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4. August 2011, 11:39 Uhr

Zwischen Scham und Schande

Viele Muslime können nicht zugeben, dass sie ein Pflegefall sind oder einen in ihrer Familie haben. In Berlin gibt es einige internationale Pflegeeinrichtungen, die sich darauf einstellen.

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Spezialisiert auf Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund: Der Garten des Pflegehauses Kreuzberg© Rainer Jensen/DPA

Eigentlich geht es Hurmiye Ulusay ganz gut. Nur wenn sie von Kindern spricht, die ihre Eltern im Pflegeheim alleine lassen, wird die gefasste Frau doch ein wenig traurig. Ulusay lebt seit mehr als einem Monat im Internationalen Pflegehaus in Kreuzberg. Die 67 Jahre alte Türkin kann nach vielen Operationen an ihren Beinen nicht mehr laufen und sitzt im Rollstuhl. Lieber wäre sie in ihrer Wohnung in Kreuzberg geblieben, aber ohne Aufzug ging das nicht mehr.

In dem Pflegeheim sind Menschen mit ausländischer Herkunft untergebracht. Ein islamischer Gebetsraum weist darauf hin, dass sich die Einrichtung besonders auf Muslime eingestellt hat. Bis zu 140 Menschen haben in dem Heim Platz. Etwa 40 Pfleger und Betreuer kümmern sich um sie. Das Personal spricht mehrere Sprachen, wie Türkisch, Arabisch oder Russisch. Zudem gibt es die Station für Demenzkranke.

Bundesweit gibt es mindestens zwei andere Pflegeheime, die ähnlich sind: Eines befindet sich in Duisburg-Hochheide, das andere in Frankfurt-Höchst. In der Hauptstadt gibt es neben dem Pflegeheim in Kreuzberg noch weitere, die sich auf die Tagespflege spezialisiert haben. Darunter ist die Kamil-Tagespflege, bei der die Pfleger Türkisch oder Persisch sprechen.

Im Internationalen Pflegehaus in Berlin-Kreuzberg mischen sich Türkisch, Arabisch und Kroatisch. Die Bewohner sollen sich hier gegenseitig aufbauen, denn viele von ihnen fühlen sich von ihren Verwandten und Kindern abgeschoben. "Das Gefühl, "abgeschoben" zu werden, empfinden zwar auch Deutsche, aber bei Ausländern spielt noch ihr kultureller Hintergrund und das Gefühl der Diskriminierung mit hinein", sagt der Direktor des Instituts für Pflegeforschung an der Universität Bremen, Stefan Görres.

Die Pflegeleitung kennt dieses Problem. Vor allem muslimische Familien seien überfordert, wenn sie Pflegefälle hätten und diese Angehörigen nicht mehr zu Hause versorgen könnten, heißt es. "Für viele ist es eine Schande, wenn ihre Eltern weggeben werden", sagt der Pfleger Rachid Amessegher. Hinzu kämen Angst und Verlegenheit, weil die Nachbarn die Familien verurteilen würden.

Muslime würden nach außen hin so tun, als funktioniere alles, meint die Geschäftsführerin des türkischen Pflegedienstes Detamed, Nare Yesilyurt. "Man will sich das nicht eingestehen, wenn es einen Pflegefall gibt", beobachtet sie. Die türkische Geschäftsfrau hat 1999 einen mobilen Pflegedienst in Berlin gegründet. Mittlerweile gibt es auch eine Tagespflege in Moabit für Migranten.

Yesilyurt kennt die Scham vieler Muslime beim Thema Pflegeheim. Die Kinder würden oft denken, dass sie einen schlechten Charakter hätten, weil sie ihre Eltern vernachlässigten, berichtet sie. Und die Eltern suchten Gründe, um ihre Kinder zu entschuldigen, wenn sie nicht immer zu Besuch kämen. Die gelernte Krankenschwester und Pädagogin versucht den Familien beizubringen, dass das Weggeben in Pflegeheime nichts Schlimmes sei. Sie sagt, langsam ändere sich etwas an dieser Einstellung.

Hurmiyes Kinder leben weit weg in der Türkei. Sie kommen vielleicht einmal im Jahr zu ihr. "Viele Kinder kommen gar nicht zu Besuch", beobachtet sie. "Meine Kinder arbeiten, sie haben keine Zeit", fügt sie schnell hinzu.

Maryam Schumacher/DPA
 
 
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