Plötzlich Krebs. Die Diagnose erschütterte das Leben der heute 35-jährigen Johanna Zwarg. Im Interview erzählt sie vom Umgang mit der Krankheit - und wie sie sich dadurch verändert hat.
Ich dachte, die reden gar nicht von mir. Das muss ein Irrtum sein. Und im nächsten Moment war mir klar: Gut, wenn es das jetzt ist, dann bekommt mich der Krebs aber nicht. Das ist noch nicht das Ende.
Ich war gerade nach Australien gezogen, hatte mein Leben neu geordnet, war so glücklich und lebensfroh. Endlich hatte ich einen Schritt gewagt, meinen Job gekündigt, bin noch einmal an die Uni, und dann war es auf einmal so existenziell. Ich kann nicht genau beschreiben, woher der Gedanke kam. Aber es gab diese Grundüberzeugung: Nein, so nicht. Und der nächste Gedanke war: Wenn es so sein soll, dann behalte ich die Kontrolle. Ich kontrolliere mein Leben, nicht der Krebs. Daher habe ich auch nicht darauf gewartet, dass mir meine Haare bei der Chemo ausfallen, sondern habe sie mir selbst abrasiert.
Natürlich, tagtäglich. Das tue ich auch immer noch. Eine Zeit lang war ich davon überzeugt, dass sich alles Böse und Schlechte in meinem Leben an einem Punkt kristallisiert und gesammelt hat - und gefunden werden wollte. Aber die Krux an der Geschichte ist, dass man bei Brustkrebs nicht genau sagen kann, woran es liegt. Wenn ich eine Schachtel Zigaretten am Tag geraucht und Lungenkrebs gehabt hätte, wäre es klar. Oder wenn ich viel getrunken hätte und Lebermetastasen oder was auch immer aufgetaucht wären. Aber mir kann das bis heute niemand sagen. Das macht es auch so schwer, damit im Alltag klarzukommen. Denn natürlich überlege ich, ob ich alles richtig mache, damit der Krebs nicht wiederkommt.
Ja. Meine Tante väterlicherseits war ein halbes Jahr vor meiner Diagnose daran gestorben.
Ich habe von Anfang deutlich gemacht, dass ich Fakten will - keine Lügen und kein Schönreden, sondern nackte Tatsachen, damit ich damit umgehen kann. Ich habe mich selber als medizinischen Fall gesehen. Das hat mir geholfen, sachlich zu bleiben. Dann gab es wiederum sehr schwere Tage, als die Therapien abgeschlossen waren und ich gleichsam wieder alleine laufen lernen musste. Da habe ich versucht, mich auf das zu besinnen, was ich schon alles geschafft habe. Seit einem Dreivierteljahr bin ich nun bei einer Psycho-Onkologin, die mir bei der Aufarbeitung hilft. Sie zeigt mir, wie man mit Ängsten umgeht, wenn diese auftauchen. Vor den Check-ups zum Beispiel. Zwei, drei Wochen vorher wissen alle in meinem Umfeld schon, dass irgendetwas ansteht, weil ich nicht die Johanna bin, die sie kennen. Dann bin ich gereizter und empfindlicher. Ich werde aber auch stiller, ziehe mich zurück und mache das mit mir selber aus. Sprüche wie "Das wird schon" und "Mach dir mal keine Sorgen" kann ich nicht hören. Das will ich auch nicht hören. Es hilft mir nicht.
Der offene Umgang mit der Krankheit hat mir sehr geholfen. In Australien bin ich mehrfach auf der Straße von Menschen angesprochen worden, die gesagt haben: "Mensch, sag mal, hast du Krebs? Falls es dich interessiert, ich hatte das auch mal und schau mich an, es geht mir gut. Und ich sag dir, es wird dir auch gut gehen." In dieser Form wird einem das in Deutschland, glaube ich, nicht so häufig passieren. Das hat mir sehr geholfen. Dieses wirklich Offene, aber auch Positive. Denn es ist ja nicht das Ende der Welt. Es ist vielleicht für den Moment ein großes schwarzes Loch. Aber aus dem kann man auch wieder herauskommen.
Ja. Vielleicht auch von Menschen, bei denen der Krebs zurückgekehrt ist. Die anders an die Geschichte herangehen und sagen: Ich lebe jetzt seit zwölf Jahren damit, und es geht mir gut.
In erster Linie aus meinem Sohn, diesem Kind, das eigentlich laut Ärzten nicht hätte kommen sollen und können - und das wie ein kleines Wunder ist. Das ist momentan mein Hauptlebenselixier. Zudem habe ich durch die Krankheit erfahren, was für ein Mensch ich eigentlich bin und welche Stärke ich habe. Dass ich eine solche Energie in mir habe und diese Energie auch umsetzen kann - das hätte ich vorher nicht erwartet. Das Nächste ist, dass ich sehr viel achtsamer mit mir selbst umgehe. Ich bin rigoroser geworden, egoistischer in gewisser Hinsicht. Ich sage jetzt auch "Nein", wenn ich etwas nicht will.