"Der Westen macht mit den Henkern gemeinsame Sache"

14. Oktober 2012, 13:55 Uhr

Einigen Gästen bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels dürfte der Atem gestockt haben: In seiner Rede rechnete Preisträger Liao Yiwu nicht nur mit dem chinesischen Regime ab.

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Der chinesische Autor Liao Yiwu (r.) nimmt nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche den Applaus der anwesenden Gäste entgegen©

Für sein mutiges Aufbegehren gegen die politische Unterdrückung in China ist der chinesische Autor Liao Yiwu in Frankfurt mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Liao, der im Exil in Berlin lebt, rechnete in seinen Dankesworten scharf mit dem Regime seines Heimatlandes und mit dem Westen ab. "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen", sagte er mehrfach auf Deutsch in seiner auf Chinesisch gehaltenen Rede in der Frankfurter Paulskirche. Allein ein Ende des "diktatorischen chinesischen Großreichs" bringe den Menschen in China und den unterdrückten Minderheiten im Land wie den Tibetern oder Uiguren Freiheit und Demokratie.

Zugleich griff Liao, der im vergangenen Jahr aus China geflüchtet war, scharf den Westen an. "Unter dem Deckmantel des freien Handels machen westliche Konsortien mit den Henkern gemeinsame Sache, häufen Dreck an."

Dankesrede endet mit Klagelied

Der renommierte Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert, seine Verleihung bildet traditionell den Höhepunkt und Abschluss der Frankfurter Buchmesse. Rund 1000 Gäste nahmen an der Festveranstaltung teil, darunter Bundespräsident Joachim Gauck und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

Es sei ein Irrtum zu glauben, dass der wirtschaftliche Aufschwung Chinas zwangsläufig zu politischen Reformen führen werde, sagte Liao. "Das Wertesystem des chinesischen Imperiums ist längst in sich kollabiert und wird nur noch vom Profitdenken zusammengehalten." Die globalisierte freie Welt werde sich noch ausweglos in den "üblen (chinesischen) Fesseln des Profits" verheddern. Liao beendete seine Dankesrede mit einem bewegenden Klagelied im Gedenken an die Mütter, die beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking am 4. Juni 1989 ihre Kinder verloren hatten.

Liao prangere die Geschichtsvergessenheit in China an, sagte seine Laudatorin, die Literaturchefin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Felicitas von Lovenberg. Der Autor verkörpere den Widerstand aus dem Gedächtnis heraus. Dieses sei in China durch Wohlstand ersetzt worden. Liao, der in China mehrere Jahre im Gefängnis saß, sei einer Poetik der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Seine Art des Schreibens sei ein Akt der Selbstachtung und damit nicht zuletzt ein Mittel zur Wiedererlangung auch seiner eigenen Würde. Dass sein Werk weithin gelesen werde, sei die einzige Garantie dafür, dass ihm diese Würde nie wieder genommen werden könne, sagte von Lovenberg.

"Leidenden zu einer Stimme verholfen"

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, sagte, unerschrocken und sprachmächtig habe Liao den unter Repression und Unterdrückung leidenden Menschen seines Volks zu einer Stimme verholfen. Er sei ein Volksschriftsteller im wahrsten Sinne des Worts. "Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal", hieß es in der Begründung des Börsenvereins.

Liao, einst Straßenmusiker, hat in seinen Reportagen und Interviews über Rikschafahrer, Leichenwäscher und Barmädchen geschrieben. Von seinem chinesischen Landsmann Mo Yan, der am Donnerstag den Literaturnobelpreis erhielt, hatte sich Liao am Freitag auf der Buchmesse klar distanziert. Dieser sei ein "Staatsautor", der das kommunistische Regime vertrete.

Der Börsenverein vergibt den Friedenspreis seit 1950. Preisträger waren unter anderen Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Siegfried Lenz, Assia Djebar, Susan Sontag, David Grossman und im vergangenen Jahr der Algerier Boualem Sansal.

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