Wo Lügen zum guten Ton gehört

13. März 2009, 10:34 Uhr

Die Internet-Ankündigung von Tim K.s Amoklauf war eine Fälschung. Im Netz gibt es viele Hinweise, wie der von der Polizei zunächst als echt präsentierte Chat-Eintrag hergestellt worden sein könnte. Der mögliche Urheber entstammt wohl einer Web-Subkultur, die sich ganz der Geschmacklosigkeit verschrieben hat. Von Ralf Sander

4chan, krautchan, Winnenden, Amoklauf

Auschnitt aus der vermutlich gefälschten Ankündigung©

Die Wahrheit im Web, ein seltenes Gut. Schwierig zu finden, schwierig zu erkennen. Das ist keine neue Erkenntnis, doch sie ist gerade jetzt besonders verstörend. Polizei und Staatsanwaltschaft sind einer gefälschten Ankündigung des Amoklaufs von Tim K. aufgesessen. Und dabei in eine Falle getappt, die ihnen einige Internet-Spaßvögel gestellt haben - und die von ihrem Erfolg vermutlich selbst sehr verblüfft sind.

Chronologie eines Reinfalls

Das ist passiert: Am Donnerstagmittag hatten die Ermittlungsbehörden auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, "in einem Chatraum" die Ankündigung eines Amoklaufs in Winnenden gefunden zu haben . Der Beitrag sei um 02.45 Uhr eingestellt worden. Darin habe es geheißen: "Scheiße Bernd, es reicht mir, ich habe dieses Lotterleben satt, immer dasselbe - alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial. Ich meine es ernst Bernd - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen. Vielleicht komme ich ja auch davon."

Als Ort der Veröffentlichung wurde die Internetadresse "krautchan.net" angegeben. Dort gibt es allerdings keine Chaträume, sondern nur ein so genanntes Imageboard, wo Bilder veröffentlicht und über diese diskutiert werden können. Nach der Nennung der Adresse durch die Polizei sperrten die Krautchan-Betreiber das Angebot, mit der Begründung, dass zu viele Zugriffe den Server in die Knie zwängen. Und sie verspotteten Polizei und Medien. Alle seien auf eine Fälschung hereingefallen. "Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können.", steht auf der Seite. Die Staatsanwaltschaft wies diese Behauptung zurück und bekräftigte die Echtheit des Postings. Nachdem der Vater des 17-jährigen Chatpartners die Polizei über den Austausch der Nachrichten informiert habe, habe man die entsprechenden Einträge auf dem beschlagnahmten Computer von Tim K. gefunden, teilte eine Sprecherin am Nachmittag mit.

4chan, krautchan, Winnenden, Amoklauf

Screenshot des Originalpostings, das die Basis für die Fälschung gewesen sein soll©

Die Macher von krautchan reagierten prompt - und veröffentlichten einen Screenshot, der die Basis für die Fälschung gewesen sei soll. Darauf sind Bildhintergrund, Grafik, Absender und Zeitangabe identisch mit dem von der Polizei veröffentlichten Screenshot der angeblichen Tatankündigung. Auch stimmen Identifikationsnummer, die die Forumsoftware jedem Beitrag zuweist, überein. Die Ankündigung selbst fehlt, stattdessen sind Fragmente einer Unterhaltung zu lesen.

Die Website www.action-team.us veröffentlichte später eine Analyse, die den Eindruck weiter erhärtete, es handele sich wirklich um eine Fälschung. Unter anderem sind dort Screenshots zu finden, die offenbar eine Diskussion auf Krautchan.net dokumentieren, in der es darum geht, ob man die Polizei darauf hinweisen müsse, dass es sich um eine Fälschung handelt. Zum Abschluss zeigt der Autor außerdem noch an verschiedenen Beispielen, wie einfach sich ein solcher Fake herstellen lässt. Dabei benutzt er nicht Photoshop, um einen Screenshot zu fälschen, sondern einen HTML-Editor, mit der er eine gespeicherte Version des Krautchan-Postings verändert. Auch der "Unkreativ"-Blogger schreibt, dass die Fälschung mit einem Webdeveloper-Programm erstellt worden sei. Er zeigt auch, wie das funktioniert haben könnte.

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Die Krautchan-Macher verspotten die Medien und die Polizei

Am Donnerstagabend gab die Polizei zu, doch keine Chatprotokolle auf Tim K.s beschlagnahmten Computer gefunden zu haben. Der Pressesprecher der Polizeidirektion Waiblingen sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Eventuell war das ein Übermittlungsfehler." Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech schimpfte auf "sueddeutsche.de": "Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt". Mit Hilfe eines Rechtshilfeersuchens an die USA wollen die Ermittler nun prüfen, ob der Eintrag von dem 17-Jährigen Amokschützen Tim K. stammt oder nicht, sagte ein Polizeisprecher im Südwestrundfunk. Der betreffende Server stehe in den USA. Am späten Vormittag teilte die Polizei wiederum mit: Es sei nicht auszuschließen, dass die Nachricht auf einem anderen Computer erstellt wurde. "Ob der Täter ein Laptop hatte, wissen wir noch nicht."

Orte der Anarchie

In jedem Fall gerät durch diese Panne der Ermittlungsbehörden eine Subkultur des Internet in den Blick der Öffentlichkeit, die den meisten Surfern - und auch vielen Polizisten und Staatsanwälten - bisher verborgen geblieben ist: die Imageboards. Obwohl sie im Prinzip nichts anderes sind, als ein Ort, um Bilder zu veröffentlichen, hat sich in einigen ein extremer und vor allem geschmackloser Humor etabliert. Berüchtigtes Beispiel für diese Szene ist das US-Board "4chan", dessen deutsche Entsprechung krautchan.net ist. Ein Unterschied zu herkömmlichen Internetforen besteht darin, dass die Beiträge oft nur über eine kurze Zeit gespeichert bleiben und dass ein Großteil der Benutzer nur anonym aktiv ist, da keine Login oder Registrierung notwendig oder überhaupt möglich ist. Im US-Forum heißen aus diesem Grund fast alle Nutzer "Anonymous", bei krautchan.net erfüllt diesen Zweck der Name "Bernd". Dieser Name taucht auch in der wahrscheinlich gefälschten Tatankündigung von K. auf.

Der Platz des Irrsinns bei 4chan und krautchan heißt "/b/" und ist das Unterforum ohne thematische Festlegung. Es gibt außerdem Diskussionsbereiche zu verschiedenen Themen der Popkultur, zum Beispiel asiatische Comics und Zeichentrickfilme sowie Videogames, Musik und Filme im Allgemeinen. Doch in "/b/" darf alles veröffentlicht werden, Regeln scheint es keine zu geben. Umrahmt von jeder Menge gezeichneter und echter Pornobilder wird hier abseitigster Humor gepflegt, der für Außenstehende aufgrund der verwendeten Szenesprache häufig gar nicht verständlich ist. Und es wird provoziert, gelogen, gesponnen, gepöbelt. "Die Geschichten und Informationen, die hier veröffentlicht werden, sind künstlerische Werke der Fiktion und Lüge. Nur ein Narr würde irgendetwas des hier Veröffentlichten für Fakten halten", steht als Motto über dem "/b/"-Forum. Es ist ein Biotop für Forentrolle, die auch mal in anderen Communitys Unfug treiben. 4chan-Banden unternehmen gelegentlich sogar so genannte "Raids" - Überfälle - und fallen in Foren ein und legen mit einem Schwall von Unsinn den Betrieb lahm. So geschehen zum Beispiel im Juli 2007 mit der virtuellen Welt Habbo Hotel.

Schadenfreude (im Szenejargon "lulz" genannt) steht ebenfalls hoch im Kurs in dieser Szene. So lässt sich nicht nur die Fälschung der Amokankündigung erklären, die die Ermittlungsbehörden höchstwahrscheinlich an der Nase herumgeführt hat. Gleich nach der Tat tauchten verschiedene weitere gefälschte Profile auf, die angeblich von K. stammen sollten. Trittbrettfahrer kündigten zudem Bluttaten in Frankreich und den Niederlanden an. Und es wird über das Phänomen des Schulmassakers diskutiert, durchaus in einem wohlwollenden Ton. Die Toten von Winnenden werden wie bei einem Sportergebnis denen des Amoklaufs an der Virginia Tech University gegenübergestellt, wo Cho Seung-hui 32 Menschen und sich selbst tötete. Auch Dylan Klebold und Eric Harris - die beiden Mörder des Columbine-Massakers, das sich 2009 zum zehnten Mal jährt - genießen immer noch einen gewissen Kultstatus. Als hätten Amokläufer das Chaos, wie es in diesem Forum zelebriert wird, in die reale Welt getragen und deshalb Anerkennung verdient. Ob das nun wirklich jemand in diesen Foren glaubt oder ob es sich - wie bei allem in diesem Forum - nur um Fiktion und Lüge handelt, ist egal. Zynisch ist es allemal.

Zum Thema
KOMMENTARE (10 von 18)
 
xcezz (14.03.2009, 15:05 Uhr)
Herr Sander, meine Hochachtung.
Sehr geehrter Herr Sander, warum gibt es nicht mehr Journalisten wie Sie?
Sie sind der erste Journalist, der in dieser Sache vernünftig recherchiert hat anstatt den Leser (bzw. Zuschauer) mit Halbwahrheiten abzuspeisen. Ich versuchte vielen Zeitungen und Fernsehsendern in e-Mails in der Sache zu helfen, ihnen zu erklären was wirklich passiert war und bot auch weitere Hilfe bei Rückfragen an. Doch Sie scheinen der erste zu sein, der sich wirklich mit der Thematik auseinandergesetzt hat, im Gegensatz zu den Horden von selbsternannten Internet-Experten die sich dieser Tage vermehrt zu Worte melden.
Hierfür möchte ich Ihnen meine Hochachtung und meinen Respekt aussprechen.
Einzig und allein ihre Erklärung für den Szenejargon "lulz" ist so nicht ganz richtig. "Lulz" ist nichts weiter als eine Verfälschung des Netzbegriffes "lol" (engl. "laughing out loud") und bedeutet so viel wie Lacher (pl).
Mit freundlichen Grüßen
Patrick S.
Sternchen2020 (14.03.2009, 11:54 Uhr)
Ermittlungen und Berichterstattung
müssen uns wirklich Sorge bereiten. Nicht nur die Ankündigung war ein Fake. Auch war Tim K. niemals in einer stationären psychiatrischen Behandlung und der Vater hatte auch keinen Schießstand im Keller
.
Wohlbemerkt, es ändert an der Tragödie nichts. Aber wir leben in einer Demokratie, die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Mitteilung wahrer Sachverhalte, aubere Recherche und authentische Informationen.
.
Dieser Fall hat gezeigt, dass es große Defizite bei den Ermittlern, aber auch den Meiden zu verzeichnen gibt.
Eisenbaer (14.03.2009, 11:33 Uhr)
Nun, die Polizei hat sich selbst hereingelegt...
...sie wollte eine Ankündigung finden, bekam von Dritten eine solche geliefert und fand ihre Erwartungen bestätigt. Hätte man vorbehaltlos gesucht, wäre man nicht Opfer seiner eigenen Erwartungen geworden. So fand man, was man finden sollte, weil man es finden wollte, weil man ja immer vorher etwas hätte finden können...
Watschdog39 (14.03.2009, 05:54 Uhr)
Wer lügt hier!!!
Im Moment wird mal wieder das Waffenrecht als schuldig angesehen.
Da werden die dümmsten Sprüche abgelassen um noch dümmere Bürger emotional gegen "Waffen in Privathand" einzunehmen.
1.Waffen seien keine Sportgeräte, da sie dem töten dienen.
2.Sportwaffen sollten zentral gelagert werden, nicht zu Hause.
3.Schärfere Kontrollen in der Aufbewahrung.
Was das alles mit:
(malaiisch: meng-âmok, in blinder Wut angreifen und töten) zu tun hat ist mir unverständlich!!! In meiner Jugend gab es einige Zeitungsberichte über Amokläufer in Indonesien. Diese benutzten den Kris, einen langen Dolch. Sie liefen auch einfach über die Strasse und töteten wahllos Fremde.
Wenn in den USA Schüler in der Schule ihre Freunde und Lehrer töten so ist das ein soziales Problem dort. In den Medien breitgetreten finden sich dann hier Nachahmer, die davon träumen post mortem durchleuchtet und damit unsterblich zu werden.
Und wie man sieht klappt es ja auch, der Mörder findet alle Beachtung.
Ich denke, wenn man die Opfer herausstellen würde, den Mörder und seinen Background in der Öffentlichkeit unbeachtet lässt, gibt es zur Nachahmung keine Motive mehr.
Für manche Politiker kommt so ein Ereignis wie gerufen. Sie suhlen sich dann wie Schweine in dem aufgewühlten Dreck und versuchen ihre Ideen durch zu bringen.
Wenn der Täter seine Tat schon vorher im Internet angekündigt hat muss man hier sehr streng kontrollieren; das ist das Ziel der bewusst lancierten Zeitungsente.
Gelobt sei was eine schärfere Kontrolle möglich macht; sei es bei den Waffen oder im Internet.
reinhardmoysich (13.03.2009, 23:05 Uhr)
Mitmenschliches Verhalten als wichtigstes Lernziel!
Experten nennen als grundlegende Ursachen für Schulmassaker - wie nun in Winnenden - vor allem zu großen Leistungsdruck und Mobbing.
Ich finde, es sollte mit großem Einsatz und bedeutenden Veränderungen versucht werden, diese beiden Ursachen wesentlich zu reduzieren.
Mir fallen hierzu folgende Möglichkeiten ein:
1. Eine längere Schulzeit, in der auch Zeit für Besprechungen und Hilfestellungen bei den verschiedensten direkt oder anonym genannten Problemen der Kinder eingeräumt wird (ähnlich, wie es momentan aufgrund des Amoklaufs praktiziert wird), wobei gegebenenfalls auch Eltern mit eingeladen werden sollten.
2. Überprüfung der Lerninhalte:
Nur das, was sich in der Realität wirklich als nötig oder sehr hilfreich sowohl für das jetzige wie zukünftige Leben der Schüler erwiesen hat, sollte unterrichtet werden - schließlich wollen die Lehrer ja auch nicht, dass sie während ihrer Ausbildung etwas lernen müssen, was sie hinterher gar nicht brauchen.
Stattdessen wäre es äußerst nützlich, zwei neue Fächer von der ersten Klasse an zu unterrichten: Gesundheitserziehung und Ethik.
Dort sollten die Kinder nicht nur umfassend und kindgerecht über alle Fragen der Ernährung und Bewegung in Theorie und Praxis unterrichtet werden, sondern auch - und sogar vorrangig! - in mitmenschlichem Verhalten, speziell andersartigen Menschen gegenüber (egal, in welcher Art und Weise sie verschieden sind). Hierbei ist auch das Trainieren von Zivilcourage wichtig, wobei es gilt, unfair behandelten Personen zu helfen.
Das gesamte soziale Verhalten in der Schule sollte geprägt sein von der „Goldenen Regel“ von Konfuzius, welche als Grundlage der Menschenrechte gilt: „Behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest“.
Sehr hilfreich wäre es auch, wenn möglichst viele Lehrer, Schüler und Eltern einer Schule sich auf einer großen Tafel im Schulgebäude auf freiwilliger Basis schriftlich zum Einhalten dieser grundlegenden sozialen Regel verpflichten könnten.
Smipes (13.03.2009, 18:03 Uhr)
Successfull troll is successfull
ja super, schreibt noch mehr über diesen offensichtlichen fake, dann kriegt der typ ja noch mehr aufmerksamkeit.
successfull troll is successfull
Bantamo (13.03.2009, 15:24 Uhr)
Unterschied zwischen Serverlogs und Screenshots
Liebe Leute,
wäre der Hntergrund nicht so tragisch- ich würde mich biegen vor Lachen. Entweder man hat Beweise > Serverlogs incl. IP-Adresse des Nutzers oder man hat eben Screenshots, die einfach überhaupt nichts belegen, da sehr leicht leicht manipulierbar. Armer Hr. Rech, dass er so verdammt schlechte Berater hat. Aber gut- Politik, Medien, Polize - alle sind darauf versessen, etwas präsentieren zu können. Da unterlaufen schnell peinliche Fehler.
Sternchen2020 (13.03.2009, 13:42 Uhr)
Den Gipfel der Arroganz bietet jetzt
aber tagesschau.de. Gestern noch fleißg die Falschmeldung mit übers Land verstreut, heute schreibt sie:
.
"tagesschau.de erklärt, wie man Netzeinträge fälschen kann und wie man solche Manipulationen erkennt.
.
Vielleicht gibt es dafür ja den Grimme-Preis.
Maxi456 (13.03.2009, 13:24 Uhr)
Die bösen Bildbretter
VERBIETEN!!
Ich für meinen Teil vertraue Diskussionen von 4chan mehr als im Stern veröffentlichten Artikeln. Immerhin kann da jeder seine Meinung schreiben.
Als z.b. Israel und Hamas sich bekämpft haben wurden lange Diskussionen (und Beschimpfungen) zwischen Sympathisanten von BEIDEN Seiten geführt und zwar von extrem bis moderat. Dabei kann man sich selbst aber ein viel besseres Bild machen.
endbenutzer (13.03.2009, 13:18 Uhr)
Das zeigt nur wieder mal...
...welch kranke Gestalten sich teilweise im Internet tummeln. Man muss sich nicht wundern, wenn die Jugend immer mehr austickt. Statt das wirkliche Leben zu leben, werden Internetforen als Müllkippe missbraucht. Wie armselig...
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