In den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft verstärkt geprüft, was verschiedene Behandlungskonzepte für Alkoholiker taugen. Hier ein Überblick über Techniken, die sich als wirksam erwiesen haben. Von Heike Dierbach
In der Praxis wird immer eine Kombination von Methoden angewendet, individuell zugeschnitten auf den jeweiligen Patienten. Man unterscheidet zwischen Frühinterventionen, dem akuten Entzug und der anschließenden Rehabilitationsbehandlung:
Die Medizin setzt mehr und mehr darauf, Alkoholismus schon in der Entstehungsphase zu bekämpfen. Vor allem Hausärzte sprechen die Patienten auf ihren erhöhten Konsum an und informieren sie über gesundheitliche Risiken. Mit Erfolg: Eine Studie zeigt, dass schon ärztliche Maßnahmen, die weniger als 30 Minuten dauern (etwa Gespräche), mehr als die Hälfte der Patienten dazu bewegen, weniger zu trinken.
Grundsätzlich sollte ein Entzug
nie abrupt, sondern immer schrittweise
erfolgen, um körperlich riskante Entzugssymptome
zu vermeiden.
Ambulanter Entzug:
Oft kann der Entzug zu Hause, aber mit
täglichem Besuch beim Arzt oder in der
Ambulanz einer Klinik erfolgen. Dabei
reduziert der Patient innerhalb von fünf
Tagen schrittweise seine Trinkmenge auf
null. Nicht geeignet für Patienten, die
sehr viel trinken, bei denen in der Vergangenheit
bei einem Entzug Krampfanfälle
oder Delirien aufgetreten sind,
sowie für Abhängige aus ungünstigen
Sozialverhältnissen. In diesen Fällen ist
immer ein stationärer Entzug geboten.
Teilstationärer Entzug:
Der Patient verbringt den Tag in einer
Klinik, verbleibt aber ansonsten in seinem
Umfeld. Diese Entzugsform ist besonders
geeignet für Patienten, die noch
sozial integriert sind und bei denen die
Krankheit noch nicht weit fortgeschritten
ist.
"Qualifizierter
stationärer Entzug":
Der Patient bleibt mindestens drei Wochen
auf einer speziellen Suchtstation
einer psychiatrischen Klinik und macht
dort den körperlichen Entzug durch.
Zusätzliche therapeutische Maßnahmen
sollen ihm helfen, sein Verhalten
und seine Lebensführung zu verändern,
um abstinent zu bleiben.
Medikamentöser
Entzug:
Ambulant werden bei etwa einem Drittel,
stationär bei 80 Prozent der Patienten
zusätzlich Medikamente eingesetzt,
um die Entzugserscheinungen zu
mindern. Nachweislich wirksam sind
Clomethiazol und Benzodiazepine, die
jedoch ihrerseits abhängig machen
können. Bei leichteren Entzugserscheinungen
können Clonidin, Tiaprid und
Carbamazepin ausreichend helfen.
Etwa fünf Prozent der Patienten mit
Entzugserscheinungen entwickeln ein
Delirium mit Halluzinationen und Störungen
des Bewusstseins - ein lebensbedrohlicher
Zustand, der auf der Intensivstation
behandelt werden muss.
An den körperlichen Entzug sollte
sich immer eine psychotherapeutische
Behandlung anschließen, um die
Abstinenz zu sichern. Diese kann stationär
in einer sogenannten Langzeittherapie
über vier bis sechs Monate erfolgen
oder ambulant mit ein bis zwei Sitzungen
pro Woche über mindestens ein
Jahr, allein oder in der Gruppe. Ambulant
liegen die Abstinenzraten nach
einem Jahr bei 50 bis 60 Prozent, stationär
nach 18 Monaten bei 53 Prozent,
nach vier Jahren noch bei 46 Prozent -
wobei zu beachten ist, dass mit dieser
Therapieform die deutlich schwereren
Fälle behandelt werden. Die eingesetzten
Techniken sind stationär und ambulant
weitgehend identisch:
Verhaltenstherapie:
Da Alkoholismus sich im (Trink-)Verhalten
manifestiert, kommt dieser Therapieform
eine besondere Bedeutung
zu. Der Patient analysiert, welche äußeren
Bedingungen - etwa Stress oder
Vorbilder - Auslöser für sein Verhalten
sind und welche Ziele - etwa Entspannung
oder Geselligkeit - er mit dem Alkoholkonsum
eigentlich verfolgt. Darauf
aufbauend werden alternative Verhaltensweisen
entwickelt und geübt,
um diese Ziele zu erreichen. Dabei setzt
die Verhaltenstherapie eine Kombination
verschiedener Techniken ein:
Aufbau von Selbstmanagement:
Hierzu gehören etwa Abstinenzverträge,
Belohnungssysteme und Trinktagebücher,
in denen der Patient seine trockenen
Tage, aber auch eventuelle Rückfälle
aufschreibt.
Rückfallprophylaxe und -management:
Der Patient identifiziert
Situationen, in denen er den Drang verspürt,
Alkohol zu trinken. In Rollenspielen
wird ein adäquates Verhalten
eingeübt. Der Betroffene soll auch Techniken
entwickeln, einen eventuellen
Rückfall wieder zu beenden.
Soziales Kompetenztraining:
Anlass für den Konsum von Alkohol
sind häufig unangenehme Gefühle, die
durch zwischenmenschliche Konflikte
entstehen. Der Patient lernt, solche
Konflikte zu vermeiden oder produktiv
zu lösen, etwa indem er seine Gefühle
ausdrückt. Geübt wird auch, alkoholische
Getränke abzulehnen.
Stressbewältigung: Der Patient
identifiziert Stressituationen - also
Situationen, in denen er besonders
rückfallgefährdet ist. Es wird überprüft,
inwieweit sich die äußeren Bedingungen
verändern lassen und welche alternativen
Möglichkeiten zur Entspannung
es gibt.
Reizexpositionsverfahren: Ähnlich
dem Training etwa gegen Höhenangst
soll der Patient bei dieser Technik
lernen, eine Situation zu meistern, ohne
das bisherige Verhalten zu zeigen, also
zur Flasche zu greifen. Manche Therapeuten
konfrontieren den Betroffenen
dazu auch direkt mit alkoholischen Getränken.
Paar- und
Familientherapie:
Konflikte in der Familie können sowohl
Ursache als auch Folge einer Alkoholabhängigkeit
sein. Im Gespräch mit allen
Beteiligten werden destruktive Beziehungsmuster
analysiert und neue, positive
entwickelt.
Selbsthilfegruppen:
Zur Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen,
vor allem zur Langzeitprophylaxe,
gibt es nur wenige Studien. In einer Untersuchung
zum 12-Punkte-Programm
der Anonymen Alkoholiker erwies sich
dieses als ebenso wirksam wie eine Verhaltenstherapie.
Mediziner empfehlen
Selbsthilfegruppen als Ergänzung zu
anderen Maßnahmen.
Medikamentöse
Rückfallprophylaxe
(Anti-Craving-Mittel):
Seit einigen Jahren sind Substanzen auf
dem Markt, die das Verlangen nach Alkohol
dämpfen sollen. Nachgewiesen
ist die Wirkung aber nur für die beiden
Stoffe Acamprosat und Naltrexon. Zudem
kann bei sorgfältiger Überwachung
durch einen Arzt Disulfiram als
Aversivtherapeutikum eingenommen
werden (Disulfiram ist kein Anti-Craving-
Medikament, es führt zu unangenehmen
Empfindungen nach Alkoholeinnahme).
Kontrolliertes
Trinken:
Dabei legt der Patient fest, wann und
wo er höchstens wie viel trinken möchte.
Die Ergebnisse protokolliert er in einem
Trinktagebuch. Zur Behandlung einer
Abhängigkeit ist diese Therapiemethode
nach wie vor umstritten, die Studienlage
ist widersprüchlich. Allerdings
kann das kontrollierte Trinken offenbar
Patienten motivieren, für die eine Abstinenz
zunächst inakzeptabel ist - und
manch einer schafft darüber doch den
Schritt ins Trockene.

Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 10/2008