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29. Dezember 2000, 16:52 Uhr

Grau in grau

Das Auge isst mit. Erst recht, wenn es um die Anschaffung teurer Hardware geht. Denken Sie einmal an die eigene Stereoanlage. Wer kauft schon einen CD-Player, der nicht mit mattiert schwarzem Plastikgehäuse, coolen LCD-Displays und abgefahren gestalteten Knöpfen aufwartet?

Das Auge isst mit. Erst recht, wenn es um die Anschaffung teurer Hardware geht. Denken Sie einmal an die eigene Stereoanlage. Wer kauft schon einen CD-Player, der nicht mit mattiert schwarzem Plastikgehäuse, coolen LCD-Displays und abgefahren gestalteten Knöpfen aufwartet? Je schriller das Design, umso teurer die Ware. Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, der CD-Player fürs Wohnzimmer würde im grauen Einheitsplastik der PC-Gehäuse ausgeliefert werden. Mit einem Lüfter, der jeder Flugzeugturbine Konkurrenz macht. Kein Mensch würde das kaufen.

Nennen wir das Dilemma doch beim Namen: Alle PC-Geräte vom Tower über das externe CD-ROM-Laufwerk bis hin zum Drucker sind grau, bestenfalls weiß (das aber schnell grau wird). Das sieht so hässlich aus, dass jeder noch so gut gestylte Arbeitsplatz sich in eine eingestaubt wirkende Lagerstätte für Designsünden aus den Sechzigern verwandelt. Alternativen gibt es, aber die lassen sich an zwei Fingern abzählen. Die Holzgehäuse in Kirschholz, wie sie ab und an auf der CeBIT zu sehen sind, kosten zwei Monatsgehälter. Und die persönlich gestalteten Airbrush-Gehäuse kreativer Künstler sind nicht minder teuer, sehen dafür aber aus wie der bemalte Beton unter einer Autobahnbrücke.

Viele Anwender schauen neidisch auf den iMac, an dessen Design sich Macintosh-Anwender ergötzen. Ja, sind die denn irre? Ein wuchtiger Kasten in grellen Psychofarben, dem man auch noch in die Innereien schauen kann, bringt doch jedes sorgsam geplante Feng-Shui-Wohnzimmer durcheinander. Da fließen womöglich die Energien nicht mehr richtig. Nur weil überhaupt ein anderes Design erdacht wurde, muss das noch lange nicht gut sein.

Der neidische Blick sollte sich viel eher auf die Handys richten. Die werden schließlich immer kleiner und ihr Aussehen immer cooler. Stellen wir uns doch einen Rechner vor, der nicht die Größe von zwei aufeinander gelegten Aktenkoffern hat, sondern endlich Form und Design einer kleinen, kompakten Hi-Fi-Anlage annimmt. Im Zeitalter des elektronischen Minimalismus muss es doch möglich sein, alle Komponenten enger zusammenzubringen. Passend zu diesem Gerät gibt es dann austauschbare Gehäuseabdeckungen in verschiedenen Farben: ein sattes Bordeauxrot, ein wiesensanftes Grün, ein zartes Himmelblau, eine Kuhfell-Imitation in schwarz-weiß oder eben das edle Schwarz der Hi-Fi-Geräte.

Wichtig wird sein, dass die Firmenlogos sämtlicher Hersteller auf dem Gehäuse zu sehen sind. Entsprechende Aufkleber müssen dann den einzelnen Hardware-Komponenten beiliegen. Das Angeben mit Marken ist wichtig, um den Nachbarn und den Kumpel zu beeindrucken. Deshalb soll die Megahertz-Zahl des Prozessors auch als erhabener Metallschriftzug auf dem Gehäuse prangen. Nein, noch besser: Ein hochauflösendes LCD-Farbdisplay im Gehäuse zeigt die technischen Protzdaten an und nennt gleichzeitig das Datum, die Uhrzeit, die Temperatur im Inneren und den Namen des Besitzers. Ein Feld zum Abnehmen des Fingerabdruckes zur Autorisierung des Anwenders muss ebenfalls her. Auch wenn der Besitzer weder Freunde noch regelmäßigen Besuch von Datendieben hat. Man weiss ja nie.

Auch die Zusatzgeräte müssen sich anpassen. Die Monitore dürfen auf Dauer nur noch aus einer hipp eingefassten Glasplatte bestehen, die an die Wand geschraubt wird. Damit der Schreibtisch frei bleibt für die wichtigen Dinge. Die Tastatur wird in den Tisch eingelassen oder kommt gleich als berührungssensitive Glasscheibe daher, die nur auf den Tisch gelegt wird. Eine Art Fingerhut zum Überstülpen ersetzt die Maus. Und der Drucker passt von den Ausmaßen her genau auf das Computergehäuse und druckt völlig geräuschlos seine Seiten aus.

Das alles darf natürlich nichts zusätzlich kosten und muss zum Discount-Preis zu haben sein. Sicher, ein bisschen abgedriftet ist diese Vorstellung schon. Aber warum sich diese ätzende graue Farbe so unauslöschbar im PC-Business breit gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Bitte gebt mir doch wenigstens ein Hi-Fi-Schwarz. Noch vor dem nächsten Millennium.

Carsten Scheibe

Typemania@compuserve.com

 
 
 
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