Es gibt sicher Grenzen, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Wenn Sie Papier bedrucken, geht es um Fragen wie: Was kostet die Herstellung, und wie viel sind Leute bereit zu zahlen? Je umfangreicher das Lexikon, umso mehr können Sie dafür verlangen, und es gibt generelle Vorstellungen davon, wie groß ein Lexikon sein kann. Unsere Grenzen haben mit anderen Fragen zu tun. Etwa: Über wie viele Themen kann man sinnvollerweise schreiben, und welche Informationen lassen sich bestätigen, sodass wir kein Opfer von Schwindlern werden? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass es Dinge gibt, die zu belanglos für einen Wikipedia-Eintrag wären, und bei anderen haben wir zu wenige Informationen. Wo genau diese Grenzen liegen ist allerdings sehr schwer zu sagen.
Es stimmt sicher, dass es kaum noch die Möglichkeit gibt, einen relevanten neuen Beitrag zu schreiben. In den Anfangstagen konnten Sie auf einen Begriff wie "Afrika" klicken, und da war nichts. Sie konnten als Erster schreiben: "Afrika ist ein Kontinent." Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei. Trotzdem passiert ständig etwas, das unsere Aufmerksamkeit verlangt: aktuelle Themen; Neues aus Wissenschaft und Politik; Biographien, die aktualisiert werden müssen - es gibt genug zu tun, und wir sehen bisher kein Nachlassen der Beteiligung. Unsere Nutzer sind haben großen Spaß am Schreiben.
Ich kümmere mich weiter intensiv um die englischsprachige Wikipedia-Gemeinde - etwa wenn es um Streitfragen über Inhalte oder Grundsätzliches zu unseren Richtlinien geht. Um dabei möglichst neutral bleiben zu können, habe ich von Anfang an nur wenig ins Schreiben und Bearbeiten eingegriffen. Außerdem reise ich als eine Art Missionar für die Wikipedia um die Welt und versuche, sie bekannter zu machen, vor allem in Entwicklungsländern. Neulich war ich zum Beispiel in Südafrika, um die "Wikipedia Academy" zu leiten, ein Seminar, bei dem es darum ging, Studenten und Professoren in Johannesburg dabei zu helfen, Artikel in ihrer Muttersprache zu verfassen.
Das Konzept basiert auf Offenheit, auf völliger Transparenz, kombiniert mit der Möglichkeit zum Mitmachen, ähnlich wie bei Wikis. Im Augenblick planen wir, mit "Search Wikia" Ende Dezember an den Start zu gehen, und dann können alle, die Interesse haben, mithelfen, diese Suchmaschine zu entwickeln. Anfangs wird sie nicht besonders gut sein, aber zumindest ist sie offen.
Im Augenblick nutzen alle Suchmaschinen ihre eigene Software, und alles ist geheim. Die Entscheidungen, wie Ergebnisse ausgewertet und gewichtet werden, laufen hinter verschlossenen Türen ab. Ich glaube, es geht auch anders. Insofern ist "Search Wikia" eine Art politische Stellungnahme, genau wie alles, was ich in Angriff nehme. Natürlich muss auch die Qualität stimmen, damit Menschen diese neue Suchmaschine nutzen. Unser Ziel muss es sein, die Trefferquote zu erhöhen. Es gibt genügend Beispiele für Suchanfragen, bei denen die Ergebnisse enttäuschen. Menschen könnten eingreifen, korrigieren, Rückmeldungen liefern, um das Problem zu lösen - aber bisher gibt man ihnen dazu keine Gelegenheit.
Es geht vor allem darum, die Software zu steuern, die das Internet durchkämmt und den Inhalt der Webseiten erfasst. Menschen könnten helfen, indem sie bestimmte Seiten auf eine schwarze Liste setzen, wenn sie nur Spam, also Werbung, enthalten, und andere Seiten, die hilfreich sind, als besonders wichtig einstufen. Google oder Yahoo arbeiten genauso: Mitarbeiter überprüfen ständig, wie gut die Ergebnisse sind, und die Suche, die Auswertung der Treffer, wird entsprechend angepasst. Uns geht es darum, solche Entscheidungen in die Hände der Allgemeinheit zu legen, statt sie Firmen zu überlassen. Es ist so ähnlich wie mit Wikipedia und dem Brockhaus: Die einen schreiben für sich allein im Büro, die anderen gemeinsam und in aller Öffentlichkeit.
Oh, keine Ahnung. (Lacht.) Ich hoffe es natürlich - aber es gibt keine Garantie, dass wir Erfolg haben werden. Wir probieren's einfach mal aus und versuchen, Spaß dabei zu haben.
Das stimmt, ja.
(Zögert.) Jeden Monat kommen ungefähr 15 Prozent mehr Besucher dazu. Es schwankt, mal so, mal so. Tja, ich weiß es nicht so genau. Meine Mitarbeiter könnten Ihnen sicher besser Auskunft geben.
Stimmt, stimmt. Aber das ist nicht wirklich mein Gebiet.
Ich denke mir, wenn wir etwas aufbauen können, das die Menschen begeistert, etwas Großes und Offenes, das hohe Qualität bietet, dann folgen die Einnahmen von allein. Da mache ich mir keine Sorgen. Im Augenblick konzentrieren wir uns auf technische Fragen, damit die Menschen sich besser beteiligen können und noch mehr mitmachen.
Bei einem gemeinnützigen Projekt wie Wikipedia liegt alles in Händen von Freiwilligen, bis hin zur Gestaltung der Webseite und dem Verwalten der Computersysteme. Bei Wikia ist das anders. Da gibt es eine Art stilles Abkommen, das besagt: "Wenn ihr mit Werbung Geld verdient, dann müsst ihr euch selbst um die langweiligen Dinge kümmern, die hinter den Kulissen ablaufen." Was Spaß macht, übernehmen die Menschen weiterhin gern - aber keine Aufgaben, die sie als Arbeit empfinden.
Ich sage immer: Weil die Deutschen so schlau sind und so gut aussehen. (Lacht.) Im Ernst: Es ist schon interessant - in deutschsprachigen Ländern war die Wikipedia von Anfang an sehr stark. Ich vermute, dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben Bildung und Nachschlagewerke in Deutschland eine lange Tradition. Deshalb fällt der Wikipedia-Gedanke auf fruchtbaren Boden. Außerdem haben mir einige Wikipedianer erzählt, dass die Deutschen - vor dem Hintergrund ihrer Geschichte - sich bemühen, Gutes zu tun und dankbar sind für ein Projekt, das der ganzen Welt hilft. Ich kann nicht beurteilen, wie treffend dieses Argument ist, aber es ist mir mehrfach begegnet.
Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ich verstehe schon, woher dieser Eindruck kommt. Man kann hübsch darüber diskutieren. Aber der große Unterschied ist: Eine Religion vermittelt Grundwerte, eine Weltsicht, sie gibt uns Regeln, wie wir uns verhalten sollen. Wikipedia ist lediglich etwas, für das Menschen sich begeistern können, so ähnlich wie Fußballfans sich für Sport begeistern. Es ist ein Hobby, mehr nicht.