Schönheit hat von jeher eine magische Anziehungskraft. Warum eigentlich? Weil die Gene das so wollen, sagt die Wissenschaft. Von Jochen Siemens

Das Bild der Schauspielerin Monica Bellucci zeigt eine außergewöhnlich schöne Frau© Gianpaolo Barbieri
Ein Gesicht. Neulich am Hamburger Hafen. Das Gesicht einer Frau, die einem entgegenkam. Grüne Augen, honigblonde Haare mit einem Seitenscheitel, eine kleine Nase und halb hohe Wangenknochen, blassrote Lippen, zu einem Lächeln gezogen. Die Sonne schien, und auf der Nase schimmerten Sommersprossen auf der braunen Haut. Dieses Gesicht war schön, verdammt schön sogar - und schon fing das Dilemma an.
Es gibt Hunderttausende Frauen mit blonden Haaren, grünen Augen und halb hohen Wangenknochen. Aber die sind nicht alle schön. Der Frau am Hafen wäre man am liebsten den ganzen Tag nachgelaufen. Warum? Weil Schönheit Macht hat. Macht, den Blick zu lenken, Macht, die Gedanken zu schütteln.
Sie regiert, seit wir denken können. Und überall. Die Herrscher des Mittelalters ließen sich gefälliger malen, als sie waren, um weniger angreifbar zu sein und ihre Macht zu sichern. Schönheit hat dem englischen Thronfolger Edward VIII. die Aussicht auf die Krone genommen, weil er von der attraktiven Amerikanerin Wallis Simpson nicht lassen wollte. Die Sehnsucht nach Schönheit ölt die Räder einer jährlich 160 Milliarden Dollar umsetzenden Kosmetikindustrie, die aus Männern düftelnde Metro-Sexuelle und aus Frauen eine gepiercte IG Metall macht. Sie treibt jährlich fast eine halbe Million Deutsche unter die Messer von Chirurgen und lässt einen Unternehmer, will er eine Frau Kollegin, lieber die langen Beine als den besseren Universitätsabschluss einstellen - sagen jedenfalls 93 Prozent von 1300 befragten amerikanischen und englischen Personalchefs.
"Ich fürchte keine als der Schönheit Macht", stöhnte Schiller. Für Umberto Eco, dessen "Geschichte der Schönheit" demnächst erscheint, reicht sie mit einem Gouverneur Schwarzenegger und einem gelifteten Berlusconi schon bis an die Schalthebel der Politik. Wenn wir uns einmal klar machen, welche Entscheidungen wir jeden Tag dem schönen Schein unterwerfen - von der Hautcreme morgens im Bad über den prüfenden Blick in den Rückspiegel, von der Hoffnung, beim Bäcker von der Blondine bedient zu werden, bis zur Tagesschau, die wir lieber von Laura Dünnwald als von Jens Riewa vorgelesen bekommen -, dann wird deutlich: Die Suche nach Schönheit ist ein mächtiger Lenker unseres Tuns.
Aber warum? Weil wir sagen "schöne Frau" oder "schöner Mann" - und dabei heimlich doch nur an das, na ja, eine denken? Sieht so aus.
Als sich irgendwann Verhaltensbiologen der Frage annahmen, worin der Nutzen der Schönheit liegt, stießen sie auf eine eindeutige Antwort: Sex. Das Verlangen nach einem makellosen Körper, so die Wissenschaftler, ist vor allem ein Drang, den optimalen Fortpflanzungspartner zu finden. Es ist ein perfider Trick der Natur: Wir hecheln nach Schönheit, damit die Evolution ihre Erfindungen sichert.
Die Verhaltensbiologen haben es erforscht, bei Menschen und vor allem bei Tieren. Schöne Federn, ein glänzendes Fell, ein ausdauernder, kunstvoller Gesang oder intensives Röhren; alles eindeutige Signale für Tiere: Sie verraten Gesundheit, Kraft und somit das Vorhandensein "guter Gene". Der Pfauenhahn zum Beispiel kann sein schillerndes Rad nur in aller Pracht entfalten, wenn er über genügend Abwehrkräfte gegen Parasiten verfügt - zerfressen und löchrig kommt die Show lumpig daher. Es ist also sinnvoll, dass viele Hennen auf den stolzesten Hahn fliegen. Auch beim Menschen wirken bestimmte Körpermerkmale als Zeichen guter Gene. Lange Beine gelten zum Beispiel in allen Kulturen als attraktiv. Kein Wunder, so der Berliner Evolutionsbiologe Carsten Niemitz. Schon den Vorläufern des Homo sapiens hätten sie das Überleben gesichert. Wer lange Beine hatte, konnte schneller flüchten, weiter wandern und besser überleben. Heute wird man damit, wie Claudia Schiffer, reich.