Indien entwickelt sich zur größten Pharma- Versuchsanstalt der Welt. Nirgendwo sonst finden Arzneimittelhersteller so viele freiwillige Probanden, an denen sie ihre neuen Medikamente testen können. Für die Armen ist es häufig die einzige Chance auf medizinische Versorgung. Von Teja Fiedler

Im staatseigenen psychiatrischen Hospital von Ahmedabad testet ein junger Patient ein Psychopharmakon. Seine Angehörigen betreuen ihn Tag und Nacht© Stephan Elleringmann
Die Überlebenschance seiner Patienten ist gering. Sie sind schwer krebskrank: austherapiert, wie es kühl-neutral im Onkologenjargon heißt. Sie greifen nach jedem Strohhalm, den Chirag Desai, Chefarzt und Besitzer des "Vedanta Institute of Medical Sciences" in Ahmedabad, ihnen reicht. Der Doktor testet neu entwickelte Krebsmedikamente für Pharmafirmen aus aller Welt. Zurzeit hat er 18 "Trials" laufen, 10 davon leitet er selbst. "Es geht nicht um Wunderdrogen", sagt der 43-jährige Arzt mit den auffällig feingliedrigen Händen, "schon eine Lebensverlängerung um ein paar Monate wäre für diese Menschen ein Erfolg." Desai bedauert, dass die meisten neuen Medikamente nicht gezielt jene Tumoren bekämpfen, die in Indien am häufigsten sind, Karzinome in Hals und Rachen. Die internationale Pharmaindustrie entwickelt lieber Medizin gegen Lungen- und Brustkrebs, Krebsarten, die in der Ersten Welt vorherrschen.
Auch in der psychiatrischen Abteilung des staatlichen Hospitals von Ahmedabad wird eine neue Droge für den globalen Markt getestet. An schizophrenen Patienten. Die Räume sind schäbig, Wände und Decke fleckig. Rostige Eisengestelle die Betten, durchgelegene Matratzen ohne Bezug. "Die Psychiatrie kommt bei Investitionen immer zuletzt", sagt Hitendra Gandhi, Leiter der Abteilung, "seelische Krankheiten werden vom Staat nicht so ernst genommen." Er hofft, bald in einen Neubau umziehen zu können, raus aus dem ärmlichen Drittwelt-Ambiente. Die aktuelle Versuchsreihe dauert zwei Monate. Die Testpatienten teilen ihre Zimmer mit Angehörigen, die auf Matten auf dem Fußboden schlafen. Natürlich haben alle zugestimmt, Versuchskaninchen zu spielen. Wussten sie wirklich, was sie tun? "Wird mein Sohn wieder gesund?", fragt mich die Mutter eines schwer gestörten jungen Mannes, der mit weit aufgerissenen Augen auf seinem Bettgestell liegt. Für diese einfache Frau weisen mich Kugelschreiber und Notizblock als Autorität aus. Trüge ich einen weißen Kittel, so wäre ich ein Halbgott. Manchmal gehen Doktor-Gläubigkeit und Unterwürfigkeit selbst den Ärzten zu weit.
"Da erklärst du ihnen geduldig, was die Vor- und Nachteile eines Tests sind", sagt ein Arzt, "und zur Antwort kriegst du: ,Herr Doktor, ich mache das, was Sie mir raten.' " Bei mentalen Krankheiten sei es selbst im riesigen Indien nicht ganz einfach, genügend Patienten für eine Testreihe zu finden, also könne man nicht nur auf Einsa-Hospitäler zurückgreifen, sagt Michael Kracht, der Europa-Repräsentant von Lambda, einer der indischen Contract Research Organisations (CRO), die gegen gutes Honorar im Auftrag von Pharmamultis aus aller Welt Tests organisieren. "In der westlichen Welt würde es Jahre dauern, bis man Testpersonen in ausreichender Zahl beisammen hätte. Wenn sie überhaupt mitmachten."
Die Makler zwischen Pharmakonzernen und Testkliniken haben in Indien in den vergangenen Jahren rasant prosperiert. In einem Land von 1,2 Milliarden Menschen mit vielfach schlechtem Gesundheitszustand ist der Patientenpool für fast alle Leiden und Gebrechen groß wie nirgendwo sonst. Zudem sind viele der Testpersonen "naiv": Sie nahmen und nehmen bisher keine Medikamente, konnten sich teure Arzt- und Apothekenbesuche nicht leisten. Die Gefahr, die Resultate einer Neuentwicklung würden durch die Einflüsse anderer Substanzen verfälscht, ist also gering. In der Ersten Welt sind Probanden, die keinerlei Pillen konsumieren, kaum aufzutreiben. Es kommt hinzu, dass Inder eine erhöhte genetische Anfälligkeit für Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, alles Leiden, die der Industrie lieb und teuer sind. Und die Tatsache, dass Indien trotz schnellen Wirtschaftswachstums noch immer ein billiges Land ist, krönt seine Attraktivität vollends: Die Kosten für eine Testreihe sind etwa halb so hoch wie in Europa oder den USA.
Und so hat sich auf dem Subkontinent ein boomender Markt für die Erprobung neuer Pharmaka entwickelt. Noch bewegt sich der jährliche Umsatz bei 500 Millionen Euro, schon am Ende des Jahrzehnts soll er auf zwei Milliarden anschwellen. Die indische Zentralregierung, die lange den Trials eher misstrauisch gegenüberstand, hat vor zwei Jahren grünes Licht für fast alle Arten von Tests gegeben. Ist es ein Geschäft mit der Unwissenheit? In einem Land mit einer Analphabetenrate von fast 50 Prozent können viele der Testpersonen weder richtig lesen noch schreiben - fraglich, ob sie die Einverständniserklärung, die man ihnen vorlegt, vollständig verstehen. Ist es ein Geschäft mit der Armut? "Für die Mehrzahl der Menschen hier bedeutet die Teilnahme, zum ersten Mal im Leben überhaupt Zugang zu Medikamenten und ärztlicher Versorgung zu bekommen", sagt der Arzt und Medizinethiker Amar Jesani aus Mumbai, "dass sich die Mittel, die ihnen der Doktor verabreicht, noch im Versuchsstadium befinden, ist für sie zweitrangig."
Ist es ein lukratives Geschäft für die Ärzte und Krankenhäuser, die ihre Patienten in Trials einbringen? Jenseits des Honorars für die Abwicklung der Versuche erhalten sie selbst laut Dr. Jesani pro Testperson im Schnitt umgerechnet zwischen 100 und 500 Euro. Da ist man schon mal bereit, die positiven Aspekte eines neuen Pharmazeutikums herauszustellen: "Patienten sind natürlich zum Beispiel viel eher geneigt, an einem Trial für ein Krebsmittel teilzunehmen, wenn der Arzt ihnen sagt, die neue Droge könne vielleicht ihr Leben verlängern, als wenn er sehr nachdrücklich auf Haarausfall, Übelkeit oder mögliche innere Blutungen hinweist", so Jesani. Sind Pharmatests in der Dritten Welt deswegen die zeitgemäße Version von Frankensteins Labor, wo mit ahnungslosen Menschen des Profits wegen auf Teufel komm raus herumexperimentiert wird? John Le Carrés Roman "The Constant Gardener", in dem ein Arzneimittelkonzern zur Erprobung eines neuen Tuberkulosemittels in Kenia über Leichen geht, hat die Situation so dargestellt. Carrés Anklage ist Fiktion. Doch auch in der Wirklichkeit hat es immer wieder Fälle gegeben, bei denen Patienten ohne ihr Wissen oder Einverständnis für gefährliche Experimente missbraucht wurden.
In Indien wurde 2001 von einem Wissenschaftler der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore an Frauen ohne deren Einwilligung ein neues Krebsmittel ausprobiert, das noch nicht im Tierversuch getestet worden war. Zwei Jahre später spielten mehr als 400 indische Frauen Versuchskaninchen für eine andere Krebsdroge, diesmal im Auftrag der heimischen Pharmaindustrie. Angeblich sollte es die Fruchtbarkeit der Frauen erhöhen, in Wirklichkeit war es schädlich für ihre Embryonen. In Nigeria soll 1996 der US-Konzern Pfizer an ahnungslosen Kindern ein neues Medikament gegen Gehirnhautentzündung getestet haben - und hatte Glück, dass am Ende die Todesrate bei den Testpatienten zumindest nicht höher war als die von Erkrankten mit klassischer Behandlung. "Bedauerliche Einzelfälle", sagt Marek Dziki, der Chefmanager von Merck India in Mumbai, "die dann verständlicherweise durch die Presse gehen. Aber mindestens 99 Prozent aller Pharmatests laufen korrekt nach der vorgeschriebenen Prozedur ab. Denn jede Panne wäre verheerend für das Image der Hersteller. Das will, ganz abgesehen von ethischen Fragen, doch niemand riskieren."
Und doch herrscht bemerkenswerte Zurückhaltung, wenn die Presse anklopft. "Schlechte Erfahrungen mit den Medien", "Daten- und Patientenschutz, strikte Vertraulichkeit dem Auftraggeber gegenüber", "unüberwindliche Terminschwierigkeiten" sind die gängigsten Begründungen für eine Ablehnung der Bitte auf Zutritt. Etwa bei Parexel, einem US-Großunternehmen im Trial-Geschäft, genauso wie bei dem britischen Testorganisator Chiltern oder dem indischen Clininvent. Gibt es doch etwas zu verbergen? Bei Lambda in Ahmedabad hat man keine Scheu. Erst kürzlich hat Lambda zwischen Steinmetzbetrieben und Schreinereien an der Peripherie der Millionenstadt ein neues Stahl-Glas-Marmor-Gebäude bezogen. Lambda organisiert nicht nur Trials wie die bei Krebsarzt Chirag Desai oder in der städtischen Psychiatrie Ahmedabad, sondern nimmt Pharmatests auch selbst vor. Zwei Drittel der hausinternen Untersuchungen betreffen Generika, die exakten, aber viel billigeren Kopien von Markenarzneien, deren Patentschutz abgelaufen ist. Um ihre Gleichwertigkeit zu beweisen, müssen sie bei Versuchspersonen dieselben Reaktionen hervorrufen wie das Original. Ratiopharm beispielsweise, der deutsche Generika-Großhersteller, ist Lambda-Kunde.