Umwege erhöhen die Ortskenntnis

Ein Leben auf der Erfolgsgeraden? Ist gar nicht so erstrebenswert. Oft lohnt es sich eher, im Kreis zu laufen - und einfach mal auszubrechen, meint Eckart von Hirschhausen.

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Manchmal lohnt sich das Ausbrechen. Wer den eingetretenen Weg verlässt, kann neue Erfahrungen machen.©

Eine Horrorvorstellung: Du bist in der Wüste ausgesetzt, läufst und läufst - und plötzlich wird dir klar: Du bist im Kreis gelaufen, die Quälerei war umsonst, du stehst wieder da, wo du angefangen hast. In vielen Geschichten kommt dieser Moment vor. Wie Wissenschaftler untersucht haben, scheint es, dass uns dieses Sich-im-Kreise-Drehen in die Wiege gelegt wurde, genauer gesagt in unseren Gleichgewichtssinn.

Bereits 2009 konnte ein Team um Jan Souman belegen, dass Menschen im Kreis laufen, aber nicht alle im selben. Sie vermaßen Nachtwanderungen in deutschen Wäldern und Orientierungsläufe in der Sahara. Die Französin Emma Bestaven verlegte die Untersuchungen in eine Halle, in der Hinweise wie Wind und Geräusche ausgeschlossen werden konnten. 15 Versuchspersonen sollten mit Augenbinde geradeaus laufen; jeder hatte sechs Versuche. Sechs Probanden drifteten immer in die gleiche Richtung, andere wichen mal nach links, mal nach rechts ab. Nur jeder zehnte Lauf ging geradeaus. Weder drifteten Rechtshänder in eine bestimmte Richtung, noch spielte die Dominanz bei Augen oder Beinen eine Rolle. Auch in der Beinmuskelaktivität fand sich kein Unterschied.

Die Studie wurde in Bordeaux durchgeführt, wo es viele gute Gründe gibt, nicht ganz gerade zu laufen. Nüchtern analysiert, liegt des Rätsels Lösung im komplexen Zusammenspiel von Gleichgewichtssinn und Sensoren in der Fußmitte. Die verkalkulieren sich leicht bei der Frage, was gerade gerade ist und was immer der Nase nach. Wegen dieser minimalen Ungenauigkeiten lassen wir uns ohne markante Punkte in der Landschaft von den eigenen Sinnen an der Nase herumführen.

Gedankenpirouetten und Schlangenlinien

Mich fasziniert dieser Zirkelschluss. Ist er nur eine Laune des Gleichgewichtssinns, oder trägt er womöglich zu unserem psychischen Gleichgewicht bei? Könnte es gute Gründe geben für diese Tendenz, an den Ursprung zurückzukehren? Ist Fortschritt nicht immer eine Illusion? Verläuft das Leben wie ein Pfeil von A nach B oder eher wie eine Spirale? Sodass wir, an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, nicht etwa auf der Stelle treten, sondern ihn, an Erfahrung reicher, von oben betrachten können.

Wenn wir auf diese Weise drüberstehen, hätten wir beim Gehen einen kleinen Aufstieg hingelegt, unmerklich die Ebene gewechselt wie in einem Parkhaus. Ansonsten sind Parkhäuser als Bild für eine Weiterentwicklung ungeeignet, weil man zwar viel im Kreis fährt, es aber merkt. Und ohne die idiotischen Pfeile auf dem Boden wäre man auch schnell wieder aus der Goldgrube draußen.

Ich war abgelenkt - eine Pirouette. Mäandern ist auch so ein poetisches Wort, das die Schlangenlinie feiert, die unser Leben oft besser beschreibt als die Erfolgsgerade. Und hat nicht einer der bekanntesten Deutschen, Michael Schumacher, seinen Erfolg darauf aufgebaut, möglichst schnell wieder dort zu sein, wo er losgefahren ist? Und falls Sie jetzt verwirrt sind, welche Richtung dieser Text genommen hat - lesen Sie doch einfach noch mal von vorn.

Übernommen aus ... stern Gesund leben Ausgabe 01/2013
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Eckart von Hirschhausen
 
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