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9. Dezember 2007, 15:13 Uhr

"Es geht nicht von heute auf morgen"

Sehen Sie Grenzen für den Umfang der Wikipedia?

Es gibt sicher Grenzen, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Wenn Sie Papier bedrucken, geht es um Fragen wie: Was kostet die Herstellung, und wie viel sind Leute bereit zu zahlen? Je umfangreicher das Lexikon, umso mehr können Sie dafür verlangen, und es gibt generelle Vorstellungen davon, wie groß ein Lexikon sein kann. Unsere Grenzen haben mit anderen Fragen zu tun. Etwa: Über wie viele Themen kann man sinnvollerweise schreiben, und welche Informationen lassen sich bestätigen, sodass wir kein Opfer von Schwindlern werden? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass es Dinge gibt, die zu belanglos für einen Wikipedia-Eintrag wären, und bei anderen haben wir zu wenige Informationen. Wo genau diese Grenzen liegen ist allerdings sehr schwer zu sagen.

Wieviel aktive Beteiligung brauchen Sie noch, wenn das Meiste schon geschrieben ist?

Es stimmt sicher, dass es kaum noch die Möglichkeit gibt, einen relevanten neuen Beitrag zu schreiben. In den Anfangstagen konnten Sie auf einen Begriff wie "Afrika" klicken, und da war nichts. Sie konnten als Erster schreiben: "Afrika ist ein Kontinent." Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei. Trotzdem passiert ständig etwas, das unsere Aufmerksamkeit verlangt: aktuelle Themen; Neues aus Wissenschaft und Politik; Biographien, die aktualisiert werden müssen - es gibt genug zu tun, und wir sehen bisher kein Nachlassen der Beteiligung. Unsere Nutzer sind haben großen Spaß am Schreiben.

Wie aktiv beteiligen Sie sich selbst an der Wikipedia?

Ich kümmere mich weiter intensiv um die englischsprachige Wikipedia-Gemeinde - etwa wenn es um Streitfragen über Inhalte oder Grundsätzliches zu unseren Richtlinien geht. Um dabei möglichst neutral bleiben zu können, habe ich von Anfang an nur wenig ins Schreiben und Bearbeiten eingegriffen. Außerdem reise ich als eine Art Missionar für die Wikipedia um die Welt und versuche, sie bekannter zu machen, vor allem in Entwicklungsländern. Neulich war ich zum Beispiel in Südafrika, um die "Wikipedia Academy" zu leiten, ein Seminar, bei dem es darum ging, Studenten und Professoren in Johannesburg dabei zu helfen, Artikel in ihrer Muttersprache zu verfassen.

Zugleich versuchen Sie, eine neue Suchmaschine aufzubauen, von der Sie sagen, sie könne "die Internetsuche revolutionieren". Wie soll das gehen?

Das Konzept basiert auf Offenheit, auf völliger Transparenz, kombiniert mit der Möglichkeit zum Mitmachen, ähnlich wie bei Wikis. Im Augenblick planen wir, mit "Search Wikia" Ende Dezember an den Start zu gehen, und dann können alle, die Interesse haben, mithelfen, diese Suchmaschine zu entwickeln. Anfangs wird sie nicht besonders gut sein, aber zumindest ist sie offen.

Warum ist das so wichtig?

Im Augenblick nutzen alle Suchmaschinen ihre eigene Software, und alles ist geheim. Die Entscheidungen, wie Ergebnisse ausgewertet und gewichtet werden, laufen hinter verschlossenen Türen ab. Ich glaube, es geht auch anders. Insofern ist "Search Wikia" eine Art politische Stellungnahme, genau wie alles, was ich in Angriff nehme. Natürlich muss auch die Qualität stimmen, damit Menschen diese neue Suchmaschine nutzen. Unser Ziel muss es sein, die Trefferquote zu erhöhen. Es gibt genügend Beispiele für Suchanfragen, bei denen die Ergebnisse enttäuschen. Menschen könnten eingreifen, korrigieren, Rückmeldungen liefern, um das Problem zu lösen - aber bisher gibt man ihnen dazu keine Gelegenheit.

Wie sähe dieses Mitmachen konkret aus?

Es geht vor allem darum, die Software zu steuern, die das Internet durchkämmt und den Inhalt der Webseiten erfasst. Menschen könnten helfen, indem sie bestimmte Seiten auf eine schwarze Liste setzen, wenn sie nur Spam, also Werbung, enthalten, und andere Seiten, die hilfreich sind, als besonders wichtig einstufen. Google oder Yahoo arbeiten genauso: Mitarbeiter überprüfen ständig, wie gut die Ergebnisse sind, und die Suche, die Auswertung der Treffer, wird entsprechend angepasst. Uns geht es darum, solche Entscheidungen in die Hände der Allgemeinheit zu legen, statt sie Firmen zu überlassen. Es ist so ähnlich wie mit Wikipedia und dem Brockhaus: Die einen schreiben für sich allein im Büro, die anderen gemeinsam und in aller Öffentlichkeit.

Also müssen Google & Co. sich in Acht nehmen?

Oh, keine Ahnung. (Lacht.) Ich hoffe es natürlich - aber es gibt keine Garantie, dass wir Erfolg haben werden. Wir probieren's einfach mal aus und versuchen, Spaß dabei zu haben.

Stimmt es, dass Ihr Wikia-Projekt sogar noch schneller wächst als Wikipedia?

Das stimmt, ja.

Können Sie Zahlen nennen?

(Zögert.) Jeden Monat kommen ungefähr 15 Prozent mehr Besucher dazu. Es schwankt, mal so, mal so. Tja, ich weiß es nicht so genau. Meine Mitarbeiter könnten Ihnen sicher besser Auskunft geben.

Das scheint Sie nicht besonders zu interessieren - obwohl Wikia, anders als Wikipedia, eine Firma ist, die mit dem Ziel arbeitet, Gewinn zu machen.

Stimmt, stimmt. Aber das ist nicht wirklich mein Gebiet.

Obwohl Sie der Chef sind?

Ich denke mir, wenn wir etwas aufbauen können, das die Menschen begeistert, etwas Großes und Offenes, das hohe Qualität bietet, dann folgen die Einnahmen von allein. Da mache ich mir keine Sorgen. Im Augenblick konzentrieren wir uns auf technische Fragen, damit die Menschen sich besser beteiligen können und noch mehr mitmachen.

Wo liegt der Unterschied, wenn Menschen sich an etwas beteiligen, bei dem es um Profit geht?

Bei einem gemeinnützigen Projekt wie Wikipedia liegt alles in Händen von Freiwilligen, bis hin zur Gestaltung der Webseite und dem Verwalten der Computersysteme. Bei Wikia ist das anders. Da gibt es eine Art stilles Abkommen, das besagt: "Wenn ihr mit Werbung Geld verdient, dann müsst ihr euch selbst um die langweiligen Dinge kümmern, die hinter den Kulissen ablaufen." Was Spaß macht, übernehmen die Menschen weiterhin gern - aber keine Aufgaben, die sie als Arbeit empfinden.

Die Deutschen sind besonders eifrige Wikipedia-Autoren. Wie erklären Sie sich das?

Ich sage immer: Weil die Deutschen so schlau sind und so gut aussehen. (Lacht.) Im Ernst: Es ist schon interessant - in deutschsprachigen Ländern war die Wikipedia von Anfang an sehr stark. Ich vermute, dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben Bildung und Nachschlagewerke in Deutschland eine lange Tradition. Deshalb fällt der Wikipedia-Gedanke auf fruchtbaren Boden. Außerdem haben mir einige Wikipedianer erzählt, dass die Deutschen - vor dem Hintergrund ihrer Geschichte - sich bemühen, Gutes zu tun und dankbar sind für ein Projekt, das der ganzen Welt hilft. Ich kann nicht beurteilen, wie treffend dieses Argument ist, aber es ist mir mehrfach begegnet.

Manche entdecken in Wikipedia Anflüge eines Kults oder Züge einer religiösen Gemeinde. Sie auch?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ich verstehe schon, woher dieser Eindruck kommt. Man kann hübsch darüber diskutieren. Aber der große Unterschied ist: Eine Religion vermittelt Grundwerte, eine Weltsicht, sie gibt uns Regeln, wie wir uns verhalten sollen. Wikipedia ist lediglich etwas, für das Menschen sich begeistern können, so ähnlich wie Fußballfans sich für Sport begeistern. Es ist ein Hobby, mehr nicht.

Interview: Karsten Lemm
Seite 1: "Es geht nicht von heute auf morgen"
Seite 2: Sehen Sie Grenzen für den Umfang der Wikipedia?
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
iovialis (09.12.2007, 22:45 Uhr)
Relevanz
Obwohl ich WikiPedia sehr gern habe und das Projekt für unterstützungswürdig halte, stoßen mir einige Punkte auf, die nicht so toll sind. Das wäre einmal die Sache mit der "Relevanz", die manchmal daran festgemacht wird, wieviel Google-Treffer geliefert werden oder schlichtweg von einzelnen (vorlauten) Personen definiert sind. Relevant ist alles, das gesucht, bzw. gefunden werden kann - das verstehe ich unter einem "Lexikon". Und wenn sich nur eine Person dafür interessiert. Wie am Beispiel von Spears und Poe hier dargestellt, spielt es keine Rolle, ob das Platz wegnimmt...
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Fehlen von Ansprechpartnern. Das Ganze hat ein bisschen etwas von "kommunistischer Anarchie": wenige bis keine Gesetze (Anarchie), die von ein paar Wenigen als absolut gültig angewandt werden. Kommunismus auch deshalb, weil sich nicht jeder gleich verantwortlich für das fühlt, was ihm nicht, sondern allen gehört. Anders herum beharren manche Schreiber auf dem, was sie "von sich geben" und lassen keine andere (erweiterte) Ergänzung zu.
Deshalb stimme ich dem letzten Absatz des Artikels nicht zu. Für manche stellt WikiPedia eine Art "Identität" dar und man wird von solchen "Fanatikern" als bekennender "Nicht-WikiPedianer" (eben Freidenker) anders "behandelt". Deshalb hat es schon etwas von Anflügen eines Kults/einer Religion - für manche ist es mehr als Hobby (wie auch für manche Fußball mehr als "Fan-Sein" bedeutet - man prügelt sich "für" seinen Verein).
LHStarAlliance (09.12.2007, 21:04 Uhr)
Wikipedia
Wikipedia ist eine sehr sehr gute Website wenn nicht die beste !
Ich danke diesen Menschen sehr , die dies ohne jeglicher Werbung machen !
Super ! Kann sein dass es mal nicht stimmt aber 99% der Informationen sind hervorragend !
AH.Maurer (09.12.2007, 20:50 Uhr)
Wikipedia ist besser als ...
... nun, Sie können hier etwas beliebiges einsetzen. In erster Linie ist es aber eine unglaublich reichhaltige Quelle für Informationen und gibt dem, der sich etwas mehr dem System "hingibt" auch oftmals die so wichtigen zweiten und dritten Meinungen zu einem Thema. Das Wissen geht hier also nicht nur in die Breite, sondern auch in interessante Tiefen. Die Inhalte sind zu 97% nicht umstritten und bei den restlichen 3 Prozent lohnt es sich sehr wohl, die Archive des Themas anzuschauen, um den Blickwinkel zu erweitern. Wer anderer Meinung ist, nun bitte ... einfach den Artikel mit dem eigenen Wissen ergänzen. Es gibt immer was zu lernen. Auch von mir und erst recht von Dir...
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