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"Ich habe mich halbiert"

Nicole Jäger weiß, dass Essen zur Sucht werden kann. Und wie man sich daraus befreit. Ihr wichtigster Rat an Dicke: bloß keine Diät! Das stern-Gespräch.

Von Irmgard Hochreither und Andrea Ritter

Nicole Jäger, in einem roten Kleid, hat sich halbiert - ohne Diät

"Dicke müssen lernen, satt sein zu dürfen." Seit sie das verstanden hat, verliert Nicole Jäger, 33, Gewicht. Ohne Diät.

Wann standen Sie zuletzt auf der Waage, Frau Jäger?
Letzten Freitag.
Und was hat sie angezeigt?
168,9 Kilo.
Was heißt das Gewicht für Sie?
Ich habe mich halbiert. Sogar etwas mehr. Ich wog ja über 340 Kilo. Für mich bedeutet das die Welt. Denn die Zeit mit 340 Kilo war die schlimmste Phase meines Lebens. Wenn man das überhaupt noch Leben nennen möchte. Ich bin immer noch eine große, dicke Frau. Aber das ist ein Witz im Vergleich zu dem, was hinter mir liegt.
Können Sie die Anzeige auf der Waage sehen?
Ich steige nun seit sieben Jahren jeden Freitag auf die Waage, und inzwischen sehe ich, was sie anzeigt. Aber als ich sie neu hatte, musste ich die Sprachfunktion nutzen. Das ist eine Waage für Bodybuilder, deswegen wiegt sie bis 250 Kilo.
Was ist Ihr Traumziel?
Der nächste Schritt sind die 125 Kilo. Ich nehme im Jahr zwischen 15 und 20 Kilo ab und würde gern irgendwann zweistellig sein. Die 99 wäre toll für das Gefühl.
Wie haben Sie sich mit 340 Kilo gefühlt?
Ich habe überhaupt erst in den letzten Jahren ein Gefühl für meinen Körper entwickelt. Ich war ein formloser Pudding. Mein Hauptgefühl war Schmerz. Und so war auch die Laune. Ich war schwer depressiv, ich ging nicht mehr raus, ich hatte kein Leben mehr. Ständig fühlte ich mich unsicher auf den Beinen. Alles war so massig und schwammig, alles bewegte sich mit. Heute spüre ich: Mein Körper endet auch irgendwo. Wenn man mit seinen Armen nicht mehr an die Oberschenkel kommt, weil einfach alles im Weg ist – das kann ich mir kaum noch vorstellen.
Waren Sie schon als Kind dick?
Ich selbst habe mich nicht so empfunden. Interessanterweise.
Aber mit fünf Jahren wurde ich das erste Mal zum Abnehmen geschickt. Ich bin mit dem Gefühl groß geworden: Dein Gewicht und dein Körper sind nicht in Ordnung. Gewicht war immer ein Problem

War Essen eine Trotzreaktion?
Trotz war es nicht. Menschen wie ich kompensieren mit Essen Emotionen. Ich aß, weil es mir dann besser ging, oder ich aß, wenn es mir schlecht ging. Essen stellt keine dummen Fragen. Essen versteht.


Aber man fragt sich doch: Wie kann man sich so zufressen? Auf über 300 Kilo?
Fragen Sie mal jemanden, der sich die Arme aufschneidet, warum er damit nicht aufhört. Das ist genau das gleiche Prinzip. Essen ist nicht nur eine Belohnung – es ist auch eine Bestrafung. Denn Bestrafung ist etwas, mit dem man als dickes Kind aufwächst. Ich meine damit nicht nur meine Eltern, sondern das Umfeld. Ständig heißt es: Du bist übergewichtig, hör auf zu essen.
Man soll das lassen, womit man sich am wohlsten fühlt.
So wird Essen zu einer Waffe, mit der man sich gegen die Bestrafung wehrt. Und gegen sich. Ich habe oft so lange gegessen, bis ich Magenschmerzen hatte. Oder ich habe wochenlang gehungert.

Klingt nach Selbstzerstörung.
Das ist totales Junkieverhalten. Ich habe irgendwann nichts anderes mehr gemacht, als mich mit Essen zu beschäftigen. Oder mit Nicht-Essen oder damit, Essen zu bekommen und es möglichst geheim zu halten – wie Beschaffungskriminalität.

"Finanziell war das kein Problem, so teuer ist das nicht"

Die Realität ist: Ich war mein halbes Leben auf Diät, habe mir dadurch den Stoffwechsel zerschossen.

Mein Grundverbrauch war vollkommen hinüber, weil ich ja den ganzen Tag nur rumgesessen habe. Und darauf packte ich dann die Kalorien. Je mehr ich wog, desto mehr habe ich gegessen – und desto weniger habe ich mich bewegt.
Wie bekamen Sie Ihre Unmengen Essen zu Ihrer dicken Zeit? Sie waren Anfang 20, das ist ja teuer …

Finanziell war das kein Problem, so teuer ist das nicht. Ich habe ja nicht von morgens bis abends Pizza bestellt. Es gab Phasen, da saß ich mit zwei Pizzen, zwei Burgern und einem Auflauf auf dem Sofa. Aber meist habe ich den ganzen Tag nichts gegessen, und abends eskalierte es dann. Ich habe viel gegessen und vor allem das, was schnell verfügbar war. Ich konnte ja gar nicht mehr stehen und kochen. Also gab es Brot, Käse und alles, was man sich in die Mikrowelle schmeißen kann. Den Einkauf habe ich mir liefern lassen. Ich konnte ja die Wohnung nicht mehr verlassen.
Wenn der Lieferservice mal wieder fünf Pizzen brachte, haben Sie in die Küche gerufen: "Holt schon mal das Besteck raus!" Obwohl Sie allein waren. Warum der Selbstbetrug?
Ich habe diese Komödie gespielt, weil ich dachte: "Was denkt der Typ jetzt?" Das ist ja das Absurde: dass ich diese Show abzog, nur damit der nicht denkt, dass ich das alles alleine esse. Dabei sah ich genauso aus. Das war ja offensichtlich!


Sie balancierten zwischen Verletztsein und Scheißegal-Haltung.
Man behauptet immer gern, dass einem die Wirkung auf andere egal sei, aber das stimmt nicht. Man muss sich eingestehen: Ich bin da verletzlich. Niemand möchte gern verletzt werden. Unsere Gesellschaft mag keine Versager. Und mein Versagen ist durch mein Fettsein offensichtlich.
Irgendwann mussten Sie sich eingestehen: Wenn ich so weitermache, bringt das Fett mich um.
Ja, so fing mein Umdenken an. Dass ich mir klarmachte, ich habe versagt. Ich habe so viel falsch gemacht, ich stand kurz davor, von einem Leben zu lassen, das ich echt liebe. Ich konnte nur noch zehn Sekunden aufrecht stehen. Ich brauchte eine Stunde für die 60 Meter von meiner Haustür bis zur Gartenbank – und diese Meter zurücklegen zu können, war schon ein Fortschritt!
Sie haben 170 Kilo abgenommen. Ein Wahnsinnserfolg. Trotzdem werden Sie dafür nicht gelobt – Sie sind immer noch die dicke Frau.
Wenn ich einkaufen gehe, wird das kommentiert: "Die Fette isst!" Völlig egal, was ich kaufe. Ganz extrem ist es, wenn ich schwimmen gehe. Ich sehe im Badeanzug aus wie eine echt dicke Frau, die echt viel abgenommen hat. Also beschissen. Die Haut bildet sich nicht einfach so zurück, irgendwann überlege ich, ob ich das wegschneiden lasse, ich warte noch mal 50, 60 Kilo ab. Überhaupt ist es für Übergewichtige nicht einfach, Sport zu machen. Alle sagen einem: "Geh doch mal zum Fitness." Und dann geht man in so ein Studio und wird behandelt wie Scheiße.
In diesen Studios kriegt man ja schon als Normalgewichtiger Komplexe.
Eben. Und genau das ist der Grund, warum ich meinen viel zu fetten Arsch in die Öffentlichkeit bringe: Man redet über Dicke, aber nicht mit Dicken. Das will ich ändern. Ich hätte damals so dringend Hilfe gebraucht, ich wäre fast in meiner Wohnung gestorben. Aber wenn ich zum Arzt ging, behandelten die mich oft wie Abschaum. Es ist heute noch so, dass ich in Arztpraxen angeguckt werde, als wäre ich eine verdammte Gottesanbeterin, die sich schon mal die Mandibeln reibt, weil es jetzt gleich Arzt zu essen gibt.
Glauben Sie, dass Sie als Magersüchtige leichter Hilfe gefunden hätten?
Ganz bestimmt. Die zu Dünnen gelten als krank. Als Opfer. Fette wie ich dagegen als faul, undiszipliniert und antriebslos. Das Image Übergewichtiger ist miserabel.
Es wird impliziert: Die könnten ja was ändern, wenn sie wollten. Keiner denkt darüber nach, dass der Übergewichtige ein Problem haben könnte, das er einfach nicht in den Griff kriegt.
Bei 340 Kilo hatten Sie einen Zusammenbruch, den Sie nur knapp überlebt haben. Ärzte rieten Ihnen zu einer Magen-Bypass- Operation, die das Magenvolumen verringert und die Nahrungsaufnahme einschränkt. Sie haben sich dagegen entschieden. Warum?
Ich hatte gelesen, dass zwei Prozent aller Betroffenen es schaffen, auch ohne eine OP dauerhaft abzunehmen. Zu denen wollte ich gehören. Ich finde diese Operation mehr als angemessen, wenn der Zustand so lebensbedrohlich geworden ist, dass nichts anderes mehr hilft.

Diät? "Man darf essen"

Aber man muss sich vor Augen führen: Der Magen ist nicht das Problem – sondern die Psyche. Deswegen fangen nach Adipositas-Operationen viele Patienten an zu trinken.
Die Sucht verlagert sich?
Ja. Essen ist das Suchtmittel dieser Menschen, ihr Schwert. Wenn sie nicht mehr essen können, stehen sie unbewaffnet auf dem Schlachtfeld. Studien belegen, dass in den ersten Jahren nach so einer OP das Suizidrisiko steigt.
Wie haben Sie es denn nun geschafft, so viel abzunehmen?
Ich habe gelernt: Wer abnehmen will, muss essen. Das war das Wichtigste. Man muss nicht hungern, um Gewicht zu verlieren.


Heißt das: Übergewichtige müssen erst essen lernen?
Sie müssen lernen, satt sein zu dürfen. Das ist eines der ersten und der wichtigsten Dinge: Man darf essen. Man muss sogar essen, um abzunehmen. Wenn man hungert, nimmt man nicht ab – nur eine kurze Zeit.
Wie haben Sie Ihre Ernährungsweise verändert? Nicht mehr fünf Brötchen zum Frühstück?
Mehr Vollkorn statt Weißmehl, weniger Zucker und mehr natürliche Süße. Es geht darum, sich und seine Gelüste zu kennen und gute Kompromisse einzugehen. Es gibt keine bösen Lebensmittel, es gibt nur ein Zuviel. Letztlich ist Abnehmen Physik: Wenn ich weniger Energie zu mir nehme, als ich verbrenne, dann nehme ich ab. Der Rest ist kluges Verhalten. Sie können 30 Bananen am Tag essen, damit werden sie nicht zunehmen. Aber Sie kriegen ganz schlimm Verstopfung. Diäten funktionieren niemals.
Gar keine?
Es ist nicht möglich – ich kenne wirklich alle Diäten. Alles, was man sich vorstellen kann: von Kohlsuppe bis Eiweiß-Shakes, Eier-, Ananas-, Kartoffel-, Sonst-was-Diät. Ich habe sogar Kapseln mit kleinen Schwämmchen geschluckt, die sich im Magen aufplustern und ein Sättigungsgefühl herstellen. Klar funktioniert das. Aber sobald man damit aufhört, nimmt man wieder zu. Wir sind Meister der metabolischen Anpassung. Der Körper kann mit Hunger gut umgehen – er fährt den Stoffwechsel runter. Das ist ein Problem, wenn man abnehmen möchte.
Würden Sie sagen, die Diäten haben Sie so übermäßig dick werden lassen?
Ja, ich habe mich fett diätet. Natürlich trage ich auch eine Mitverantwortung. Ich hätte mich viel früher über Ernährung informieren können. Aber es galt die Regel: Alle Übergewichtigen müssen Diäten machen. Und gerade diese ganz krassen Diäten, bei denen es darum geht, 300 oder 600 Kalorien am Tag zu sich zu nehmen, nur durch Trinken, das ist bisweilen emotionale Vergewaltigung von Menschen, die Hoffnung haben.

  "Man redet über Dicke, aber nicht mit Dicken. Das will ich ändern."

"Man redet über Dicke, aber nicht mit Dicken. Das will ich ändern."

Haben Ihre Eltern es versäumt, Ihnen ein Gefühl für gesundes Essen zu vermitteln?
Schwieriges Thema. Ich gebe meinen Eltern keine Schuld. Aber es stimmt schon: Die Anzahl der Fettzellen wird im Kindesalter festgelegt. Wenn man weniger davon hat, hat man später auch weniger Probleme.
Schon wenn sich Schwangere falsch ernähren, kann es sein, dass sie häufiger dicke Kinder bekommen. Alles, was wir über gesunde Ernährung und Körpergefühl wissen, wird uns beigebracht oder vorgelebt. In meiner Familie gibt es keinen Normalgewichtigen. Das ist zwar kein Grund, 340 Kilo zu wiegen – aber ich kann da wohl nicht von besonders guten Startbedingungen sprechen.
Kinder lieben Tiefkühlpizza und Fast Food. Wie bringt man ihnen genussvolles Essen nahe?
Vor allem sollte man Essen als etwas Wertvolles vermitteln. Man wächst als Kind in einer 100-prozentigen Abhängigkeit heran, auch in Sachen Ernährung. Jemand bringt die Lebensmittel, jemand kocht, jemand sagt dir, was du zu essen hast und was nicht. Wenn man dann wie ich eine Essstörung entwickelt, heißt es plötzlich: „Hör auf damit. Mach es anders.“ Es wird einem eine Verantwortung zugeschoben, die man nicht tragen kann. Für mich gab es zum Abendbrot plötzlich Ärger statt Essen. Und dieses Gefühl ist geblieben. Ich bin 33, und immer, wenn jemand mein Essen kommentiert, bin ich sofort wieder acht Jahre alt und denke: „Es tut mir leid, dass ich esse, wie ich esse.“

Seit Sie als Ernährungscoach arbeiten, schicken Ihnen Eltern auch ihre übergewichtigen Teenager in die Praxis. Was raten Sie?
Jeder von uns ist mehr als die Zahl auf der Waage. Das klingt immer nach ganz viel Pathos, aber es ist wichtig. Jedes Mal, wenn ich das sage, sitzt hier jemand und weint. Da brechen alle Dämme. Ich weiß, wie schwer es mir gefallen ist, zu sagen: "Ich bin Nicole Jäger, und ich bin essgestört. Ich habe einen dicken Arsch. Ich nehme diesen Raum ein und darf das." Seit ich dieses Gefühl kanalisieren kann und Probleme nicht mehr wegessen muss, geht bei mir das Gewicht runter.


Aber was raten Sie pummeligen 14-jährigen Mädchen, die von einer Model- Figur träumen?
Dass sie auf keinen Fall eine Diät machen sollen. Ich muss mich immer fragen: "Das, was ich mache, um abzunehmen – will ich das für den Rest meines Lebens machen?" Wenn die Antwort Nein ist, dann bloß nicht damit anfangen.
Leiden übergewichtige Frauen mehr als Männer?
Wenn Männer in meine Praxis kommen, sind sie meist homosexuell. Oder wurden von ihren Frauen geschickt. Männer glauben ja bis zu dem Moment, in dem sie schlimme körperliche Probleme bekommen, dass sie völlig okay sind. Sie stehen morgens auf, stellen sich vor den Spiegel und denken: "Ich bin der Geilste." Die sehen ihre Füße unter dem Feinkostgewölbe nicht mehr, aber es macht ihnen nichts aus. Frauen stehen auf und denken: "Oha, meine Haare sitzen nicht. Und zu dick bin ich auch."

Manche Frauen glauben, weil sie dick sind, finden sie keinen Mann. Kennen Sie das?
Puh, schwierige Frage. Als ich stark übergewichtig war, hatte ich entweder einen Lebensgefährten, oder es war nicht mein Thema, weil ich damit beschäftigt war, bis zum Abwinken zu essen. Die Annahme, Männer würden nicht auf übergewichtige Frauen stehen, ist ein Märchen. Einer der Hauptzweige der Pornoindustrie beschäftigt sich mit übergewichtigen Frauen.
Werden Sie oft angemacht von Männern, die auf dicke Frauen stehen?
Ja, das kommt vor. Und ich fand und finde das immer noch scheiße. Ich bekomme viel interessante Fanpost: Heiratsanträge, Mails mit Penisbildern … unfassbar.
Stehen Sie auf dicke Männer?
Ich stehe auf Männer. Meine Männer müssen größer sein als ich. Sie müssen irgendwie geil sein.
Was ist denn geil?
Ich stehe auf Intelligenz. Kopf gepaart mit Maskulinität. Ich habe auch schon dicke Männer gehabt. Aber es gibt eine Obergrenze, drüber finde ich es nicht mehr attraktiv. Ich habe noch nie einen Mann gehabt, der auf dicke Frauen steht. Ich frage immer: "Stehst du auf dicke Frauen?" Meine Lieblingsantwort ist: "Nein, aber auf geile Säue." Es passiert übrigens häufig, dass mit dem Gewicht auch der Partner verloren geht. Weil Abnehmen einen Menschen verändert, man fühlt sich anziehender. Der Marktwert wird ein anderer.
Wo lernen Sie Männer kennen?
Einfach so. Ich gehe weg. Ich gehe tanzen. Habe ein soziales Leben. Und lerne so Männer kennen, aus Versehen.
Sie haben eine Vorliebe für figurbetonte Kleidung.
Wenn ich versuche etwas zu verhüllen, sehe ich automatisch dicker aus. Ich habe einen Körper, den kann ich nur kaschieren, indem ich das Licht ausmache. Ich bin eine übergewichtige Frau, ich habe pornoblondes Haar, ich bin 1,77 Meter groß, ich falle auf. Ich will gar nicht versuchen, mich zu verstecken.
Wo kaufen Sie Ihre Badeanzüge?
In den USA. Übers Internet. Ich trage Größe 58. Ich kenne meinen Körper und weiß, wo ich wie reinpasse. Und weil ich ganz unfassbar hässliche Oberschenkel habe, trage ich beim Baden immer Radlerleggings drunter.
Haben Sie Stylingtipps?
Es gibt ein paar Kardinalfehler: zum Beispiel kleine Accessoires bei dicken Frauen. Immer schlimm. Ich bin nicht klein, nicht niedlich. Man darf auch sehen, dass ich eine Frau bin. Wenn ich kleine Taschen trage, sehe ich automatisch breiter aus.
Außerdem trage ich fast ausschließlich Rot.
Heißt es nicht, Schwarz macht schlank?
Nur, wenn man es eng anliegend trägt. Meine Klamotten sind körperbetont, weil mir das ein anderes Gefühl gibt. Ich habe genug vom Rumgeschlackere. Das hatte ich bei 340 Kilo.
Haben Sie damals auch in den USA die Kleider bestellt?
Es gibt auch deutsche Internetshops, die solche Kleidergrößen anbieten. Rausgegangen bin damals sowieso nicht. Schon gar nicht zum Shoppen.
Und heute?
Ich gehe wieder einkaufen. Früher konnte ich nur Schals und Taschen kaufen. Schuhe brauchte ich ja nicht, ich bin kaum gegangen. Heute ist es so: Je weniger ich wiege, desto höher werden die Absätze. Das hebt zusätzlich das Selbstbewusstsein.
Gibt es heute noch No-go-Areas?
Schwimmbäder sind nach wie vor eine Herausforderung.
Ich stelle mich ihr trotzdem. Was ich meide, sind Smarts. Überhaupt sehr kleine Autos. Ich gehe selten in die Sauna. Und ich würde nicht an einen FKK-Strand gehen. Ich versuche, Orte zu meiden, an denen sich Leute bewegen, die jede Menge Missgunst verströmen. Und vor allem: Pommesbuden.
Warum?
Generell esse ich nicht im Stehen. Nicht im Gehen, nicht, wenn ich Stress habe.
Auch, weil Sie blöde Sprüche fürchten?
Ich fühle, dass ich die ganze Zeit beobachtet werde. Ich kann jedem an der Stirn ablesen, was er denkt: "Kein Wunder, dass die so aussieht. Was frisst die Fette auch Pommes an der Pommesbude." Ich habe nicht jeden Tag ein Rückgrat aus Stahlbeton.
Wie reagieren Sie auf dumme Sprüche?
Ich spreche Leute direkt auf ihr Verhalten an. Ich wohne hier in Hamburg-Eppendorf am Latte-macchiato- Strich. Beispiel: etwas ältere Frau, hochgewachsen, sehr schlank, Typ Architektengattin. Wenn die einen sieht, passiert immer dasselbe. Sie rammt den spitzen Ellenbogen in die Rippen ihres Partners. Und ich denke: "Oh mein Gott, sie meint mich." Und dann versucht er, sich unauffällig umzudrehen. Er guckt. Dann guck ich. Dann guckt er schnell weg. Und dann guckt sie noch mal. Und dann frage ich gerne: "Reden Sie über mich?" Meist kommt ein verstörter Gesichtsausdruck, so, als hätte ich sie beleidigt. Als ich die Praxis aufgemacht habe, wurde ich auch mehrfach gefragt, ob ich es für eine gute Idee halte, dicke Menschen hier in diese Gegend zu bringen. Auf der anderen Seite stört mich das Angriffsverhalten, das Übergewichtige oft an den Tag legen, genauso. Dicke begeben sich gern in einen Bereich, in dem sie sich als Opfer wohlfühlen, und reagieren unflätig, geben anderen die Schuld an ihrer Misere. Zu der Sorte gehöre ich nicht.
Ihre Waffe ist der Humor, richtig?
Humor hilft, das Thema zu enttabuisieren und die Situation zu entspannen. Humor ist die Waffe und auch das Pflaster für die Seele. Aber der Humor ist keine Mauer, hinter der ich mich verstecke. Ich rede über alles, was ich in meinem Leben schlecht gemacht habe. Verstecken ist nicht mehr. Wenn ich nicht über mich lachen kann, tut alles weh, was von außen kommt. In dem Moment, in dem ich sage: "Ich bin eine fette Frau" – was soll man mir noch entgegenschleudern?

Nicole Jäger arbeitet als Ernährungscoach in Hamburg. Ihr Buch "Die Fettlöserin" ist bei Rowohlt erschienen (285 Seiten, 12,99 Euro). Derzeit ist sie zudem mit ihrem Bühnenprogramm "Ich darf das, ich bin selber fett" auf Tour.


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und Irmgard Hochreither