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9. Mai 2007, 16:45 Uhr

Computer setzt Stasiakten zusammen

Mit automatischen Aktenvernichtern und auch per Hand hat die Stasi versucht, ihre Akten zu verzichten. Jetzt soll der Computer bei der Rekonstruktion helfen und die Schnippsel selbstständig zusammensetzen. Dabei hilft ihm die Pedanterie der Stasimitarbeiter.

Zerrissene Stasi-Unterlagen hält ein Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts vor bereits gescannte Stücke© Stephanie Pilick/DPA

Die Absicht des DDR-Geheimdienstes im Wendeherbst 1989 ging trotz akribischer Aktenvernichtung nicht auf: Rund 16.000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Unterlagen wurden sichergestellt. Knapp 17 Jahre nach der Wiedervereinigung beginnt nun die groß angelegte Computer-Rekonstruktion von zerkleinerten und verknüllten Papieren, die das Ministerium für Staatssicherheit nicht mehr beiseite schaffen konnte. Am Mittwoch startete am Berliner Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik das nach eigenen Angaben weltweit einmalige Pilotprojekt.

Die Stasi-Unterlagenbehörde gehe davon aus, dass "relevante Unterlagen" zerrissen wurden, sagte Behördenvertreter Günter Bormann. Es sei anzunehmen, dass Material aus den Jahren 1988/89 in den Säcken liegt. "Das hatten die Stasi-Offiziere zum Schluss aktuell auf den Schreibtischen, das ist kein Material aus verstaubten Archiven", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Weitere Aufschlüsse über die Arbeit des DDR-Geheimdienstes seien zu erwarten, sagte Bormann. In Befehlen zur Aktenvernichtung habe es geheißen, dass "belastendes Material zu vernichten und Inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu schützen" seien. Für das gigantische Puzzle wurden Säcke aus allen Stasi-Hauptabteilungen ausgewählt. Viel Neues aus der Spionage-Abteilung HVA sei aber nicht zu erwarten. Dort seien Akten mit einer Sonderregelung gründlich zerstört worden.

Projekt dauert zwei Jahre

Für das Zwei-Jahre-Projekt hat der Bund 6,3 Millionen Euro bereitgestellt. Mit dem Computer-Puzzle sollen die Schnipsel aus 400 Säcken zusammengefügt werden. Die Stasi-Offiziere zerrissen zum Schluss die Akten per Hand, weil die Reißwölfe heiß gelaufen waren. Rund 600 Millionen Schnipsel von 45 Millionen Seiten finden sich in allen Säcken. 30 Leute bräuchten für das Zusammenfügen per Hand 600 bis 800 Jahre, hat das Fraunhofer Institut ausgerechnet.

Mit den wiederhergestellten Akten gebe es noch die Chance, Stasi-Spitzel zu enttarnen und zur Rechenschaft zu ziehen, sagte CDU-Bundestagsabgeordneter Klaus-Peter Willsch, der sich für das Projekt engagiert hatte. Unter Rot-Grün sei das Vorhaben nicht recht vorangekommen, sagte er zu dem späten Start. Nun solle aufgeklärt werden, was noch aufzuklären ist. "Das ist ein wichtiges Signal, dass Täterschutz nicht vor Opferschutz geht." Er mahnte, die Erinnerung an das DDR-Unrecht dürfe nicht verblassen.

Nach der Testphase müsse entschieden werden, ob die elektronische Zusammensetzung weiter geht, sagte der Abgeordnete. Wenn ja, könnten dann in rund fünf Jahren alle Akten wiederhergestellt sein. Beide Phasen würden nach Schätzungen weniger als 30 Millionen Euro kosten. In früheren Prognosen war von höheren Summen ausgegangen worden.

Auf dem Förderband in den Scanner

Projektleiter Jan Schneider erläuterte das Verfahren: Die Schnipsel kommen auf ein Förderband, werden einzeln von beiden Seiten eingescannt und dann automatisch sortiert: nach Farbe, Schrift, Stempeln und Papierrändern. Sobald das Computerprogramm Übereinstimmungen erkennt, fügt es die Teile zusammen. Dabei nutzt auch der pedantische Ordnungssinn der Stasi: Weil direkt vom Schreibtisch in einen bereitstehenden Sack geschichtet und fast keine Akten gemischt wurden, sei das Zusammenfügen machbar. "Für mich ist es spannend, die Stasi-Papiere zu entschlüsseln", sagte der 36-Jährige. Er empfinde das auch als ein Stück Zeitgeschichte.

In Zirndorf bei Nürnberg geht indessen das mühsame Zusammenfügen des zerrissenen Materials per Hand weiter. In mehr als zehn Jahren haben sich die Mitarbeiter dort bereits durch 323 Säcke gewühlt.

Jutta Schütz/DPA
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
caxi (09.05.2007, 20:27 Uhr)
Stasiakten überführen den Stern
Wie die Springer-Presse schreibt hat der Stern nachweislich die Stasi um gefälschte Dokumente gebeten, um ein Verfahren gegen Springer zu gewinnen. Dem Lübke 10 Jahre Bundespräsident wurde unterstellt an KZ Planungen beteiligt gewesen zu sein. Besonders fieß der Chefredaktuer Nannen: "Es folgten giftige Leitartikel des Verlegers und langjährigen Chefredakteurs, Henri Nannen, da Lübke zu den Vorwürfen schwieg. Nannen bemitleidete den Bundespräsidenten für die „bedauernswerte Figur, die Sie in Ihrem Amt bieten“, und forderte ihn auf, zurückgetreten: Das sei der „erste Schritt zu einer Gesundung unseres Staates“." Welche Größe hatte der alte Lübke, der zu den Vorwürfen einfach schwieg. Nach AGB hat der Stern übrigens das Recht dieses Artikel "beliebig" zu zensieren. Mal sehen wie er es mit der Pressefreiheit hält.
welt.de/politik/article862432/Heinrich_Luebke_und_die_Staatssicherheit.html
brandenburger (09.05.2007, 19:24 Uhr)
Gut!
Als selbst Betroffener finde ich das gut!!! Dass es bei all dem Gerede über eine Einstellung der Stasi-Nachforschungen doch noch Menschen gegeben hat, die sich ein solches System ausgedacht haben, finde ich ermutigend! Schade nur, dass die wirklich brisanten Akten wahrscheinlich zuerst dem Feuer überantwortet worden sind und wieder ein Stück Geschichte nicht aufgearbeitet werden kann...
 
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