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21. Februar 2010, 14:22 Uhr

Diagnose: Aufschieberitis

Aufräumen, abwaschen, ausmisten: Alles ist jetzt angenehmer, als am Schreibtisch zu sitzen und diese Aufgabe zu erledigen. Seit Stunden. Seit Wochen. Seit Jahren. Der Psychologe Hans-Werner Rückert erklärt, wie Menschen zum Aufschieber werden und was ihnen helfen kann.

Hans-Werner Rückert, Diplompsychologe und Psychoanalytiker, hilft seit Jahren als Leiter der Studienberatung und Psychologischen Beratung der FU Berlin Aufschiebern.
Sein Buch "Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen" ist im Campus Verlag erschienen (282 Seiten, 17,90 Euro). © Klaus Lange

Herr Rückert, viele Menschen schaffen es nicht, Dinge zu Ende zu bringen oder überhaupt anzugehen, die sie sich vorgenommen haben. Sie schieben sie immer wieder vor sich her. Ist das pure Faulheit?

Überhaupt nicht. Wer faul ist, würde die Anstrengung vermeiden und nichts anderes tun. Der typische Aufschieber wäscht stattdessen ab, um nicht am Schreibtisch sitzen zu müssen. Und dann kauft er ein oder räumt den Keller auf. Er macht alles, oft auch ungeliebte Tätigkeiten, solange er dadurch - etwas Belastenderes vermeiden kann. Danach belügt er sich und sagt "Ich war nicht in der richtigen Stimmung", "Morgen läuft’s bestimmt" oder "Ich muss erst mal ins Thema kommen".

Ist aufschieben denn immer negativ?

Nein, es kommt auf meine Ziele an. Wenn ich den Computerkauf bewusst um einige Monate verschiebe, werde ich vermutlich für weniger Geld einen besseren Rechner bekommen. Und die meisten anspruchsvollen Vorhaben muss man notwendigerweise aufschieben, wenn man sie erfolgreich verwirklichen will. Man kann nicht sagen: "Ich habe Lust, einen Roman zu schreiben, deshalb fange ich sofort an." Man braucht einen Plot, Ideen und Vorbereitungen. Auch eine Weltreise verlangt Aufschub, um sie zu planen. Insofern ist das Aufschieben nicht immer Zeichen einer Handlungsstörung.

Wann wird das Hinauszögern zum Problem?

Natürlich schieben wir alle immer mal etwas auf: den Schreibtisch aufzuräumen, die Schuhe zu putzen oder einen Brief zu schreiben. Das ist alltäglich und harmlos. Aber wenn wir immer wieder große Herausforderungen im Leben meiden, zum Beispiel die Situation in der Familie zu verbessern, eine neue Arbeitsstelle anzunehmen oder eine Fremdsprache zu lernen, stehen wir unserer eigenen Entwicklung im Weg. Fatal wird es, wenn wir gewohnheitsmäßig und scheinbar unnötigerweise Vorhaben um Tage, Wochen oder gar Jahre hinauszögern, die wir selbst als wichtig, vorrangig oder termingebunden einstufen. Dann geht irgendwann das Selbstwertgefühl baden, und wir fangen an, unter uns selbst zu leiden. Man hängt fest in einer Endlosschleife und nimmt sich das übel.

Kann aus der Gewohnheit ein krankhaftes Verhalten entstehen?

Durchaus, manchmal wird das Aufschieben zur Sucht. Ich kenne Kommunalpolitiker, die ständig neue Projekte anschieben und überall anzutreffen sind - dabei haben sie seit zehn Jahren nichts mehr richtig erledigt. Die müssen immer etwas Neues beginnen, um sich von den alten Baustellen abzulenken. Diese Menschen hängen an solchen Verhaltens-weisen wie Alkoholiker an der Flasche.

Welche Folgen kann diese Vermeidungstaktik für Psyche und Körper haben?

Das kann zu Angstzuständen und Depressionen führen. Und wenn ich bei körperlichen Beschwerden eine ärztliche Untersuchung aufschiebe, kostet mich mein Vermeidungsverhalten schlimmstenfalls sogar das Leben.

Viele Menschen schieben ihre Arbeit bis auf den letzten Drücker auf und können nur unter Spannung arbeiten. Warum ist das so?

Vermutlich müssen diese Aufschieber ein bestimmtes Erregungslevel erreichen, um eine Aufgabe motiviert anpacken zu können. Das schaffen sie, indem sie sich an einen Endtermin heranschleichen. Das gibt ihnen einen Kick, den entscheidenden Adrenalinstoß des Abenteuers. Das Hinauszögern bringt Aufregung in ihr Leben, die sie sonst eventuell vermissen.

Genießt diesen Druck auch jener Aufschieber, der sein Projekt niemals zu Ende bringt?

Nein, dieser Typ erlebt den Druck nicht als angenehm, sondern als ein diffuses Unbehagen. Deswegen ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was dieses schlechte Gefühl auslöst.

Erschienen in Heft 1/2010

Erschienen in Heft 1/2010

Übernommen aus ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 1/2010

 
 
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