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Stimmungsaufheller mit Nebenwirkungen

Um aus einem Tief wieder herauszukommen, greifen immer mehr Menschen zu Johanniskraut. Der vermeintlich sanfte Stimmungsaufheller ersetzt jedoch nicht den Besuch beim Arzt - und kann zudem unberechenbare Nebenwirkungen haben.

Mit kürzeren Tagen und kühlen Temperaturen trübt der Herbst vielen Menschen die Stimmung. Um die Laune aufzuhellen, greifen so manche zu Johanniskraut. Zwar weisen immer mehr Studien darauf hin, dass das Pflanzenmittel tatsächlich gegen leichte bis mittelschwere Depression helfen kann. Dennoch warnen Mediziner vor einer leichtfertigen Selbstbehandlung.

Widersprüchliche Ergebnisse

Auf die Frage nach der Wirksamkeit von Johanniskraut gegen Depressionen äußern sich Mediziner tendenziell vorsichtig, denn die Datenlage dazu ist gemischt. In der Vergangenheit gelangten manche Studien zu dem Schluss, dass Johanniskraut nicht oder allenfalls kaum besser wirkt als Scheinpräparate. Andere wiederum kamen zu dem gegenteiligen Resultat und bescheinigten dem Pflanzenmittel einen Effekt, der durchaus mit Antidepressiva vergleichbar ist. Diese widersprüchlichen Resultate liegen vermutlich einerseits daran, dass die Symptome von Depressionen zeitweilig deutlich schwanken können. Zudem reagieren gerade Menschen mit einer Depression oft ausgesprochen stark auf Placebos.

Dennoch häufen sich die Hinweise darauf, dass Johanniskraut die Stimmung aufhellen kann. So kommt etwa Klaus Linde vom Münchner Zentrum für naturheilkundliche Forschung in einer Metaanalyse zu dem Schluss, dass Johanniskraut-Präparate bei leichten bis mittelschweren Depressionen helfen. "Zumindest bestimmte Extrakte sind wirksam", sagt Linde vorsichtig und verweist auch auf Tierstudien, die zu einem positiven Befund kommen. Seine Auswertung von 37 Doppelblindstudien ergab, dass das Pflanzenmittel ähnlich wirksam ist wie herkömmliche trizyklische Antidepressiva und Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.

Die Dosierung ist entscheidend

Diese Meinung vertritt auch Mario Wurglics vom Institut für pharmazeutische Chemie in Frankfurt. "Bei leichten bis mittleren Depressionen ist Johanniskraut durchaus gleichwertig wie Trizyklika, aber besser verträglich." Allerdings unterscheidet der Experte strikt zwischen den in der Apotheke erhältlichen Trockenextrakt-Präparaten und den deutlich schwächeren Pulverprodukten, wie sie etwa in Drogerien ausliegen. Deren Wirkstoffgehalt reiche für wirksame Tagesdosierungen ab etwa 900 Milligramm bei weitem nicht aus.

An dem psychoaktiven Effekt der Pflanze sind laut Wurglics vermutlich drei verschiedene Stoffgruppen beteiligt: Hauptverantwortlich seien vor allem die so genannten Phloroglucinole wie etwa das Hyperforin. Diese Stoffe hemmen im Gehirn die Wiederaufnahme von Botenstoffen wie etwa Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Zusätzlich gibt es Hinweise auf eine antidepressive Wirkung von Flavonoiden sowie der Stoffgruppe der Naphthodianthrone, zu der auch Hypericin zählt. Diesen Stoff, der für die Rotfärbung beim Zerreiben der gelben Blüten verantwortlich ist, hielten Forscher früher für den Hauptwirkstoff von Johanniskraut. Inzwischen ist man zurückhaltender: "Hypericin könnte an der Wirkung beteiligt sein", sagt Wurglics.

Der Gang zum Arzt ist unvermeidlich

Trotz der belegten Wirksamkeit warnt der Psychiater Professor Ulrich Hegerl von der Ludwig-Maximilians-Universität München vor einer Selbsttherapie. "Wie bei jeder anderen schweren Erkrankung sollte man auch eine Depression nicht selbst behandeln", betont der Sprecher des Kompetenznetzes Depression, Suizidalität. Handelt es sich nur um eine depressive Verstimmung, so rät der Mediziner dazu, sich vermehrt im Licht und in der frischen Luft aufzuhalten, regelmäßig Sport zu treiben und soziale Kontakte zu pflegen. Leidet ein Mensch jedoch schon an einer Depression, so sollte er unbedingt Hilfe bei einem qualifizierten Hausarzt oder bei einem Facharzt suchen.

Körperlich gefährlich werden kann eine Johanniskraut-Therapie durch die ausgeprägte Wechselwirkung der Pflanze mit anderen Medikamenten. Der Grund: Johanniskraut verstärkt im Körper die Bildung bestimmter Enzyme. Diese P450-Cytochrome sind am Abbau von etwa der Hälfte aller Medikamente beteiligt. Werden die Enzyme vermehrt gebildet, so bauen sie die Medikamente mitunter so stark ab, dass die Wirkung ausbleibt. Betroffen sind unter anderem Immunsuppressiva Gerinnungshemmer, Protease-Inhibitoren und vermutlich auch die Anti-Baby-Pille. Auf die Wirkung von Antidepressiva dagegen hat Johanniskraut wahrscheinlich die genau entgegengesetzte Wirkung: Da das Pflanzenmittel ebenso wie Trizyklika oder SSRIs die Wiederaufnahme von Neurotransmittern hemmt, können sich diese Stoffe gegenseitig verstärken.

Walter Willems/AP/AP

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