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27. November 2009, 10:31 Uhr

Gefährliche Handystrahlung

stern.de-Kolumnist Scheibe klagt: Sein Ohr glüht. Das liegt bestimmt an der gefährlichen Handy-Strahlung, die ihm langsam die linke Hirnseite verkocht. Was ist dagegen zu unternehmen? Die Lösung: ein Feng-Shui-Gitter, ein Handy-Aufkleber oder vielleicht doch lieber eine iPhone-App?

 
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Carsten Scheibe

Nachdem die Schweinegrippe wie eine Naturgewalt von Berlin aus über das Havelland geschwappt ist und vor allem die Kinder zum Fiebern und zum Husten brachte, ist es an der Zeit, mehr auf die eigene Gesundheit zu achten. Mir fällt doch auf, dass ich auf einmal viel häufiger unterwegs telefoniere, seitdem ich angesichts meines neuen iPhones zum ersten Mal meine Handynummer öffentlich gemacht habe. Die große Frage: Ist das denn gut für mich? Oder zumindest nicht schädlich? Denn man hörte ja lange Zeit gar Schreckliches von der bösen Handystrahlung, die durchs Ohr ins Hirn dringt und hier das bisschen Gallerte zerkocht, das einem nach exzessiven Untergruppen-Fernseh-Konsum noch in der Murmel verblieben ist.

Noch bevor echte wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die einer Prüfung durch geistig gesunde Anwender standhalten, sind es vor allem die Frauen, die ganz pragmatisch prophylaktisch tätig werden. Nachdem sie dank entsprechender Maßnahmen bereits erfolgreich den Erdstrahlen im eigenen Heim, den Geschmacksverstärkern in der Küche und einem schlechten Karma entkommen sind, rüsten sie nun in Sachen Handystrahlung nach. Da hier kein Homöopathie-Kügelchen zum Einsatz kommen kann, greifen die Mädels eben zu härteren Geschossen.

Feng-Shui-Drahtkäfig

So bricht bei meinem Freund Thomas gern einmal mitten im Gespräch die Verbindung zusammen - oder reduziert sich auf ein grauseliges Knistern und Knattern, das ein normales Sprechen unmöglich macht. Inzwischen wissen wir bereits, dass die Telekom an diesem Fehler keine Schuld trägt. Thomas ihm seine Frau ist es, die uns da das Gespräch verbrämt. Sie hat einen speziellen Feng-Shui-Drahtkäfig aus esoterischen Quellen, der schädliche Telefonstrahlen abfangen soll. Den stülpt sie gern einmal gedankenverloren über die Telefonbasis in ihrem Haus. Und was soll ich sagen: Der Käfig funktioniert. Nur fängt er ALLE Strahlen und Wellen ab. Also auch die der Funkverbindung zum mobilen Endgerät. Und schon können wir so lange nicht mehr telefonieren, bis Thomas den Drahtkäfig entsorgt und irgendwo im Haus versteckt hat, auf das er nicht mehr gefunden wird.

Jetzt gibt es etwas Neues. Der eFilter ist ein stylisher runder Aufkleber mit einem integrierten Mikrochip - in der Größe eines 5-Mark-Stücks (kennt keiner mehr, was?). Er wird einfach auf die Rückseite des Handys geklebt und soll hier umgehend die ausgehenden Strahlen abfangen. Die Hersteller sprechen in ihren wissenschaftlich ausufernden Infotexten von athermischen Longitudinalwellen, die für die schädliche Wirkung der Handystrahlen verantwortlich sein sollen, sich aber mit den aktuellen Mitteln der Wissenschaftler gar nicht messen lassen. Trotzdem glauben die Physiker an diese Wellen. Glauben jedenfalls die Hersteller. Denn kaum ist der kleine Deko-Chip auf den Markt, gehen Physiklehrer und Möchtgern-Physikexperten sofort auf die Barrikaden. Longitudinalwellen gibt es gar nicht, geifern sie. Die Hersteller kontern mit den neuesten Erkenntnissen der Quantenphysik, von denen die Kritiker noch gar nichts wissen können.

Das Kuriose: Während Hersteller und männliche Nutzer noch um Teilaspekte der Quantenmechanik streiten, nehmen die Frauen das runde Teilchen und kleben es sich einfach aufs Handy. Ihre Argumente: Es sieht doch hübsch aus. Und schaden kann es ja schließlich auch nicht. Recht haben sie: Bereits bei der Homöopathie oder beim Feng Shui geben sie ja auch viel Geld für etwas aus, dessen Wirkung vor allem in der Glaubenskraft liegt.

Ich persönlich bin für eine ganz andere Lösung. Ich bin mir völlig sicher, dass es eine eigene App fürs iPhone gibt, das die Strahlung wegfängt - wahrscheinlich auf quantenmechanischen Wegen. Ich werd' gleich mal im Appstore nachschauen. Wenn nicht, dann ist das die nächste Marktlücke.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

Mehr von Carsten Scheibe Carsten Scheibe geht unter die textBOOSTer und bringt die Texte anderer in Form, sodass sie sich frisch, verständlich und kundenorientiert lesen lassen. Ganz egal, ob es um Homepages, Newsletter oder um PowerPoint-Präsentationen geht: Nicht nur auf die äußere Form, sondern auch auf den Inhalt kommt es an. Wer Probleme hat, selbst die richtigen Worte zu finden, beauftragt eben einen professionellen Buchstabenjongleur.

 
 
Scheibes Kolumne

Seit 1990 lebe ich als freiberuflicher Journalist vom Schreiben. Das war schon immer ein Traum. Kurios: Als Diplom-Biologe mit Kernfach Bakteriengenetik hat es mich in den PC-Journalismus getrieben.

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