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10. März 2010, 20:50 Uhr

Der Lehrer heißt Hotspot

Prügeleien, Geschrei und Zankereien - wie chaotisch und nervenaufreibend eine Fahrt in einem amerikanischen Schulbus sein kann, ist aus Spielfilmen bekannt. Jetzt sorgt ein Pilotprojekt im US-Bundesstaat Arizona für Aufsehen: Dort hat man einen gelben Schulbus mit drahtlosem Internetzugang ausgestattet. Von Jonas Schmidt

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Wo es früher krawallartig zuging, herrscht dank Internetzugang nun Ruhe© Colourbox

Täglich rollt Schulbus Nummer 92 durch die karge Wüstenlandschaft von Tuscon. Bis vor kurzer Zeit noch offline. Sein Ziel ist die Empire High School in Vail, einem Bezirk im US-Bundesstaaat Arizona. Früher sprangen die unruhigen Schüler hier über Sitzreihen, beschmissen sich mit Abfällen und schrien durch den Bus. Fahrer empfanden die 70-minütigen Fahrten oft als Zumutung. Damit ist nun Schluss auf Linie 92. Grund ist nicht etwa die Umerziehung der Schüler, sondern ein mobiler Wlan-Hotspot, wie die "New York Times" berichtet. Aus dem ehemaligen Krawallbus ist ein rollendes Klassenzimmer mit lauter arbeitswilligen Kindern geworden. Die Schüler unterhalten sich seltener, stattdessen hört man ein leises, kontinuierliches Tippen auf den Laptoptastaturen. Das Resultat gefällt bisher allen Beteiligten gut, insbesondere Busfahrer J. J. Johnson. "Das macht wirklich etwas aus. Die Jungs prügeln sich nicht mehr andauernd, die Mädchen sind beschäftigt und niemand springt hier mehr umher", sagt er der "New York Times". Die ruhige Arbeitsatmosphäre überrascht auch die Schüler, die ihre langen Bustrips neuerdings für Hausaufgaben nutzen.

Hausaufgaben via E-Mail

Der 16-jährige John O’Connel schlägt kräftig in die Tasten. Er muss noch seinen Aufsatz über den ersten Weltkrieg schreiben. Dafür braucht er noch nicht einmal ein Geschichtsbuch, die notwendigen Recherchen erledigt er schnell im Internet. Sein Mitschüler Kyle Letarte starrt gebannt auf den Bildschirm, in der Hoffnung eine Rückmeldung über seine elektronisch eingereichte Biologie-Hausaufgabe zu bekommen. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. "Danke, hab’s bekommen", mailt der Lehrer zurück. Die Strategie scheint aufzugehen. Mit dem Projekt sollen Schüler dazu motiviert werden, auch außerhalb der Unterrichtsgebäude effektiv zu arbeiten. Im Bezirk Vail gibt es 18 Schulen, verteilt auf eine Fläche von 1.100 Quadratkilometern. Die Entfernungen sind so groß, dass die Schüler häufig mehrere Stunden in den gelben Bussen verbringen müssen.

Doch nicht alle Schüler pauken so musterhaft an ihren Laptops. Jennifer Renner geht den Tag gelassener an, verabredet sich erst mal per E-Mail mit einem Klassenkameraden. Statt die quälenden Algebra-Aufgaben zu lösen, komponiert Musikfan Dylan Powell mit der Software Garage Band einen eigenen Song. Eine halbe Stunde geht für die Vergnügung drauf. Die unbegrenzten Möglichkeiten des mobilen Internetzugangs wissen die Schüler durchaus zu schätzen. Zwei Sitzreihen weiter hinten kämpft Jerod Reyes in einem Online-Ballerspiel namens "SAS" eifrig gegen Zombies. Jeder Klick löst einen Maschinengewehrschuss aus. Natürlich nur virtuell. Computerspiele sind für die Schüler eine große Verlockung, das weiß auch Schulbezirkschef Calvin Balker, der an der Umsetzung des Projekts maßgeblich beteiligt ist. Die unliebsame Nebenbeschäftigung der Schüler nehme er allerdings lieber in Kauf, als den ständigen Lärm und die Raufereien vor Einführung des Internetzugangs. Und doch gibt es einige Schüler, die ihre Laptops gar nicht erst auspacken. Sie lehnen sich einfach zurück und genießen die Ruhe – vor einigen Monaten noch undenkbar.

Die neuen Streber

Produktivität und Ruhe haben zugenommen, darüber sind sich Lehrer und Schüler einig. Missen wollen sie das High-Tech-Fahrzeug nicht mehr. Der Internet-Bus hat sich schon bezahlt gemacht. Während einer vierstündigen Fahrt zu einem Fußballturnier, nutzten viele Schüler die Zeit für Hausaufgaben, Online-Recherche und E-Mails. In den Pausen setzten sie sich freiwillig in den Bus, um weiter an Referaten und Aufsätzen zu feilen. Der Hotspot scheint wahre Wunder zu bewirken. "Das war der entspannteste Ausflug, den ich je mit Schülern erlebt habe", berichtet eine Lehrerin der "New York Times". Die Idee, einen Schulbus zu vernetzen, stammt vom IT-Chef des Bezirks, Matt Federoff. Er stieß im Internet auf eine Firma, die drahtloses Surfen im Auto versprach. Das müsste doch auch in einem Bus funktionieren, dachte Federoff. Bald darauf wurde der erste amerikanische Schulbus online-tauglich gemacht.

Das Konzept hat sich bewährt. Bald sollen die funkenden Busse auch in anderen Bundesstaaten zum Einsatz kommen. Schulbehörden in Florida, Missouri und Washington D.C. haben schon die entsprechende Hardware bestellt. 200 Dollar kostet der Router, 60 Dollar der Internettarif. Vor allem in ländlichen Regionen versprechen sich Schulen einen großen Erfolg vom mobilen Netzzugang. Denn den Schülern geht durch die neuen Möglichkeiten weniger Arbeitszeit verloren. Wenn Sie nach Hause kommen, haben sie bereits einen Großteil ihrer Hausarbeiten erledigt.

Die Blicke der Kinder sind allerdings nicht ständig auf die Bildschirme gerichtet. Manchmal reicht schon ein Regenboden oder die untergehende Sonne am Horizont - Naturspektakel lassen auch die Always-on-Generation nicht kalt. Dann verstummt für einen Moment das Tippen und Klicken auf Linie 92.

Von Jonas Schmidt
 
 
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