit für die Film/Ton/Printindustrie: Eine Kulturflatrate. Ich denke, dass die meisten bereit wären 10-20 Euro im Monat bezahlen würden, wenn sie dafür alles konsumieren/ downloaden dürften, was auf den Bildschirm kommt.

Die Alternative ist, dass alles so bleibt wie bisher - kostenlos und die Content-Mafia bekommt gar nichts.
7eleven (27.04.2010, 15:53 Uhr)
Orientierungslos
Für ein ?Wochenmagazin? wie den Stern ist das Onlineangebot mittlerweile Lebensnotwendig. Ob nun irgendwann mal kostenpflichtig oder nicht. Denn in der heutigen Zeit (Twitter usw.) ist eine Zeitung oder Magazin, das nur einmal die Woche erscheint, schlicht zu langsam. Die heutigen Nachichtenjunkies (wie z.B. ich), wollen schon recht zeitnah über Ereignisse informiert werden.
Dass aber die Presse an sich auch nach Jahren im Internet noch völlig orientierungslos und zeitweise hilflos von einer Verlegenheit in die andere stolpert, zeigt jetzt gerade z.B. der ?Spiegel?. Die haben es doch tatsächlich geschafft, ihr ?AboApp? für das iPhone teurer zu machen (?3,99), als die Printausgabe. Lustig oder erschreckend?
clubby (27.04.2010, 15:05 Uhr)
Hier ein paar Tips zum Geschäftsmodell
1. Machen Sie DEUTLICH und EHRLICH sichtbare , wer welche Interessen im Verlag vertritt. => TRANSPARENZ
2. Stellen Sie sicher, dass diese Interessen ausbalanciert sind (völlige Unabhängigkeit wird es nie geben) => OBJEKTIVITÄT
3. Gehen Sie Themen wirklich investigativ und tiefgreifend über den Tellerand blickend an. Themen gibt es GERADE HEUTE zuhauf: a) Warum konnte die Atomlobby kurz vor der Wahl so an Fahrt aufnehmen. Wie unterstützt diese Merkel und Co, wirklich. b) Gibt es einen Zusammenhang der Investitionen der Großindustrie in Rüstungsgüter und dem Bestrebern der Regierung Deutschland wird als starke "normalen" Kriegs-Militärmacht in der Welt zu etablieren?
c) Steht dies vielleicht im Zusammenhang mit der Überwachungsinnitiativen der Regierung, um die nach dem stärkeren Engagement in Afghanistan bewußt in Kauf genommen und erwarteten terroristischen Anschläge besser abzufangen.
d) An der Griechenlandkrise verdienen gerade durch die Haltung der Regierung die Großbanken Milliarden. Welchen konkreten Einfluss haben sie, um solches Regierung zu ihren Gunsten zu beeinfussen...
c) Wo sitzen diue Thinktanks , die sich mehr und mehr die Kontrolle im Internet sichern wollen, sei es nur über das Urheberrecht.
Sprich wir reden hier wirkich mal über => INVESTIGATION
4. Fordern sie nicht Geld, sondern bitten Sie für Spenden (annonym), wie es Wikileaks auch macht. Stimmen die Inhalte und werden durch diese wirklich vernünftige Diskussionen auf Basis von Informationen angestossen, zu der so ein "Normalbürger" gar nicht die Chance hat ranzukommen, werden sie dies auch unterstützen. => FREIWILLIGKEIT

bernie-abg (27.04.2010, 13:44 Uhr)
Frage:...
....Wer ist den schon bereit für gleichgeschaltete Murdoch-Propaganda-Inhalte zu bezahlen?
Das hat doch nun wirklich nichts mit freiem Journalismus zu tun.
johnniedeamonic (27.04.2010, 13:00 Uhr)
!
also meiner Meinung nach erleben die Printnachrichten deshalb ihren Niedergang weil den Menschen durch die Informationsfülle des Netzes bewusst geworden ist das sie von Zeitungen für Politik und Lobbys manipuliert werden.
Ein Nachrichtenmagazin das noch wirkliche Journalisten beschäftigt die ernsthaft daran interessiert sind Dinge aufzudecken und Nachforschungen anzustellen würde ich sofort Abonnieren.
Aber für eine Zeitung die nur Reuters Sekretäre beschäftigt die wenn sie schon brav sind einmal die Woche einen Rückblick zur Aktuellen Tatort Folge schrieben dürfen ist mir einfach kein Geld wert.
marihuhna (27.04.2010, 12:58 Uhr)
Qualitätsfalle
Die entscheidene Frage ist nicht ob man journalistische Mainstream Angebote kostenpflichtig machen kann. Diese Frage ist schon vor Jahren mit dem Scheitern fast aller kostenpflichtigen Zeitungsauftritte mit Nein beantwortet worden. Die Frage sollte eher lauten wie man das Onlineangebot eines Printmedium so gestaltet, dass es durch Online Werbung finanziert werden kann. Und dieser Weg führt so abschreckend es auch für die Verlage ist nicht über DSDS oder Naddel, sondern über Qualitätsjournalismus der sich von Mitbewerbern absetzt. Für viele Verlage stellt sich On- wie Offline die Zielgruppenfrage. Nur wer die wegbrechenden Printumsätze online auffangen kann wird überleben. Alle anderen sind zum Scheitern verurteilt. Da hilft auch das Pfeifen im Walde eines Herrn Hombach von der WAZ nichts.
Obstmann (27.04.2010, 12:21 Uhr)
Ich würde glatt bezahlen...
auch für die Browservariante...wenn ich ein ordentliches eigenes Profil bekomme...uneingeschränkte Kommentarfunktion...Alle Inhalte der Printvariante, eine intelligent sortierte erste Seite...(nach Aktualität UND meinen individuellen Interessen) und OHNE Werbung...aber dazu brächte ich kein bescheuertes iPad.. Ich will das hier..zuhause an meinem 21 Zoll Bildschirm, wo ich bequem mit Logitech Maus und Tastatur surfen kann... das ist doch Komfort..Wer will schon so ein fummeliges Brett, wo man dauernd mit dem Finger drin rum schmieren muss - nein Danke!
ballflachhalter (27.04.2010, 11:40 Uhr)
Ziele führen -
und Bedenken hemmen. Der Spruch ist uralt und zeitlos zugleich. Die Frage ist doch auch: welche Ziele verfolgt ein kostenloses Online-Angebot? Wird es angeboten, weil es alle anderen auch tun oder positioniere ich mich damit so unverwechselbar vor meinem Leser, dass er sich damit identifiziert und somit treu bleibt? Diese Unverwechselbarkeit ist m. E. nach bis auf das Seitenlayout nicht mehr gegeben. Die Angebote von Spiegel, Focus und Stern Online etc. sind inhaltlich beliebig austauschbar. Jetzt ist es an der Zeit für die Verlage, einen dritten Weg zu finden, der das Überleben des Verlags und die Attraktivität für den Leser gleichsam sichert! Die Ideen dafür müssen (und werden auch) aus den Verlagen kommen! Den Erfolg dieser Ideen bestimmt dann letztendlich der Leser...
cardiac (27.04.2010, 11:34 Uhr)
Lächerlich
So zu tun, als würden sich Printmedien über den Verkaufspreis finanzieren, ist lächerlich. Wenn dies so wäre, wäre nicht jede dritte Seite Werbung.
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