Umstrittene Alternative
Minimalistisch Laufen: Wie sinnvoll sind Barfußschuhe wirklich?

Barfußschuh mit einzelnen Zehen
Barfußschuhe sind eine gute Abwechslung zu normalem Schuhwerk, aber nicht alle finden sie schick und gut
© nullplus / Getty Images
An Barfußschuhen scheiden sich die Geister. Sportwissenschaftlerin Astrid Zech hat zu den minimalistischen Tretern geforscht und weiß, wann sich der Umstieg lohnt.

Frau Zech, immer mehr Läden für Barfußschuhe öffnen in unseren Innenstädten. Ist das nur ein Lifestyle-Trend oder tragen wir bald alle solche Schuhe?
Es ist nicht nur ein Trend, sondern auch ein Zeichen einer gesundheitsbewussten Lebenseinstellung. Letztere spielt in unserer Gesellschaft eine zunehmende Rolle, was wiederum die Beliebtheit der Barfußschuhe erklären könnte. Aber da Schuhe nicht immer aus einer gesundheitlichen Motivation heraus ausgewählt werden, ist die Käuferschicht noch relativ schmal. Handelsübliche Barfußschuhe sind inzwischen auch verhältnismäßig teuer und sprechen optisch eher selten jüngere Käuferinnen und Käufer an. 

Was unterscheidet Barfußschuhe von anderen Schuhen?
Fachleute sprechen von minimalistischen Schuhen. Definitionsgemäß müssen diese drei Kriterien erfüllen: Sie müssen sehr leicht und sehr flexibel sein – und sie dürfen keinen Absatz zur Dämpfung haben. Ziel ist es, mit ihnen das Barfußlaufen bestmöglich zu simulieren. Komplett ersetzen können das Barfußschuhe nicht. 

Was macht das Tragen von Barfußschuhen mit unseren Füßen und dem gesamten Bewegungsapparat?
Barfußschuhe geben aufgrund ihrer Eigenschaften dem Fuß maximale Flexibilität und werden somit meist als angenehm empfunden. Sie simulieren nicht zu 100 Prozent das Barfußlaufen, aber kommen diesem schon sehr nahe. Das unterstützt langfristig die funktional gesunde Entwicklung der Füße. Kurzfristig zeigen sich Unterschiede zwischen minimalistischen und herkömmlichen Schuhen vorwiegend beim schnelleren Laufen bzw. Joggen. Wir beobachten, dass der Fußaufsatz flacher wird und mehr mit dem Mittelfuß oder Vorderfuß aufgesetzt wird. Dabei verringert sich die vertikale Aufprallkraft und in der Folge die Belastung der Sprung- und Kniegelenke. Obwohl die Materialdämpfung als positive Eigenschaft von normalen Schuhen also wegfällt, kommt es durch den veränderten Fußaufsatz bei Barfußschuhen zu einer natürlichen Dämpfung.

Langfristig wird durch Barfußschuhe die Fußmuskulatur besser trainiert

Wie erklären Sie sich das?
In normalen Schuhen lassen wir den Fuß mit dem gesamten Gewicht auf den Boden treffen. Wenn wir zu Barfußschuhen wechseln, versuchen wir unbewusst, die fehlende Dämpfung selbst zu absorbieren. Dazu spannen wir die Muskeln sowohl im Fuß als auch im Unterschenkel stärker an. Langfristig wird dadurch die Fußmuskulatur besser trainiert. 

Welche Risiken gibt es, wenn wir zu schnell auf Barfußschuhe umsteigen?
Wer es nicht gewohnt ist, barfuß zu laufen, wird erst mal ein unangenehmes Gefühl verspüren und wahrscheinlich auch einen Muskelkater bekommen. Das weniger beim langsamen Gehen als eher beim Joggen. Grundsätzlich vorsichtig sollten Menschen sein, die Schwierigkeiten haben, die Balance zu halten. Untersuchungen mit älteren Personen zeigen, dass sie in minimalistischen Schuhen zunächst unsicherer gehen und stehen. 

Wie steigen wir dann am besten auf Minimalschuhe um?
Es braucht eine Übergangsphase, in der wir zunehmend lernen, mit den Barfußschuhen zu gehen. Das ist in etwa so, wie wenn wir uns neue Schuhe kaufen. Auch die fühlen sich zunächst oft unangenehm an. Irgendwann sind sie eingelaufen und man hat sich dran gewöhnt. Bei einem Barfußschuh ist es jedoch der Fuß, der sich anpasst – und nicht der Schuh.

Für wen ist es sinnvoll, auch mal in Barfußschuhen unterwegs zu sein?
Grundsätzlich ist es für jeden sinnvoll, gelegentlich barfuß zu laufen oder minimalistische Schuhe zu tragen. Denn durch sie müssen sich der Fuß und der gesamte Bewegungsapparat neu anpassen – und eine solche Abwechslung ist gut. In Populationen, die barfußlaufend aufwachsen, haben die Menschen im Durchschnitt nicht nur ein höheres Fußgewölbe, was für mehr Fußmuskulatur spricht, sondern sie haben auch breitere Füße. Aufgrund von Studienergebnissen wird geschätzt, dass etwa 80 Prozent aller Menschen weltweit Schuhe tragen, die ihnen zu kurz, zu schmal oder nicht hoch genug sind. Minimalistische Schuhe geben dem Fuß mehr Freiraum und könnten demzufolge eine effektive Alternative darstellen.

Bei sportlichen Laufschuhen gibt es neben sehr minimalistischen Schuhen den Trend zu immer hochtechnisierteren Schuhen, etwa mit Karbon.
Beide Schuhformen bieten je nach Zielstellung oder Motivation der Käufer gute Argumente zur Nutzung. Sie stellen aber zwei Extreme innerhalb des Laufschuhspektrums dar. Karbonplatten sind steif und nehmen einen Teil der Abbremsenergie beim Aufsetzen des Fußes auf und geben diese wieder ab, sobald der Fuß abhebt. Sie übernehmen also Fußarbeit. Das lohnt sich oft nur, wenn man leistungsorientiert mit eher hohen Geschwindigkeiten laufen möchte. Wer jedoch lieber natürlicher und gesund laufen möchte, könnte von Barfußschuhen profitieren. Allerdings braucht es dafür eine Übergangszeit von sechs bis acht Wochen, sonst kann es zu Beschwerden der Achillessehne oder sogar zu Ermüdungsbrüchen kommen. Einen Marathon sollte man darin jedenfalls nicht sofort laufen.  

Wie sinnvoll ist es für Hobbyläufer, häufiger zwischen normalem Schuh und Barfußschuh zu wechseln?
Ich empfehle, mehrere Laufschuhe zu besitzen, und diese auch mal öfter zu wechseln und mit minimalistischen Schuhen zu kombinieren. Wenn man aber das Gefühl hat, man kommt gut mit dem minimalistischen Schuh zurecht, auch bei längeren Distanzen, dann spricht nichts dagegen, das auch beizubehalten. Ich würde allerdings nicht empfehlen, zwischen Karbonschuhen und minimalistischen Schuhen zu wechseln, weil das wirklich zwei unterschiedliche Enden eines Spektrums sind.

Wie sieht es für andere Sportarten aus?
Vor allem bei Sportarten mit abrupten Stopp- oder Seitwärtsbewegungen kann der Halt im minimalistischen Schuh fehlen. Auch Abspringen funktioniert nicht so gut. Andererseits kann das Tragen eines minimalistischen Schuhs die Muskulatur stärken und dadurch dann auch vor Verletzungen schützen.

Nutzt sich der Trainingseffekt der Minimalschuhe mit der Zeit ab?
Der Aufbau der Muskulatur durch Barfußschuhe ist reversibel. Wenn man wieder komplett auf gedämpfte Schuhe umsteigt, passt sich auch die zuvor aufgebaute Muskulatur an.

Tragen Sie selbst solche Schuhe?
Ja, ich habe selbst solche Schuhe, aber ich trage sie nicht den ganzen Tag, sondern nur gelegentlich.

Sollten Kinder mit Minimalschuhen laufen lernen?
Kinder sollten so lange wie möglich barfußlaufen, außer orthopädische Fehlstellungen sprechen dagegen. Wenn Eltern das etwa auf dem Spielplatz nicht möchten, wegen des Untergrundes oder weil es dort zu dreckig ist, dann empfehle ich zunächst minimalistische Schuhe. Wenn das Kind später andere Schuhe möchte, ist das auch in Ordnung. Aber je später wir sie in dieses Korsett schnüren, desto mehr Freiheit hat der Fuß, sich zu entwickeln.

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