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29. September 2007, 09:03 Uhr

"Ein Teufel mit einem wichtigen Kunden"

Von der Verwaltung des Himmelreichs zur vertrackten Bürokratie der Unterwelt: Auf seinen Roman über Jesus Christus lässt der amerikanische Star- Literat Norman Mailer, 84, nun eine fiktive Biografie des jungen Adolf Hitler folgen. Verwegene These: Klein "Adi" war das Werkzeug eines rangniedrigen Unterteufels namens Dieter.

Der große alte Mann der amerikanischen Nachkriegsliteratur: Norman Mailer© Peter Foley/ EPA

Mr Mailer, die Recherchen für Ihr neues Buch scheinen Sie in eine Art Zwischenreich geführt zu haben. Glauben Sie an den Teufel?

MAILER: Ich vermute jedenfalls, dass es ihn gibt. Die Welt ergibt mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass ein Teufel existiert. Wenn Astronomen ein unerklärliches Phänomen im Weltall entdecken, stellen sie Thesen darüber auf, was sich an diesem blinden Fleck befinden könnte: vielleicht ein unbekannter Planet oder eine Galaxie. So ähnlich würde ich die These aufstellen, dass es den Teufel gibt.

Um welchen blinden Fleck zu erklären: das Böse in der Welt?

Ja, aber auch die konkreten Strukturen des Bösen. Ich kann das nicht genau beschreiben, aber mein Gefühl, dass es den Teufel gibt, ist immerhin so stark, dass ich ihn zum Erzähler meines neuen Romans gemacht habe.

"Das Schloss im Wald" wird erzählt von einem Unterteufel, der im Österreich des späten 19. Jahrhunderts damit betraut ist, den kleinen Adolf Hitler in die Welt des Bösen einzuführen. Hübsch, dass Sie diesen Teufel ausgerechnet Dieter genannt haben - auf Deutsch ein völlig harmloser Name.

Ich weiß. Aber seine Initialen sind "D. T.", und das steht für "Der Teufel". Ich beherrsche nur ein paar Brocken Deutsch, was schade ist, da ich die Sprache immer gemocht habe.

Welche Ihrer Romanfiguren kam zuerst: Hitler oder der Teufel?

Über Hitler wollte ich schon sehr lange schreiben, aber ich wusste nie genau, wie. Dann kam mir der Gedanke, ein Buch vom Teufel erzählen zu lassen, und ich dachte: So geht es. Ein Roman nimmt oft seinen Ausgang an der Schnittstelle von zwei Ideen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Sie werden gemerkt haben, dass mich vor allem die Vorstellung fasziniert, wie wohl die Existenz eines Unterwelt- Beamten aussieht, der in einer Art teuflischer Bürokratie steckt, mit all den üblichen Problemen und Pannen und der Angst vor seinem Vorgesetzten. Eigentlich ist "Das Schloss im Wald" ein Roman über einen Teufel mit einem wichtigen Kunden.

Glauben Sie wirklich, dass Hitler so einzigartig ist, dass man teuflische Kräfte bemühen muss, um ihn zu verstehen?

Schauen Sie sich zwei der größten poli-­ tischen Ungeheuer des 20. Jahrhunderts an, Stalin und Hitler. Um Stalin zu verstehen, braucht man keinen Teufel. Er war ein Mensch. Zugegeben, ein besonders häss-­ licher, grausamer und starker Mensch, aber doch ein Mensch, und er lässt sich aus sei-­ ner Biografie heraus erklären, aus den Ver-­ werfungen des Bolschewismus und so wei-­ ter. Für Hitler gilt das nicht. Er war im Grunde ein Schwächling, hysterisch, zim-­ perlich, fast eine Heulsuse, und für den Führer einer Weltmacht hatte er eigentlich unverzeihliche Schwächen und Fehler. Aber er bewies ein politisches Genie, das ihn zumindest in den Jahren von 1932 bis 1938 all den außenpolitischen Schlauköpfen auf beiden Seiten des Atlantiks überlegen mach-­ te. Wie erklärt man das? Ich finde es plausi-­ bel, darin das Werk des Teufels zu sehen, zumindest für die Zwecke meines Romans.

Wir müssen gestehen, dass wir skeptisch bleiben ...

Besteht die Prämisse eines Autors nicht immer darin zu sagen: Ich werde erklären, was kein anderer erklären kann? Wann im-­ mer man einen Roman anfängt, versucht man, etwas zu beweisen. Ob mir das als Autor gelingt, müssen Sie als Leser dann entscheiden. Aber was mich betrifft: Ja, ich glaube, dass es so war.

Am Ende des Buches ist Hitler gerade 16 Jahre alt. Wollen Sie eine Fortsetzung schreiben?

Ursprünglich ja. Aber ein Roman dauert vier bis fünf Jahre, und ich weiß nicht, ob meine Kräfte ausreichen werden. Wenn ich vor zwei Jahrzehnten angefangen hätte, hätte ich vielleicht den Rest meines Le-­ bens diesem Stoff gewidmet, denn Hitlers Geschichte wird immer faszinierender, je älter er wird.

In Deutschland war es lange verpönt, sich mit Hitler als Person zu befassen. Aber zurzeit findet eine Art Renaissance statt, mit Filmen wie "Der Untergang" oder auch "Mein Führer - die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler".

Das wusste ich nicht. Erklären kann ich Ihnen dieses Phänomen auch nicht, weil ich Deutschland zu wenig kenne, aber mein Gefühl sagt mir: Wie sollten die Deutschen sich nicht für Hitler interessieren? Es war lange verboten, aber vielleicht ist inzwi-­ schen so viel Zeit vergangen, dass sie sich wieder an ihn heranwagen. Immerhin ist er mit großer Wahrscheinlichkeit die wich-­ tigste Figur in der deutschen Geschichte.

Haben Sie keine Angst, dass Hitler allzu menschlich erscheint, wenn man sich auf ihn als Individuum konzentriert?

Es stimmt vollkommen: Man macht Hitler dadurch menschlicher. Aber niemand fragt je, was geschieht, wenn man sich nicht mit ihm als Person befasst. Dann sitzt er als tote Stelle mitten in unserer Wahrnehmung der Vergangenheit, als eine Stelle, die man nicht erkunden darf. Das schadet unserer Erforschung der Geschichte, das ist unvernünftig und psychologisch unklug, und es schränkt unser Verständnis davon ein, wer wir als Menschen sind und wo wir in der Zeit stehen. Hitler menschlich erscheinen zu lassen ist der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, dass wir uns weiterentwickeln.

Wie viel hat Ihre jüdische Herkunft mit Ihrem Bedürfnis zu tun, über Hitler zu schreiben?

Oh, sehr viel. Als ich neun Jahre alt war, wusste meine Mutter schon, was den Staatsmännern Europas noch lange nicht klar war. Sie sagte: "Dieser Mann wird sehr viele Juden umbringen." Das war 1932, ein Jahr, bevor Hitler die Macht ergriff. Als Jüdin war meine Mutter mit Antisemitismus aufgewachsen, der damals in Amerika noch wesentlich verbreiteter war, und sie hatte einfach ein Gefühl dafür. Also wusste ich von meinem neunten Lebensjahr an, dass es einen Mann namens Adolf Hitler gibt, der mich eines Tages ermorden würde.

Zur Person Mit 25 Jahren schrieb der Luftfahrtingenieur Norman Kingsley Mailer (*1923 in New Jersey, USA) sein Meisterwerk: "Die Nackten und die Toten" (1948) gilt als der vielleicht bedeutendste Roman über den Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Literatur. Für seine dem "New Journalism" verpflichteten Werke "Heere aus der Nacht" (1969) und "Gnadenlos" (1980), die durch ihre Mischung aus journalistischer Recherche und literarischer Sprachgewalt bestechen, erhielt er jeweils den Pulitzer Preis.

Der Linksintellektuelle drehte Ende der 60er Jahre experimentelle Gangsterfilme und schrieb zahlreiche Biografien, etwa über Marilyn Monroe, Pablo Picasso und Lee Harvey Oswald. Er ist in sechster Ehe verheiratet, hat neun Kinder und lebt in New York sowie auf Cape Cod am Atlantik. In seinem jüngsten Buch "Das Schloss im Wald" (Langen Müller, 29,90 Euro) will Mailer das Wesen Adolf Hitlers entschlüsseln.

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