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24. Mai 2008, 10:12 Uhr

Das Leben im Film

Zwei Tage vor seinem Ende ist das Festival bereits in Auflösung begriffen: Man kann die Croisette in weniger als einer halben Stunde überqueren, der Ellbogeneinsatz vor Kinos und Restaurants lässt nach, und Madonna ist auch wieder weg. Zeit für das wahre Kino des Lebens. Von Sophie Albers, Cannes

Madonna, Sharon Stone und die Armut der Welt© Vincent Kessler/Reuters

Ganz Cannes scheint dieser Tage eine riesige Leinwand zu sein. Das fängt an mit kleinen Szenen an der Straßenecke, wo ein Tätowierer und ein Harley-Davidson-Mechaniker vor ihren Läden den Tag aussitzen und hört auf bei Madonna, die mit Glitz und Klunker auf den roten Stufen ihre Show für Aidswaisen in Afrika abzieht. Dazwischen liegt das Königreich des Kinosaals, und in dem hat Charlie Kaufman, der als begnadeter Drehbuchautor für Filme wie "Being John Malkovich" und "Vergiss mein nicht" berühmt ist, nun erstmals als Regisseur die Denkschraube bis zum Anschlag gedreht.

Nach 124 Minuten "Synecdoche New York" sind vor dem Festivalpalast vor allem verwirrte Gesichter zu sehen, aber immerhin keine unglücklichen. Erklärungen zum Gesehenen hören sich schnell entweder zu banal oder zu verschwurbelt an, aber versuchen wir es trotzdem:

Theaterregisseur Caden Cotard (Philip Seymour Hoffman) leidet am Leben und das sichtbar. Ehe- und Existenzkrisen findet er an seinem Körper wieder - als Pusteln oder auch Blut im Stuhl. Beziehungen zerbrechen und entstehen, Menschen sterben, werden geboren, das Leben geht immer weiter. Die Abgeschlossenheit der Geschehnisse, wie sie Hollywood gerne vorgaukelt, ist außer Kraft gesetzt. Und so vergeht die Zeit, während Cotard das Theaterstück seines Lebens inszeniert, was in diesem Falle wörtlich zu verstehen ist. Die Realität wird nachgebaut, verschiebt sich, kommt zu spät und zerfällt. Und der Sekundenzeiger rückt gnadenlos weiter, die Haare werden grau, der Rücken krumm.

Kaufmans Drama ist monumental, und es kostet etwas Überwindung, sich darauf einzulassen, denn ist es doch gerade die Lebensferne, die das Kino so unterhaltsam macht. Doch "Synecdoche" ist sehr wahr und sehr nah dran, und das sogar wenn tätowierte Blumen verwelken und ihren Träger mit in den Tod nehmen. Cotards Geschichte ist eine Abenteuerreise, die zeigt, wozu das Kino fähig ist.

Das tut auch Quentin Tarantino immer wieder gerne, und in Cannes hat der Kultregisseur sogar vor rund 1800 Zuhörern ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. In einer Masterclass zeigte er Ausschnitte aus all seinen Werken - von "Reservoir Dogs" bis "Deathproof" - und redete mal wieder alle an die Wand. Er sprach über seine Abneigung gegenüber Filmkomponisten und das eigentliche Wesen seiner Filme: die Komödie. Und Tarantino bestärkte Nachwuchsregisseure darin, es erst einmal ohne Schule zu probieren: "Der Versuch, ohne Geld einen Film auf die Beine zu stellen, ist die beste Schule, die du besuchen kannst. Filmschulen sind teuer, nutze das Geld, um einen Film zu drehen."

Madonnas Gärtner

Zu wenig Sorgen ums Geld musste sich offensichtlich Nathan Rissman machen, der mit "I am because we are" einen Film über das Schicksal von Aidswaisen in Malawi abgeliefert hat, für den Madonna Namen, Gesicht und Mittel gab. Die beeindruckend flache, auch immer wieder kitschige Herangehensweise hat dem Filmemacher, der einst Gärtner des Popstars war, ordentlich Häme eingebracht. Da konnten auch Michael Moores Ratschläge nicht helfen, die laut Madonna den Film erst möglich gemacht haben.

Der geniale Kopf von Charlie Kaufman© Guillaume Horcajuelo/DPA

In eine ähnliche Kerbe schlug die Amfar-Gala (der von Elizabeth Taylor gegründeten American Association fighting Aids) die mit Dior-Roben, Brillanten und Tischpreisen bis zu 150.000 Dollar sowie Promis wie Sharon Stone, Mary J. Blige und Diane Krüger aufwartete. Bei der wohltätigen Auktion im Nobellokal Moulin de Mougins wurde unter anderem ein Porsche 911 Targa Baujahr 1976 aus Stones Sammlung versteigert. Protzen für den guten Zweck ist ein Leinwanderlebnis für sich.

Rosenblätter aus Mülltüten

Zwar wurden auch auf der Gala des deutschen Films am Freitagabend Gebote abgegeben, doch ging es wieder um Film, zudem konnten die Veranstalter etwas mit dem Wort "ideell" anfangen: Ein live gemaltes Bild von Armin Rohde oder auch der Regiestuhl von Kate Winslet in "Die Vorleserin" standen zur Auktion. Der Erlös von 60.000 Euro kommt der Initiative First Steps zugute, die den Nachwuchs der Branche fördert. Unter anderem Mario Adorf, Detlef Buck, Leander Haußmann, Natalia Wörner, Dominic Raacke, Götz Otto, Anna Fischer waren auf das Kreuzfahrtschiff MS Europa in der Bucht von Cannes übergesetzt, um an der erstmals von der Filmakademie ausgerichteten Gala teilzunehmen. Neben dem üblichen Kaviar und Feuerwerk gab es auch noch einen Auftritt von Sasha. Bis auf einen kleinen Anschlag mit Rosenblättern aus Mülltüten, die ein Hubschrauber über dem Schiff abwarf, blieb das "Speed"-Erlebnis aus.

Und während auf Land und zu Wasser der Champagner fließt - allein das Carlton Hotel hatte 10.000 Flaschen vorbestellt - steigt die Spannung, welcher Film denn nun Chancen auf ein Palmblatt hat. Keine Zeitung, die nicht Punkte vergibt, kein Festivalbesucher ohne Meinung. Doch diese Auswahl ist wiederum der ganz eigene Film, den die Jury fährt.

Von Sophie Albers, Cannes
 
 
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