
Dieter Sommerfelds genealogische Schatztruhe ist total analog, doch der Hobbygenealoge betreibt auch ein Forum im Internet© Thomas Krause
Und so hat die Genealogie-Börse ein wenig den Charakter eines Familientreffens: Grauhaarige Männer mit karierten Hemden schlendern in einer ruhigen Minute zum Nachbarstand, um weißhaarige Männer in bunten Hemden mit Vornamen und Handschlag zu begrüßen. Nur wenige Stände werden gemieden: "Die sind kommerziell", raunen die Männer und beäugen skeptisch den ancestry.de-Stand. Die Internetseite ist ein Ableger des US-amerikanischen Webangebots ancestry.com, dessen Betreiber versuchen, nun auch auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Bei Ancestry kann man online seinen Stammbaum und somit eine Art Familien-Website bauen. Jedes Familienmitglied kann eingeladen werden, sein Wissen zum Stammbaum beizusteuern und somit die Familienbande zu stärken. Auch Fotos der Familienmitglieder können hochgeladen werden. Allerdings erfordert die vollständige Nutzung von Ancestry.de eine Gebühr. Dennoch wurden laut Betreiber inzwischen über eine Million Namen in ancestry.de-Stammbäume hochgeladen.
Die Erforschung der eigenen Familiengeschichte ist vor allem in den USA populär. Aber auch die Macher des Onlineangebots verwandt.de, die gerade online gegangen ist, hoffen, dass sich dieser Trend nach Deutschland fortsetzt. Die Website, auf der man ähnlich wie auf ancestry.de den Stammbaum seiner Familie eintragen und andere Familienmitglieder um Ergänzungen bitten kann, ist besonders jugendlich aufgemacht. Eine kleine Comic-Figur wie etwa eine weißhaarige Oma mit Brille und Dutt symbolisiert jedes mögliche Familienmitglied. "Wir erhoffen uns ein jugendliches, internetaffines Publikum, das dann per Mail ältere Familienmitglieder einlädt und so an unsere Seite heranführt", sagt Pressesprecher Marlon Werkhausen.Ein genaues Finanzierungskonzept besteht laut Werkhausen noch nicht: "Die Grundfunktionen werden aber auf jeden Fall gebührenfrei bleiben", sagt er.
Eine Vertreterin des von "verwandt.de" gewünschten Publikums sitzt vor dem Hermann-Bossdorf-Saal auf einem Tisch und wartet. Die 30-jährige Annabell Andreas ist eine der jüngsten Besucherinnen der Computergenealogie-Börse überhaupt. "Ich interessiere mich zwar auch für das Thema, begleite aber eigentlich meine Mutter", sagt die junge Frau.
Einige Meter weiter erklärt Inma Pazos geduldig, wie man seinen Stammbaum erforschen kann, wenn Archive und Genealogie-Datenbanken an ihre Grenzen stoßen. Für etwas mehr als 100 Euro bietet die schweizerische Firma Igenea an, durch eine Genanalyse nach der eigenen Urmutter oder dem Urvater vor etwa 40 Generationen zu forschen. Anhand bestimmter Abschnitte auf der DNS lasse sich bestimmen, zu welcher genetischen Gruppe der Weltbevölkerung man gehöre. Grundlage bildeten unter anderem Genanalysen archäologischer Funde, anhand derer eine Karte erstellt wurde, die zeigt, wie sich unterschiedliche genetische Gruppen auf dem Planeten ausgebreitet haben. Eine andere Grundlage seien die aktuellen Genanalysen, die auf Wunsch der Kunden in eine Datenbank eingespeist werden.
Pazos, eine 24-jährige Schweizerin mit dunklen Haaren, erklärt, sie selbst habe nur durch den Test herausgefunden, dass ihre Vorfahren aus Spanien und Irland kamen. Die Abstammung von der iberischen Halbinsel sieht man ihr an, die irische eher weniger. Eine Mittfünfzigerin hört sich alles geduldig an, lässt sich die Karte mit den globalen Entwicklungslinien unterschiedlicher genetischer Gruppen zeigen und die Grundzüge der Datenbank von igenea.de erklären, bis, ja bis Pazos sagt: "Und Sie bekommen dann auch Zugriff auf eine ständig aktualisierte Liste von Leuten, mit denen Sie genetische Übereinstimmungen haben. Sie können dann auf Wunsch via E-Mail Kontakt aufnehmen." "E-Mail?", fragt die Mittfünfzigerin. "Ich habe ja selbst keine Mailadresse."