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Folgen der Pandemie Wie Corona unsere Welt verändern wird – das erwartet der Seuchen-Experte

Corona-Alltag in der Schule - Malte Thießen eingeklinkt
Maske, Abstand, vorgegebene Gehwege - Schulalltag in Corona-Zeiten. Wird das Virus die Welt, in der wir leben, nachhaltig verändern. Der Medizinhistoriker Malte Thießen (kl. Foto) hat zu dem Thema geforscht.
© Nolte / LWL / DPA
Wird die Corona-Pandemie unseren Alltag nachhaltig verändern? Schon häufiger haben grassierende Seuchen den Lauf der Welt verändert. So auch diesmal? Der Medizinhistoriker Malte Thießen wagt für den stern den Blick in die Zukunft.

Werden wir nach überstandener Corona-Pandemie wieder zu unserem alten Leben zurückkehren können? Oder markiert die weltweite Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 eine regelrechte Zeitenwende, so wie es schon häufiger bei Epidemien in der Geschichte gewesen ist? Diese Fragen stellen sich in diesen Wochen der Corona-Einschränkungen viele Menschen - manche mit Bangen um die eigene Existenz, andere mit großen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

In Details scheinen sich etliche Experten schon sicher zu sein: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, der Einsatz von Robotern werden unsere Arbeitswelt und auch unsere Bildungseinrichtungen von nun an rapide revolutionieren, Geschäftsreisen werden künftig auf das Nötigste beschränkt, höhere Staatsverschuldung, Steuern und eine höhere Inflationen stehen uns ins Haus, globale Kooperationen werden zurückgehen, nationale Interessen werden überwiegen und Machtmissbrauch durch Autokraten wird zunehmen. Nur einige der Einschätzungen, die beispielsweise der Münchner F/L Think Tank in einem "virtuellen Brainstorming" unter Experten über das Leben im Jahr 2025 zusammengetragen hat. 

Zukunft nach Corona: sieben Entwürfe

Müssen wir uns darauf einstellen, dass die wahre Krise nach der Coronakrise erst beginnt? Auf was für eine Welt müssen wir uns einstellen? Bei der Beantwortung von Fragen nach der Zukunft hilft oft der Blick in die Vergangenheit. Der stern hat sieben Thesen aufgestellt, wie sich die Welt in der Nach-Corona-Zeit entwickeln könnte, und hat sie dem Medizinhistoriker Malte Thießen vorgelegt, Experte für die Sozial- und Kulturgeschichte von Seuchen. 

Die Coronakrise bleibt eine Episode der Geschichte und hat keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Zeitläufte. Nach Ende der Pandemie geht man weitgehend zur Normalität über.

Leider sehr wahrscheinlich. Menschen sind meiner Erfahrung nach erstaunlich vergesslich, insbesondere nach Pandemien. Wer erinnert sich heute noch an die Tuberkulose-Ängste der 1990er-Jahre? Oder an die aufgeheizten Debatten im Umgang mit Aids/HIV in den 1980er-Jahren? Ganz zu schweigen von der Hongkong-Grippe 1969/70 mit immerhin 40.000 Toten – allein in der damals noch sehr viel kleineren Bundesrepublik. Selbst jüngere Pandemien wie die Schweinegrippe spielten im Bewusstsein der Deutschen lange Zeit keine Rolle mehr.

Für diese Vergesslichkeit sehe ich vor allem drei Gründe: Der erste Grund ist schlichtweg Gewöhnung. Menschen lernen erstaunlich schnell, mit den Toten von Krankheiten zu leben. Ein gängiges Beispiel sind alljährlich Tausende Opfer der saisonalen Grippe, die für uns beinahe schon wie die Jahreszeiten dazu gehören.

Ein zweiter Grund ist der medizinische Fortschritt. Der Kampf gegen Infektionskrankheiten ist gerade für das 20. Jahrhundert eine echte Erfolgsgeschichte. Zuvor allgegenwärtige "große Killer" wie die Pocken, Kinderlähmung, Diphtherie und Tuberkulose spielen heute dank systematischer Impfprogramme und effektiver Gesundheitssysteme für uns keine Rolle mehr. Sobald gegen den gegenwärtigen Virus ein Impfstoff gefunden worden ist, wird sich auch Corona einreihen in diese lange Erfolgsgeschichte – und damit zu einem vergessenen Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte.
Der dritte Grund ist unser fehlendes Problembewusstsein. Die Seuche, das sind häufig "die anderen". Seuchen werden meist als Problem "unterentwickelter" Gesellschaften gesehen oder als Relikt eines "finsteren Mittelalters". Diese Wahrnehmung hängt mit dem zweiten Grund, dem medizinischen Fortschritt zusammen. Zugespitzt könnte man sagen, dass wir Gefangene des medizinischen Fortschritts sind, weil wir das Bedrohungsgefühl für Seuchen verlernt haben. Dieses fehlende Problembewusstsein scheint mir insbesondere zu Beginn der Corona-Pandemie verbreitet gewesen zu sein.
Unterm Strich würde ich vor dem Hintergrund der Seuchengeschichte also sagen: Ja, die Gefahr ist groß, dass wir nach der Coronakrise schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Dabei gäbe es durchaus Lehren, die wir beherzigen sollten.
Die Corona-Pandemie wird die Globalisierung ausbremsen und eine Phase der Abgrenzung einläuten – staatlich, wirtschaftlich und persönlich.
Das kommt auf die kommenden Monate drauf an. Zunächst einmal war Globalisierung schon immer. Seit dem 16. Jahrhundert, vor allem aber seit dem 19. Jahrhundert war Europa untrennbar mit der ganzen Welt vernetzt. Insofern scheint mir die Globalisierung heutzutage nicht das eigentliche Problem zu sein, sondern im Gegenteil: die fehlende globale Koordination und Kooperation, die wir zurzeit – selbst innerhalb der EU – beobachten können.
Dabei wird im historischen Rückblick eines ganz deutlich: Globale Kooperation konnten wir schon mal besser. Die "Ausrottung" der Pocken in den 1970er-Jahren beispielsweise war das Ergebnis enger globaler Zusammenarbeit – und das mitten im Kalten Krieg. Bereits im 19. Jahrhundert setzten sich Wissenschaftler und Politiker aus ganz Europa zusammen, um den Kampf gegen die Seuchen gemeinsam zu beraten, Erfahrungen, Maßnahmen und Lösungen auszutauschen.
Wenn wir diese – an sich also uralte – Lehre heute nicht beherzigen, dass nämlich Seuchen nur global und gemeinsam bekämpft werden können, dann könnte die Globalisierung tatsächlich zum Sündenbock für die Seuche herhalten müssen. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Pandemien eine perfekte Projektionsfläche bilden für verbreitete Sorgen vor der Globalisierung. Seuchen schüren Ängste vor einem Eindringen des Fremden und des Anderen.
Die Coronakrise wird die Digitalisierung enorm beschleunigen und das digitale Zeitalter erst wirklich einläuten – allerdings inklusive umfassender Überwachung.
Teils, teils. Seuchen sind meist nur Verstärker sozialer Prozesse, aber selten ihre Ursache. Außerdem ist In historischer Perspektive das digitale Zeitalter schon ziemlich alt. So lassen sich die Wurzeln der digitalen Verwandlung unserer Gesellschaft bis in die 1970er-Jahre und früher zurückverfolgen. Selbst über die digitale Ausstattung von Schulen streiten wir immerhin schon seit den 1980er-Jahren! Insofern halte ich auf der einen Seite den digitalen Impact von Corona insgesamt für ziemlich gering.
Auf der anderen Seite dürften die Möglichkeiten der digitalen Überwachung tatsächlich einen gewaltigen Corona-Schub bekommen. Nun ist der Trend zur Nutzung von Gesundheitsapps für die individuelle Fitness und Vorsorge heute nichts Neues. Mit dem jetzt häufig zu hörenden Argument der "Sicherheit vor Seuchen" im Dienste des Allgemeinwohls könnte eine gefühlte Verpflichtung zur Preisgabe persönlicher Daten auch an staatliche Stellen indes zunehmen.
Die Corona-Pandemie läutet eine dunkle Phase der Weltgeschichte ein. Die Wirtschaft bricht ein, Arbeitslosigkeit und Not breiten sich aus. Die Gefahr eines großen Krieges steigt.
Das halte ich für unwahrscheinlich. Wir neigen zwar schnell dazu, unerwartete Phänomene als einschneidende Zäsur zu sehen. Als Historiker bin ich da jedoch gelassener: Corona wird nicht der Anfang vom Ende sein, sondern hoffentlich eher ein Impuls, um über die Grundlagen globaler Kooperationen und des Gesundheitswesens nachzudenken. Und dieses Nachdenken ist ja auch durchaus notwendig.
Die Corona-Pandemie verändert die Sicht der Menschen auf ihr Tun. Entschleunigung und menschengemäßes Leben, Arbeiten und Wirtschaften erhalten Vorrang.
Das lässt sich zum Teil jetzt schon beobachten. Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten, weil sie jeden treffen können. Corona verknüpft daher das Gesundheitsverhalten des Einzelnen mit den Gesundheitsverhältnissen im Allgemeinen. Insofern geben Pandemien tatsächlich Anstöße auch zur individuellen Selbstreflexion über das eigene Tun.
Und schon deshalb geht es beim Kampf gegen Pandemien nie nur um Gesundheit und Krankheit, um Leben oder Tod. Es geht immer auch um die Grundsätze der Gesellschaft. An aktuellen Debatten um Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern, um die finanzielle Förderung bestimmter Wirtschaftszweige oder um soziale Ungleichheiten im Homeoffice wird daher auch die fundamentale Frage aufgeworfen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.
Nachhaltige Veränderungswünsche scheinen mir am ehesten im Gesundheitswesen auf der Agenda zu stehen. Auch hier wird Corona allerdings nicht als Ursache, sondern als Symptom einer jahrzehntelangen Ökonomisierung von Gesundheit und Pflege, z.T. eben auch auf Kosten des Menschen gesehen. Hier scheinen mir noch am ehesten Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und faireren Entlohnungen auf politische Resonanz stoßen.
Aufgrund des Coronaschocks wird der Kampf gegen den Klimawandel verstärkt. Wirtschafts- und Innovationskraft werden zu wesentlichen Teilen dem Erhalt des Planeten gewidmet.
Das scheint mir falsch herum gedacht. Ich sehe in öffentlichen Debatten keine Kausalität  wischen Corona und Klimadebatte. Deshalb bin ich aber umso erfreuter, dass nicht aufgrund, sondern trotz des Coronaschocks die Frage nach dem Klimawandel mittlerweile wieder auf die Tagesordnung kommt. Es ist an der Zeit, dass wir mit der Pandemie nicht die anderen, mindestens ebenso gravierenden Probleme verdrängen.
Die Corona-Pandemie nährt Ängste vor einer unbewohnbaren Erde und läutet daher den Aufbruch der Menschheit zu den Planeten im Sonnensystem sowie die Suche nach neuen Lebensräumen im All ein.
Wenn ich es kurz machen darf: Diese These ist für einen Historiker zu sehr Science-FictionWenn ich ausführlicher antworte, würde ich auf die lange Geschichte der Zukunftsvisionen von einem neuen Leben im All verweisen, die sich durch das gesamte 19. und 20. Jahrhundert zieht. Angesichts dieser langen Geschichte von Aufbruchsphantasien frage ich mich, warum unvorstellbare Ressourcen für neue Lebensräume im All verschwendet werden sollten, wenn wir für einen Bruchteil dieser Ressourcen unser Leben auf der Erde für alle verbessern könnten.

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