5. November 2006, 09:00 Uhr

Was Frauen den Schlaf raubt

Job, Haushalt, Kinder - schon der Alltag lässt jede vierte Frau in Deutschland nachts kaum zur Ruhe kommen. Zwar ist Stress dabei ein bedeutender Auslöser, doch der wahre Schlafräuber verbirgt sich oft noch tiefer: in ihrem Hormonhaushalt. Von Katharina Kluin

Elke Schuster, 50, Geschäftsinhaberin in Leichlingen
"Vor dreieinhalb Jahren fing es an: Ich wachte mitten in der Nacht auf und war hellwach. Morgens fühlte ich mich total k. o. Dass ich in die Wechseljahre komme, darauf bin ich nicht gekommen
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Wenn Lisa Bunjes früher nicht schlafen konnte, hatte das einen greifbaren Grund. Sie konnte ihn sogar treten: ihren schnarchenden Mann. Doch dann kam die erste Nacht, in der sie plötzlich wach lag. Dann die zweite. Und der Grund war überhaupt nicht greifbar - ihr Mann schnarchte inzwischen in seinem eigenen Schlafzimmer.

Umso lauter tönten quälende Gedanken: Was ist los? Warum bin ich wach? "Da wütete etwas in mir und ließ mich nicht schlafen. Ich bekam es einfach nicht zu packen." Erst dachte sie, es sei der Stress. Die 12-, 13-Stunden-Tage, in denen sie zwischen ihrem Halbtagsjob in der Behörde und den Patienten ihrer Naturheilpraxis rotiert, zwischendurch eine Runde mit dem Hund dreht, abends das Nötigste im Haushalt erledigt. "Und dann das Gefühl: Wie soll das morgen alles gehen, ohne Schlaf?" Immer verkrampfter versuchte sie, zur Ruhe zu kommen. Stand mitten in der Nacht wieder auf, um endlich müde zu werden. Hörte Entspannungs-CDs rauf und runter. Las Bücher, hundertseitenweise - und lag am Ende doch wieder todmüde, aber wach im Bett.

Jeder achte Mann und jede vierte Frau hat Schlafprobleme

Unser Alltag bietet unzählige Ursachen für schlaflose Nächte: Der Sohn will ohne Abschluss von der Schule, die Eltern brauchen immer öfter Hilfe, für die Beziehung ist zu wenig Zeit, und auf dem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Auch wenn Männer von diesen Sorgen genauso betroffen sein mögen - es sind vor allem Frauen, die nachts keine Erholung finden. Fast doppelt so viele wie Männer.

Laut einer Umfrage der Uni Gießen zum Schlafverhalten der Deutschen hat etwa jeder achte Mann Probleme mit dem Schlaf. Bei den Frauen ist es jede vierte. Die meisten fügen sich in ihr rastloses Schicksal. Zu nahe scheinen die Ursachen für den schlechten Schlaf zu liegen. Berufstätig, Ehefrau, Mutter und Tochter zu sein, das fordert eben Tribut. Oder?

Tatsächlich liegen die Gründe für den schlechten Schlaf meist tiefer: in der Natur des Frauseins - im Hormonhaushalt. Wie Hunger, Durst und Lust steuert das Gehirn den Schlaf über hormonelle Schaltkreise. Sie arbeiten nicht autark, sondern greifen an zahllosen Stellen ineinander. Schritt für Schritt entschlüsseln Forscher, welche Regulationsprozesse beteiligt sind - und welche Rolle der Faktor "Frau" dabei spielt.

Die Hormone sind die Schlafräuber

So viel ist inzwischen klar: Geschlechtshormone mischen sich kräftig in den Schlafrhythmus ein. Denn im monatlichen Zyklus, in der Schwangerschaft und Stillzeit, vor, während und nach den Wechseljahren schwanken weibliche Hormonspiegel so stark, dass auch die Schlafregulation leicht ins Wanken gerät.

Schon die vergleichsweise geringen hormonellen Veränderungen während des Monatszyklus können auf den Schlaf der Frauen durchschlagen. So zeigte eine Studie der Rush University in Chicago, dass es im weiblichen Zyklus feste Schlechtschlaftage gibt. Das sind vor allem die Tage vor und auch nach der Menstruation, an denen die Hormonproduktion weit zurückgefahren ist. Und offenbar wirken nicht nur die typischen Beschwerden der Tage vor der Regel auf den Schlaf - Unterleibsschmerzen, schlechte Stimmung, Wasser im Gewebe. Es sind auch die Hormone selbst, die die Nachtruhe stören: Schlechten Schlaf registrierten die Forscher vor allem dann, wenn der Spiegel eines am Eisprung beteiligten Hormons, des FSH, besonders niedrig war.

Schwangere sollen Schlafprobleme nicht einfach hinnehmen

Ist der schlechte Schlaf junger Frauen vor der Familienzeit meist noch auf diese Tage und akute Stressphasen beschränkt, erleben viele von ihnen dauernde Schlafprobleme während der Schwangerschaft. "Das gehört eben dazu", sagt Kristina Behrendt, Ärztin in Berlin. Ende September bekam sie ihren zweiten Sohn Konstantin. Während der Schwangerschaft schlief sie wochenlang nicht durch, nickte am Tag über ihren Lehrbüchern ein.

Nicht nur der runde Bauch machte ihr zu schaffen. Wenn sie lag, klemmten die bei Schwangeren häufigen Wassereinlagerungen im Bindegewebe ihre Nerven ab - der brennende Schmerz riss sie Nacht für Nacht aus dem Schlaf. "Dann war ich erst mal hellwach", sagt sie. "Und wenn ich doch wieder einschlief, taten das ganz sicher auch meine Hände, Arme oder Füße - und alles ging von vorne los."

Schlafmediziner warnen: Zwar stören der Bauch, die Tritte des Kindes, das Sodbrennen und Schwitzen im letzten Drittel der Schwangerschaft den Schlaf fast zwangsläufig. Einfach hinnehmen sollten die Frauen die unruhigen Nächte trotzdem nicht. Denn was vielen Schlaflosen hilft, kann auch Schwangeren zumindest etwas Linderung verschaffen: die Methoden zur Muskelentspannung und mentalen Beruhigung

Nur 40 Prozent gehen zum Arzt

"Ob eine Schlafstörung behandelt werden sollte, hängt davon ab, wie sehr sie sich auf Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden am Tag auswirkt", sagt Jutta Backhaus, Leiterin des Schlaflabors an der Klinik für Psychiatrie der Uni Lübeck. "Das gilt auch - und gerade - für Schwangere. Die wirklich Kraft raubenden Wochen und Monate nach der Geburt stehen ihnen ja noch bevor." Doch die werdenden Mütter halten es meist nicht anders als der Rest der nachtwachenden Bevölkerung: Nur 40 Prozent aller Deutschen mit Schlafproblemen gehen mit ihren Beschwerden auch zum Arzt.

Wie wichtig es ist, die Störungen ernst zu nehmen, zeigt, was Wissenschaftler in den vergangenen Jahren über die Folgen schlechten Schlafs herausgefunden haben. Fehlt die nächtliche Erholung, funktioniert nichts mehr, wie es soll: Das Gedächtnis streikt, die Konzentration ebenso, und auch präzise Handgriffe gehen häufig daneben. Am Steuer drohen Schlechtschläfer einzunicken, gehen sie zu Fuß, geraten sie leichter ins Stolpern. Und auch jede Bewegung auf sozialem Parkett wird zum Balanceakt. Unausgeschlafene sind leicht reizbar und nervös.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 44/2006

 
 
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