Foodwatch fordert Gesetz gegen Werbung für Kindersnacks

3. Mai 2013, 06:38 Uhr

Von außen locken Comic-Bilder, innen stecken sie voller Zucker. Kindersnacks sind Teufelszeug, findet die Organisation Foodwatch – und will endlich Gesetze gegen die Werbung dafür.

Im Kampf gegen Übergewicht fordert die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch gesetzliche Regeln zur Einschränkung der Werbung für Kinder-Lebensmittel. Die europaweite freiwillige Selbstbeschränkung, unterschrieben von 19 der größten Hersteller, lasse den Unternehmen zu viele Schlupflöcher - die Selbstverpflichtung entpuppe sich als "reine Werbemasche", kritisierte Foodwatch am Freitag in Berlin.

Seit 2007 haben sich 19 große Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Kellog's oder McDonald's im sogenannten EU Pledge verpflichtet, keine Werbung für unausgewogene Produkte an Kinder unter zwölf Jahren zu richten. Tatsächlich aber laufe die Vermarktung von Frühstücksflocken, Eiscreme oder Kartoffelchips direkt an Kinder einfach weiter, erklärte Foodwatch.

Als Beispiel nannte die Organisation zwei Werbekampagnen, die derzeit auch beim Negativ-Wettbewerb "Goldener Windbeutel" als "dreisteste Werbemasche" des Jahres für Kinder-Lebensmittel nominiert sind: die für den Snack "Pom-Bär" von Intersnack und für "Kosmostars" von Nestlé.

Doppelt so viel Fett, fünf Mal so viel Salz wie McDonalds-Pommes

"Pom-Bär"-Chips enthielten doppelt so viel Fett und mehr als fünf Mal so viel Salz wie Pommes frites von McDonald's, würden aber dennoch weiter an Kinder beworben. Die Rechtfertigung laute nicht, dass das Produkt ausgewogen sei, sondern dass es vor einer Rezepturänderung noch unausgewogener gewesen sei. Nestlé werbe weiter für seine Frühstücksflocken "Kosmostars", obwohl diese 25 Prozent Zucker enthielten. Das Produkt erfüllt laut Foodwatch die von Nestlé selbst festgelegten Nährwertanforderungen der freiwilligen Selbstverpflichtung.

Nestlé erklärte dazu auf Anfrage, das Unternehmen sehe die Selbstverpflichtung als wichtige Grundlage für eine verantwortungsbewusste Werbung gegenüber Kindern. Seit Ende 2012 gebe es unternehmensübergreifende Nährwertkriterien für verschiedene Produktkategorien, die Vergleichbarkeit und Transparenz ermöglichten. Der Pom-Bär-Hersteller Intersnack erklärte auf Anfrage, der Gehalt an gesättigten Fettsäuren sei bereits um rund 80 Prozent reduziert worden. Bis Ende des Jahres werde auch der Salzgehalt bei allen Pom-Bär-Produkten um weitere 15 Prozent verringert.

Unternehmen unterlaufen Selbstverpflichtung

Foodwatch monierte auch, dass sich die Selbstverpflichtung der Unternehmen nur auf TV-Werbung, Printmedien und firmeneigene Webseiten bezieht. Verpackungen - etwa in Form von Comicfiguren - und auch Marketingmaßnahmen im Supermarkt wie Gewinnspiele sind ausgenommen. Auch das Sponsoring - etwa von Fußballturnieren oder Schulwettbewerben - falle nicht darunter.

Als Werbung gegenüber Unter-Zwölf-Jährigen gilt laut EU Pledge, wenn mindestens 35 Prozent der Fernsehzuschauer unter zwölf Jahre alt sind. Viele Sendungen, die Kinder gerne sehen, sind laut Foodwatch damit nicht betroffen. Schauten Vater, Mutter und Kind zu, stelle das Kind rein rechnerisch nur 33 Prozent des Publikums. Auch Werbung mit Sportstars, die sich nicht an Kinder richtet, erreiche Kinder "problemlos".

"Der EU Pledge ist scheinheilig", erklärte Foodwatch-Experte Oliver Huizinga. Nach wie vor vermarkte die Industrie fast ausschließlich Junkfood an Kinder. "Es muss Schluss damit sein, dass die Hersteller Verantwortung nur vortäuschen und mit wirkungslosen freiwilligen Maßnahmen Regulierung abwehren." Die Politik müsse die Eltern dabei unterstützen, Kinder gesund zu ernähren.

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Die stern-Expertin
Professorin Ursel Wahrburg steht dem Ratgeber Ernährung als Expertin zur Seite. Sie lehrt und forscht an der Fachhochschule Münster.