Gegen die Globulisierung

19. Oktober 2012, 11:40 Uhr

Homöopathie hilft, sagen die einen. Homöopathie ist Humbug, schreiben zwei Journalisten in einem neuen Buch. Sie zeigen, wie sich die irrationale Lehre ausgebreitet hat und fordern mehr Vernunft. Von Lea Wolz

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Globuli, Homöopathie, die Homöopathie-Lüge, sanfte Medizin, Kritik

Ob gegen Schnupfen, Blähungen, Stichwunden oder Erschöpfung: Globuli sollen bei vielen Krankheiten helfen©

Über kaum eine alternative Heilmethode lässt sich so trefflich streiten wie über die Homöopathie: Kritiker bezeichnen sie als Humbug, Verfechter schwören darauf. Kaum jemand, der nicht davon berichten kann, dass die Kügelchen - in der Fachsprache Globuli genannt - bei Bekannten oder Verwandten wahre Wunder bewirkt haben. Und gilt nicht: Wer heilt, hat recht?

Nein, finden die stern-Redakteurin Nicole Heißmann und der freie Wissenschaftsjournalist Christian Weymayr, Autoren des nun erschienenen Sachbuches "Die Homöopathie-Lüge". Schlimmstenfalls, so befürchten sie, verhindern die weißen Kügelchen nicht nur sinnvolle Therapien, sondern "untergraben ein Denken, das auf rationalen Kriterien beruht - wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten".

In ihrem Buch beschreiben Weymayr und Heißmann ausführlich, warum Homöopathie Hokuspokus ist, warum Patienten dennoch gerne daran glauben, wie sich die Lehre so stark verbreiten konnte und welche Schattenseiten der Siegeszug der weißen Kügelchen hat. Die Homöopathie sei mittlerweile in allen Bereichen des Gesundheitswesens verankert, kritisieren die Autoren. Ärzte würden sie praktizieren, Krankenkassen dafür bezahlen, Apotheken eine breite Palette an homöopathischen Arzneimitteln anbieten, und an den Universitäten werde eine Lehre erforscht, die eine "große Illusion" sei.

"Esoterik in Reinkultur"

Noch ein Buch über Homöopathie, mag so mancher denken. Ist das notwendig? Tatsächlich schwelt der Streit um die kleinen weißen Kügelchen schon ewig: Viel wurde schon darüber gesagt und geschrieben - vermutlich ohne dass Befürworter der Homöopathie von ihrem Standpunkt abgewichen sind und Kritiker überzeugt zu homöopathischen Mitteln greifen. Warum also Globuli und Co. nicht einfach dulden?

Weil man dann, so das Argument der Autoren, "jeder Therapie, wenn sie nur mit Inbrunst und Tamtam vorgetragen wird, ebenfalls eine Wirkung bescheinigen" müsste. Homöopathische Mittel, in denen oft kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten ist, seien "Esoterik in Reinkultur".

Für Kritiker der Methode ist klar: Die Homöopathie geht nicht über einen Placeboeffekt hinaus; was wirkt, ist vor allem die Zuwendung des Arztes, auch der Glaube an die Globuli versetzt Berge. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), findet deutliche Worte: Das Thema sei abgeschlossen. "Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat keinen Anhaltspunkt für die Richtigkeit des Konzeptes erbracht", sagt er stern.de. Weitere Studien zur Homöopathie seien unnötig.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wer die Mitspieler im Homöopathie-Geschäft sind - und warum auch Ärzte und Apotheker auf die weißen Kügelchen setzen.

Christian Weymayr, Nicole Heißmann
Die Homöopathie-Lüge
So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen
336 Seiten
Piper Verlag
16,99 Euro
ISBN: 9783492055369

Homöopathie Ihre Wurzeln hat die Homöopathie im Jahr 1810, als ihr Erfinder, der Arzt Samuel Hahnemann, seine Heilslehre festhielt. Auch wenn es mittlerweile verschiedene Spielarten gibt, beruht die Methode im Wesentlichen noch immer auf zwei Prinzipien: Demnach wird Ähnliches mit Ähnlichem kuriert - wer etwa unter Schnupfen und tränenden Augen leidet, dem soll die Küchenzwiebel helfen. Zum Prinzip der Ähnlichkeit kommt das Potenzieren hinzu: Je häufiger ein Wirkstoff geschüttelt, verrieben und verdünnt wird, desto stärker wirkt er der homöopathischen Lehre zufolge. Wie genau das funktionieren soll, kann allerdings bis heute niemand erklären, in den Kügelchen ist oft kein einziges Molekül des ursprünglichen Wirkstoffes mehr enthalten.

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