Pippis Traum von der "Negerprinzessin" ist ausgeträumt

9. Februar 2013, 13:57 Uhr

Seit Wochen streitet Deutschland über rassistische Begriffe in Kinderbüchern. Inzwischen ist eine klare Mehrheit gegen nachträgliche Korrekturen. Für Pippi Langstrumpf kommt dies zu spät. Von Thomas Schmoll

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Rassismus, Verlage, Negerlein, Die kleine Hexe, Pippi Langstrumpf, Umfrage, Kinderbücher, Astrid Lindgren, Otfried Preußler, Denis Scheck; Kirsten Boie

"Negerlein" und "Zigeuner" sollen aus Kinderbuch-Klassikern wie "Die kleine Hexe" verschwinden. Viele Deutsche halten davon nichts.©

Das Statement ließ an Klarheit nichts vermissen. "In Deutschland gibt es Ausländerhass, Rassimus und Neonazis. Das ist eine Schande." Und: "Wer heutzutage von Negern spricht, ist ein Holzkopf." Trotzdem geriet ARD-Literaturkritiker Denis Scheck unter Rassismus-Verdacht. Er hatte es gewagt, in seiner Sendung "Druckfrisch" sein Gesicht dunkel zu schminken, als wäre er ein Schwarzer. Er plädierte dafür, vor Jahrzehnten geschriebene Kinderbücher wie "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler und Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" zu belassen, wie sie sind, statt sie von Wörtern wie "Negerlein" und "Negerkönig" zu befreien, weil diese inzwischen als rassistisch aus dem Sprachgebrauch verbannt wurden.

"Gerade junge Leser sollten lernen, dass der Gebrauch der Sprache einem steten Wandel unterliegt", sagte Scheck. "Die Alternative hat George Orwell in seinem Roman '1984' beschrieben, in dem die Angestellten des Wahrheitsministeriums permanent die Vergangenheit umschreiben." Ein Satz provozierte besonders: "Es gibt aber auch feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit."

Das Urteil fiel vernichtend aus. Auf Facebook wurde gefordert "Schluss mit rassistischen 'blackface' Aufführungen", Scheck wurde in eine Ecke gestellt, in die er mit Sicherheit nicht gehört. Auf Twitter schrieb ein User: "Ich mag Schecks 'Druckfrisch', aber mit dem #blackface & seinem Plädoyer für das Wort #Neger hat er sich disqualifiziert!" Mit dem Auftritt heizte Scheck die Debatte um Änderungen in Kinderbuchklassikern weiter an. Seit Wochen diskutiert Deutschland darüber, ob Passagen, die Immigranten als beleidigend empfinden oder jungen Lesern ein rassistisches Weltbild vermitteln könnten, getilgt werden sollten oder eben nicht. Im Dezember meldete sich Familienministerin Kristina Schröder (CDU) zu Wort. Beim Vorlesen von Kinderbüchern übersetze sie ihrer Tochter, um sie "davor zu bewahren, solche Ausdrücke zu übernehmen. Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten", sagte sie der "Zeit". Ihre "Übersetzung" sieht so aus: "Da lag ein kleines Baby mit schwarzer Hautfarbe. Und Pippis Vater ist eben der Südseekönig. Die Hautfarbe spielt in der Geschichte ja keine entscheidende Rolle."

"Der Begriff Neger fällt künftig weg"

Anfang Januar gab Preußlers Verleger Klaus Willberg bekannt, "Die kleine Hexe" sprachlich zu überarbeiten: "Der Begriff Neger fällt künftig weg, die Kinder werden sich als etwas anderes verkleiden als Türken oder Chinesen." Die Reaktion beschrieb er im Börsenblatt so: "Wir haben heute in dieser Causa bereits einen 'shitstorm' erlebt, aber leider enthielten 99 Prozent dieser Mails nur Beschimpfungen und haben sich inhaltlich nicht mit der Sache auseinandergesetzt." Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie sprang Willberg bei: "Ich finde es in diesem konkreten Fall richtig, dass das Wort aus den Kinderbüchern herausgestrichen wird", sagte sie in der "taz" und sprach von einer übergeordneten Aufgabe für Schriftsteller und Verleger: "Wichtiger als das einzelne Wort ist, dass die Haltung der Autoren klar wird." Hans Heino Ewers, Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt, meinte: "Bis zum Alter von neun Jahren beziehen Kinder abwertende Begriffe wie 'Neger' noch auf sich selbst. Wer dunkelhäutig ist, fühlt sich dann verletzt. Ich frage mich, wo bleibt der Respekt für Kinder zum Beispiel aus bi-kulturellen Familien."

Pippi Langstrumpf hat die Korrekturen bereits hinter sich. Die kleine Anarchistin und Vorreiterin des Feminismus sagt in neueren Ausgaben des Kultbuches nicht mehr: "Mein Vater ist ein Negerkönig. Eines Tages kommt er und holt mich. Dann werde ich eine Negerprinzessin. Heihopp, was wird das für ein Leben!" Der Verlag Friedrich Oetinger beschloss 2009, in neuen Auflagen Wörter wie "Neger" und "Zigeuner" aus Lindgrens Werken zu streichen. Der kongolesische Journalist und Dolmetscher Kaisa Ilunga verlangte als Mitglied des Integrationsrats der Stadt Bonn, die Bücher mit den alten Fassungen aus öffentlichen Bibliotheken auszusortieren. Ihm kam es nicht allein auf die Verwendung von Wörtern mit rassistischem Hintergrund an. "Es geht um eine ganze Hierarchiebotschaft", sagte er. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, ist gegen alle Korrekturen: "Sonst können wir irgendwann einen großen Teil der Weltliteratur oder auch das alte Testament über Bord werfen."

Wandel im Stimmungsbild der Bevölkerung

Michael Schmitt, Literaturredakteur bei 3sat-"Kulturzeit", meinte sarkastisch: "Wer Bücher verfälscht oder verfälschte Bücher in Umlauf bringt, wird mit Dummheit und historischer Blindheit nicht unter lebenslänglich bestraft." Er gab zu bedenken: "Der Rassismus von heute verschwindet doch nicht, wenn man in Büchern von damals den Wortbestand ändert." Auf die Spitze trieb die Debatte der Berliner "Tagesspiegel": "Den Kinderbuchfans reicht es. Gutmenschen nehmen ihnen schöne Worte wie 'Neger', 'Kanake' oder 'scheiß Ausländer' weg. Damit soll nun Schluss sein. Sie fordern: Die Sprache hätte man schon viel früher einfrieren müssen! Die 'Neusprechverweigerer für die Starrheit der Übersetzung' (NSÜ) haben sich für eine Rückbenennung der 'Bundesrepublik Deutschland' in 'Deutsches Reich' ausgesprochen", schrieb das Blatt in einer Satire, die ebenfalls nicht nur auf Zustimmung stieß.

In der Bevölkerung hat sich das Stimmungsbild gewandelt. Während Mitte Januar in einer Emnid-Umfrage für "Bild am Sonntag" noch 48 Prozent dafür waren, auf alle Korrekturen zu verzichten, spricht ist nun eine klare Mehrheit der Deutschen gegen Streichungen diskriminierender Begriffe wie "Negerlein" aus Klassikern. In einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov lehnte es 70 Prozent der Befragten ab. Schwer vorstellbar, dass das alles Rassisten sind.

 
 
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