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17. Februar 2006, 08:04 Uhr

Der scharfzüngige Schwärmer

Er legte sich mit den Herrschenden an - und musste seine Heimat verlassen. Am 17. Februar 1856, vor 150 Jahren, starb der deutsche Dichter, Journalist und Romantiker in Paris. Und noch immer hat jede seiner Zeilen Gültigkeit.

Heinrich Heine auf einem Gemälde von 1831© Elke Walford/bpk

So was liest man gerne: "Ich habe die friedlichste Gesinnung", schreibt der Dichter Heinrich Heine. "Meine Wünsche sind eine bescheidene Hütte, Milch und Butter, vor der Tür einige schöne Bäume - und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden." Es ist anzunehmen, dass dieser Heine-Spruch an vielen Bürowänden hängt. So wie bei dem Berliner Kunstsammler Heinz Berggruen. Denn so mögen wir unseren Heine, den ungezogenen Liebling der Grazien - ironisch, zärtlich und von anmutiger Grausamkeit.

Am 17. Februar ist Heinrich Heines 150. Todestag. Neue Bücher, Veranstaltungen, Lesungen, Liederabende, Sondersendungen im Fernsehen werden an den größten deutschen Dichter erinnern, den größten nach Goethe, wie Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nicht müde wird zu betonen. Denn noch immer ist Heinrich Heine eine unerschöpfliche Fundgrube: als politischer Essayist und Journalist, der den armen deutschen Michel "beständig an der Nase zupfen musste, dass er aus seinem gesunden Riesenschlaf erwache"; als jüdischer Emigrant, der nach Paris flüchtete, um der heimischen Zensur ebenso wie dem heimischen Antisemitismus zu entgehen; als poetischer Reporter, der mit seiner Harzreise, dem schönsten Reisebericht der deutschen Literatur, ganz ungewöhnliche Maßstäbe setzte; als entlaufener Romantiker, der die deutsche Sprache vom Pathos entmüllte; und als unermüdlicher Höfling schöner Frauen, denen er die kühnsten, die zauberhaftesten, die melancholischsten Reime widmete über die Liebe, besonders über die unglückliche.

Der Dichter und die Damen - ein unerschöpfliches, wildes, glutvolles Kapitel. Niemand hat so kleidsam gelitten wie Heinrich Heine. Und je schöner das Leid, desto schöner die Reime. Eigentlich gehört der Mann zur Pflichtlektüre jeder Selbsthilfegruppe in Sachen Liebeskummer. Erstaunlicherweise ist er da noch gar nicht so recht entdeckt worden. Dabei hat Heine all das zu bieten, was man braucht für einen soliden Liebeswahn und was sich in allen Liebeskummer-Chats findet: zuverlässig abrufbare Minderwertigkeitskomplexe und das beständige Gefühl, als ungeliebter Außenseiter nichts wert zu sein. Paul Watzlawicks hinreißende "Anleitung zum Unglücklichsein" könnte direkt von Heine abgeschaut sein.

Von ständigen Kopfschmerzen geplagt, wandert Heine im Herbst 1824 vier Wochen lang durch den Harz. Von dort aus besucht der junge Dichter in Weimar den herzkranken Goethe - doch das Treffen dauert nur ein paar Minuten© Ute Mahler

Aber während unsereiner in Therapie geht und im Hamsterrad zappelt und Freunde langweilt mit endlosem Geschwätz über endlosen Liebesschmerz, hat Heine aus seinem Hamsterrad Weltliteratur gemacht. "Ich hätte mich gewiss in das schöne Mädchen verliebt, wenn sie gleichgültig gegen mich gewesen wäre; und ich war gleichgültig gegen sie, weil ich wusste, dass sie mich liebte", schreibt er über das psychologische System Heine und liefert die Gebrauchsanweisung für seine Person gleich mit: "Madame, wenn man von mir geliebt sein will, muss man mich en canaille behandeln." Als Kanaille! Intimer kann man sich nicht preisgeben. Der Satz ist in seiner Schutzlosigkeit zutiefst rührend. Und unangreifbar, weil der Autor sich eleganter ironisiert, als seine Feinde es je könnten. Wir kennen das von Groucho Marx: Der Club, der mich aufnimmt, kann nichts wert sein.

"Es stand geschrieben, dass ich von dem großen Übel, den Pocken des Herzens, stärker als andere Sterbliche heimgesucht werden sollte", schrieb der junge Heine düster und verfluchte seinen ewigen Liebesschmerz ebenso, wie er ihn genoss. Kein Zweifel, der Mann war süchtig nach Zurückweisungen. Und unerwiderte Liebe war der Grundstock seines Vermögens, in jeder Beziehung. Nun fühlen sich viele Schriftsteller von Rang heimatlos und ausgestoßen. Einsamkeit ist eine kreative Geschäftsgrundlage großer Literatur. Bei Heine, dem geborenen und später entlaufenen Juden, verschärfte sein Jude-Sein die Wunde des Ungeliebten noch. Niemals wäre ein zufriedener Heine, versunken in der Banalität seines kleinen Alltagsglücks, ein so bedeutender Literat geworden.

Im "Buch der Lieder" von 1827, das ihn berühmt gemacht hat, besingt Heine ausführlich seine quälende Obsession, und jeder Leser kann sich glücklich darin wieder finden: "Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt; der andre liebt eine andre, und hat sich mit dieser vermählt. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passiret, dem bricht das Herz entzwei."

Die Loreley bei St. Goarshausen am Rhein: Eine Sandbank und starke Strudel machten diese Kurve zur gefährlichsten der Rheinschifffahrt - und inspirieren auch Heine zu seiner Version der uralten Sage von der blonden Nixe© Ute Mahler

Die Frauen, denen Heines Avancen galten, mussten nicht von Stand sein. Er, der arme Vetter aus Düsseldorf, schmachtete zwar dahin für seine reichen Hamburger Cousinen, erfolglos natürlich. Doch auch den Huren seiner Studentenzeit und den Grisetten seiner Pariser Jahre galt seine Zuneigung. Grisetten nannte man die armen Mädchen, die mit ihren flinken Leichtlohnfingern in den Fabriken schufteten oder als Verkäuferinnen ausgebeutet wurden und nach Schichtschluss auf der Pirsch waren nach einem großzügigen Herrn, der ein paar Franc springen ließ.

Heine liebte die Unverfälschtheit dieser Mädchen und war, anders als die meisten Männer, nie der verschämte Freier, der sich verdruckst aus der Hintertür schlich. Das war selbst in Pariser Künstlerkreisen ungewöhnlich. Was der Sozialist Ferdinand Lasalle damals empört eine "Poesie der Hurerei" nannte, liest sich jedoch ausnehmend hübsch: "Diese schönen Gliedermassen Kolossaler Weiblichkeit sind jetzt, ohne Widerstreit, Meinen Wünschen überlassen", dichtete Heine fröhlich.

Als Heinrich Heine am 13. Dezember 1797 in der Düsseldorfer Bolkerstraße geboren wurde, als Sohn eines recht glücklosen, aber genusssüchtigen und frohsinnigen jüdischen Kaufmanns ("in seinem Gemüte war beständig Kirmes", schrieb der Sohn über den Vater), nannte die Familie ihn Harry und beschloss, "dass ich eine Geldmacht werden sollte", ein richtiger Bankier wie der reiche Hamburger Onkel Salomon Heine.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 8/2006

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