In den USA werden Arztpraxen gestürmt, in Deutschland herrscht eher Gelassenheit: Wer sich hierzulande gegen die Schweinegrippe impfen lässt, ist noch ein Exot - so wie stern-Redakteur Peter Meroth.

Nach langem Warten im Gesundheitsamt hat sich stern-Redakteur Peter Meroth doch noch gegen H1N1 impfen lassen© Marcus Vogel
Vermutlich bin ich jetzt ein Pionier, ein Vorkämpfer in der Abwehrschlacht gegen die Schweinegrippe. Mein linker Arm tut ein bisschen weh, als hätte mir gestern einer draufgeboxt. Aber ich weiß ja, dass es die Nachwirkungen der Spritze sind, die mir die junge Frau verpasst hat. Mit einem Stoff, der seit Wochen für Schlagzeilen sorgt. Vor allem in den Blättern mit den großen, fetten Lettern. In meinem Impfpass ist die Schrift deutlich kleiner. Pandemrix, steht da, Lot A81CA074A. Und daneben, blau auf gelb: 4.11.09, Schweinegrippe.
Eigentlich wollte ich mich gar nicht impfen lassen, jedenfalls nicht gegen die neue Grippe. Die ganze Hysterie um das Thema verfolgte ich eher amüsiert. Meine Frau arbeitet in einem Hospiz. Dort werden Menschen umsorgt, von denen manche ein extrem geschwächtes Immunsystem haben und andere zum Teil hochinfektiöse Krankheiten. Händehygiene, auf deutsch Händewaschen, lautet hier der Zauberspruch, der in fast allen Fällen verhindert, dass Erreger auf Wanderschaft gehen.
Nur zur Grippe-Schutzimpfung bin ich in den vergangenen Jahren fast immer gegangen, wenn ich nicht auf Reisen war oder den Termin verschwitzte. Die Impfung schien mir sinnvoll, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, daraus ein Dogma zu machen. Auch im Betrieb wird die Grippe-Impfung angeboten, aber mein Hausarzt schaut immer etwas traurig, wenn ich nicht zu ihm komme. Außerdem ist es mir ganz recht, dass sich jemand persönlich um meine Gesundheit sorgt, und seine Praxis liegt schräg gegenüber, neben dem Bäcker. Also eilte ich gestern pünktlich um 7.30 Uhr zu ihm rüber und wartete mit entblößtem Oberarm. Schnell impfen, Brötchen holen, schön frühstücken - das war der Plan.
Doch mein Hausarzt zögerte: Wenn ich Ihnen jetzt die allgemeine Grippe-Impfung gebe, sollten Sie mindestens zwei Wochen warten, bis Sie sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen können, gab er zu bedenken. Umgekehrt wäre besser. Irgendeine andere Grippe sei noch nicht in Sicht, aber die Schweinegrippe sei "schon da". Er selbst sei schon vergangene Woche bei der Impfstelle des Gesundheitsamts gewesen und habe sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen, "um mitreden zu können", wie das mit den Nebenwirkungen ist. "Harmlos", lautete sein Erfahrungsbericht. Meinen Einwand ("So richtig gehöre ich ja wohl nicht zu einer Risikogruppe") entkräftete er. Seine Frau sei auch schon dort gewesen. "Da war nichts los, die haben sich gefreut, dass sie überhaupt jemand zum Impfen hatten."
Nun war ich neugierig, radelte durch den Novemberregen zum Gesundheitsamt, um mir die Sache wenigstens anzuschauen. Etwa 30 Impfwillige warteten im Foyer. Um 8 Uhr würde es losgehen, sagte der Pförtner. Kurz nach acht kamen zwei weißbekittelte Mitarbeiter, tauchten unter den Pförtner-Schreibtisch und verteilten mit fahrigen Bewegungen Formulare, die wir ausfüllen sollten. Dass der Pförtner die Zettel nicht ausgegeben hatte oder nicht hatte ausgeben dürfen, schien mir ein Warnsignal: Achtung, hier sind Amtsträger am Werk! Das kann dauern. Wie lange ich warten müsste, ob ich noch rechtzeitig in die Redaktion käme, konnten mir die Weißkittel nicht sagen. Ihr hilfloser Blick schien mir das zweite Warnsignal: Achtung, Behörde! Hier wird einfach erwartet, dass man wartet.
Das Handy klingelte. Meine Frau wollte wissen, ob ich noch beim Brötchenholen sei oder schon auf dem Weg nach Hawaii. Viel schöner, antwortete ich: Gesundheitsamt. "Selber schuld", sagte sie. "Morgendlicher Erkundungsgang", sagte ich und beschloss zu gehen. "Und", fragte sie, "bist du jetzt schlauer?"
Mir war klar, dass ich dem ein "Ich bin jetzt geimpft!" entgegenschleudern musste, wenn ich abends nach Hause käme. Aber erst einmal war jetzt die Arbeit dran. "Du fällst auf eine Kampagne der Pharmaindustrie herein", mahnte ein Kollege. Die Arzneimittelhersteller haben das große Geschäft doch längst gemacht, entgegnete ich. Der Impfstoff ist produziert, bezahlt, ausgeliefert. Wenn er nicht verbraucht wird, verfällt er. Jetzt war ich ganz auf dem pragmatischen Trip. Die ultimative Empfehlung zur Frage "Impfen oder nicht?" kann ohnehin niemand geben. Also warum sollte ich es nicht einfach probieren.
Zur Person Peter Meroth, 58, ist Leiter des Auslandsressorts beim stern. Bezeichnet sich als "Alltagssportler", der sich mit Radfahren, Wandern und etwas Joggen beweglich hält. Die Diskussion um die Schweinegrippe hat er bis jetzt interessiert, die Hysterie eher amüsiert verfolgt.