Er hat fünf Augenpaare, zwei Mäuler mit je 240 spitzen Zähnen und er ernährt sich von Blut. Eine Beschreibung wie aus einem Horrorfilm - dennoch: In der Medizin leistet der Süßwasseregel Hirudo medicinalis wertvolle Dienste. Von Angelika Unger

Der Anblick ist nichts für schwache Nerven - doch die Blutegeltherapie wirkt© Picture-Alliance
Ein Blutegel ist die reinste Mini-Apotheke. Bis zu 40 Inhaltsstoffe vermuten Forscher im Speichel der Tiere, gerinnungshemmende und gefäßweitende, entkrampfende, entzündungshemmende und schmerzlindernde.
"Wir wissen nicht genau: Ist es das Gemisch, das wirkt, oder sind es einzelne Stoffe?", sagt Andreas Michalsen. Er ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Egeltherapie. In der Abteilung für Naturheilkunde des Klinikums Essen-Mitte hat er bereits mehr als 1000 Arthrosepatienten mit Hilfe von Blutegeln behandelt. Das linderte die Gelenkschmerzen, ausgelöst durch verschlissene Knorpel, so erfolgreich, dass seine Arbeiten sogar im renommierten Fachmagazin "Nature" Erwähnung fanden.
Heilend zubeißen tun die Blutegel keineswegs aus reiner Menschenliebe: Sie sind Parasiten und leben von dem, was sie bei ihrem Wirt schmarotzen. Die heilsamen Inhaltsstoffe des Speichels sorgen dafür, dass sie möglichst lange und ungestört saugen können.
Dass der Biss des Egels eine heilsame Wirkung hat, ist keineswegs eine neue Erkenntnis. Bereits in Antike legten die Ärzte die fünf bis zehn Zentimeter langen Blutsauger bei eitrigen Geschwüren, Hautkrankheiten oder Venenleiden auf. Im 19. Jahrhundert entstand in Europa gar ein regelrechter Blutegel-Kult: Egal ob Fettsucht oder Nymphomanie, Asthma, Schwindsucht oder Verstopfung - keine Krankheit, die man nicht mit sanftem Aderlass per Egel zu heilen versuchte. Als unerfreuliche Folge dieser Mode waren die Tiere um 1900 in Deutschland ausgerottet - den Ärzten ging der Nachschub aus. Und nicht zuletzt weil mit dem Wissen um die Existenz von Bakterien auch die Angst vor Infektionen zunahm, geriet die Egeltherapie in Vergessenheit.

Züchter Manfred Roth mit Blutegeln. Die Tiere schätzen Körperkontakt© Tim Lochmüller/DDP
Die plastischen Chirurgen waren die ersten, die die kleinen Wunderheiler wieder schätzen lernten. Denn zu den Inhaltsstoffen des Egelspeichels gehört der Gerinnungshemmer Hirudin, der die Blutgefäße weitet - das ist beispielsweise bei Transplantationen wichtig, damit der neue Körperteil schnell gut durchblutet wird. Eine Wirkung, die sich Chirurgen seit den 60er Jahren zunutze machen.
Dass der Biss der Egel auch gegen Arthrose wirkt, ist hingegen erst seit wenigen Jahren wissenschaftlich belegt. Hier leistete Andreas Michalsen Pionierarbeit: In mehreren Studien wies er die heilende Wirkung bei Kniearthose nach. "Wir haben beeindruckende schmerzlindernde Effekte festgestellt: Schon nach einmaligem Anlegen der Egel gehen die Schmerzen deutlich zurück. Der Effekt hält rund drei Monate an", sagt Michalsen. Bei einer Studie setzte er 400 Patienten Egel ans Knie - 80 Prozent berichteten von einer deutlichen Linderung der Schmerzen.