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Die Klosprüche der Generation Internet

Diese Woche musste eine Universität im schwedischen Lund geschlossen bleiben, weil jemand über Jodel eine Drohung abgegeben hatte. Ein Gespräch mit den App-Entwicklern über die Gefahren der Anonymität - und das, was den gehypten Dienst sonst noch ausmacht.

Von Wiebke Wetschera

Über 400.000 junge Leute in Deutschland nutzen die App Jodel bereits

Über 400.000 junge Leute in Deutschland nutzen die App Jodel bereits

"Kuschelpartner für kalte Tage gesucht" postet jemand. Darauf eine Antwort: "Hmm, wer bist du denn?" Im Anschluss daran ein "Hier!" und ein "Hier ich auch". Dann die Antwort: "Ein netter Mensch, der immer friert, und wer bist du so?". "Ich bin so ähnlich gestrickt". "Geh ins Tierheim!" fährt jemand dazwischen. "Hol dir einen Hund." Jemand anderes postet: "In meinem Bett ist es immer warm...". Das Ende der Konversation markiert der Satz: "Der Sommer ist vorbei, wie die S-Bahn grad".

Das ist eine typische Konversation bei Jodel. Die App aus Aachen ist mit 800.000 Nutzern gerade eine der erfolgreichsten bei jungen Leuten in Europa. Wie viele verschiedene Personen hier kommunizieren ist unbekannt. Alles wird anonym gepostet - und reicht von unterhaltsam bis völlig sinnlos. 

Eine ganz andere Anonymität

"Der anonyme Campus-Talk" lautet die Selbstbeschreibung, denn vor allem Studenten und deren Altersgenossen sind die Zielgruppe. "Wir haben uns so genannt, weil es am schnellsten und leichtesten verständlich ist. Aber niemand soll denken, wir wären ein Darknet. Wir wollen nur eine offene, witzige, interaktive Plattform sein ", sagt Alessio Avellan Borgmeyer, Geschäftsführer von TellM und Mit-Entwickler der App, im Gespräch mit stern. Zuvor hatten er und drei weitere ehemalige Studenten der RHTW Aachen eine App namens TellM programmiert. Der Vorgänger von Jodel. Das Unternehmen von Borgmeyer und seinen Kollegen heißt immer noch TellM GmbH.

Jodel ist auch in Schweden, Österreich, Schweiz, Spanien, Finnland und Norwegen sehr erfolgreich. Schon nach einem Jahr. "Es ist spannend zu sehen, dass überall anders gejodelt wird", sagt Borgmeyer. "In Deutschland beispielsweise wird die App viel anonymer genutzt als in Schweden. Da posten die Nutzer viele Selfies von sich."

Der Sinn von Jodel sei, dass der User in Echtzeit erfährt, was in der eigenen Umgebung passiert, so die Erklärung. Die App nutzt den Standort des Mobilgeräts und zeigt andere "Jodels" im Umkreis einiger Kilometer an. Man kann über jedes Thema jodeln und so mit Leuten in der eigenen Umgebung kommunizieren. Genau das sei auch das Ziel, sagt Borgmeyer: "Man sollte nicht nur mit Freunden und Freundes-Freunden kommunizieren - so wie bei Facebook oder Twitter - sondern mit Menschen, die in der gleichen Umgebung und deshalb relevant sind."

Bei "Jodel" muss man sich keine Gedanken machen

"Hygienisch & praktisch. Dank Jodel bekomme ich die Klosprüche des anderen Geschlechts zu lesen", schreibt ein User. In der Tat. Aber Jodel wird auch dafür genutzt, um Dinge zu fragen wie "Wo gibt es den besten Döner in Berlin?" oder "Soll ich wieder Sex mit meiner Ex haben?". Die Entscheidung geht dabei an Fremde über. Aber vielleicht ist es genau das, was den Reiz ausmacht: unverblümte Meinungen. Entscheidend für den Erfolg von Jodel sei vor allem die Anonymität, sagt Borgmeyer: "Viele sind es leid, ihre Profile immer wieder pflegen zu müssen und damit ihre Online-Präsenz zu kontrollieren. Bei Jodel müssen sie sich keine Gedanken über das eigene Bild machen."

Und was sagen die Nutzer? "Weil es lustig ist, und um attraktive Leute kennenzulernen" jodelt mir jemand auf die Frage zu, warum er oder sie jodelt. "Ich habe gehört, hier gibt es Karma" schreibt ein anderer. Auch ein wichtiger Attraktivitätspunkt: Als User kann man die Jodels der anderen entweder positiv oder negativ bewerten. Und je häufiger man bei Jodel aktiv ist, desto mehr Karma-Punkte sammelt man. Bye, bye mieses Karma!

Von Leichtigkeit bis Straftat

Das Motto, das die Entwickler der Community vorgeben lautet: "Sei freier, verrückter als jemals zuvor." Die Anonymität soll die Nutzer animieren, möglichst freizügig und ungehemmt über ihren Alltag zu plaudern - ohne sich dabei vor den Folgen fürchten zu müssen. "Wichtig ist, dass man aus dem Moment heraus, offen und schnell teilen kann", sagt Borgmeyer. "Es gibt kein Profil und keinen Namen und auch die Beiträge verschwinden irgendwann aus dem Feed. Das gibt den Nutzern eine gewisse Leichtigkeit."

Dadurch entsteht unterhaltsamer Trashtalk, aber es gibt auch eine Kehrseite. Wie zum Beispiel die Amoklauf-Drohung an der Universität in Lund in Schweden. "Geht morgen nicht zur Universität, wenn ihr in Lund seid. Seht euch morgen früh die Nachrichten an", so der Text. Dazu der Geschäftsführer: "Jodel basiert auf einer Nutzer-zu-Nutzer-Anonymität, und wir selbst haben sehr wenig Informationen über den Nutzer. Aber wenn es einen richterlichen Beschluss bei dringendem Tatverdacht gibt, arbeiten wir mit den Behörden zusammen."

In harmloseren Fällen, wenn Jodel unter die Gürtellinie gehen, dann können die Nutzer selbst einschreiten. Sobald sie einen Spruch auf einen Wert von minus fünf abwerten, wird dieser entfernt. Außerdem können User einen Spruch als anstößig melden.

Eine neue Verhaltensform

Jodel sagt viel aus über uns Nutzer, die wir auf Facebook und Twitter eigentlich schon genug Lebenszeit verschwenden. Alessio Borgmeyer ist da anderer Meinung: "Natürlich ist es eine neue Verhaltensform, dass man sich mit allen Personen in der eigenen Umgebung unterhält. Wenn ich im richtigen Leben mit Leuten spreche, die ich nicht kenne, stelle ich mich ja auch nicht mit meiner kompletten Lebensgeschichte vor."

Apropos richtiges Leben. "Ich nutze Jodel, weil das Leben so langweilig ist, dass man sich jeder Art von Unterhaltung unterwirft", teilt mir ein Nutzer mit. Das ist die Realität: Twittern, Liken, Jodeln. Mit allerlei Blödsinn kann man bei Jodel den Tag auf jeden Fall rumkriegen. Na dann, jodelahiti.

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