Kein anderes Land zahlt so viel Geld für seine Bühnen: rund zwei Milliarden Euro jedes Jahr. Doch Schauspieler, Sänger und Tänzer sehen davon nur wenig. Das meiste Geld wird hinter den Kulissen verbraten. Enthüllungen aus dem Kultur-Betrieb - am Beispiel des Theaters in Saarbrücken. Von Walter Wüllenweber

Was der Zuschauer nicht sieht: Alle leben gut von der Kultur, selbst der Feuerwehrmann im Dunkeln - doch die im Lichte werden am schlechtesten bezahlt© Andreas Reeg
Es ist so weit. Das große Sterben beginnt. Blut fließt in Strömen. Es wird geköpft, erwürgt, erstochen. Auf der Bühne stapeln sich die Leichen. Die Überlebenden singen, was die Stimmen hergeben. In den nächsten Tagen wird ihnen selbst das Sprechen wehtun. Richard Strauss hat den Höhepunkt seiner Oper "Elektra" ohne jede Rücksicht auf die Stimmbänder der Sänger komponiert.
Auch in der Theaterkantine ist dies der Höhepunkt des Tages. Um einen Tisch sitzen Männer in blauen Latzhosen. Aus ihren T-Shirts quellen dicke Oberarme. Seit Stunden verquarzen sie die Kantinenluft und trinken einen Kaffee nach dem anderen. Oben auf der Bühne beginnt das Gemetzel. Es ist genau 21 Uhr. Von nun an bekommen die Muskelmänner 20 Prozent mehr Lohn. Nachtzuschlag. So steht es im Tarifvertrag. Ihnen wird diese Zuwendung nur zuteil, weil sie keine Sänger sind, keine Schauspieler und keine Tänzer. Es sind Bühnenarbeiter des Theaters in Saarbrücken. So ist das an deutschen Theatern: Den einen geht es an den Kragen, die anderen bekommen Zulagen.
Denn die Spielpläne werden ohne Respekt vor hart erkämpften Tarifverträgen zusammengestellt: Der Vorhang hebt sich meist erst abends. Das ist teuer. Allein die Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschläge für die Bühnenarbeiter kosten das Saarbrücker Theater genauso viel wie die Gehälter für das gesamte Ensemble der Opernsänger zusammen.

In der Maske: Ein Opernsänger schlüpft in die Rolle des Komtur für Mozarts "Don Giovanni"© Andreas Reeg
Während der gesamten Spielzeit ist in den deutschen Feuilletons über das Ekeltheater diskutiert worden, über Schauspieler, die auf der Bühne kacken und kopulieren. Doch das wahrhaft absurde Theater spielt sich an den Schauspielhäusern nicht auf, sondern hinter der Bühne ab. An ganz normalen Regionaltheatern wie in Saarbrücken.
Deutsche Theater sind Volkseigene Betriebe. Nur rund 16 Prozent ihrer Kosten spielen sie selbst ein. Den Rest zahlt der Steuerzahler. Der Staat subventioniert die Theater, um die Künstler zu unterstützen. Die Zuschauer kommen ins Theater, um die Künstler zu sehen. Doch in der Firma Theater spielen Künstler nur eine Nebenrolle. Das zeigt schon ein Blick auf den Stellenplan: Am Saarbrücker Theater sind 477 Menschen beschäftigt. Von ihnen sind 19 Schauspieler, 15 Opernsänger und 14 Balletttänzer. Zusammen zehn Prozent aller Beschäftigten. Am Theater arbeiten mehr Schreiner als Schauspieler, mehr Schlosser als Schauspieler, mehr Schneider als Schauspieler. Das Geld vom Staat ist also mehrheitlich keine Subvention der Kunst, sondern eine Subvention des Handwerks und der Verwaltung. Der Apparat hat übernommen.
Am Vormittag weht eine Dunstwolke durch das Treppenhaus des Saarbrücker Theaters. Jemand hat die Tür zum Probensaal des Balletts geöffnet. Dort wird seit Stunden geschwitzt. Perfekt modellierte Körper schweben über den Schwingboden, als hätte jemand die Schwerkraft abgestellt. Marguerite Donlon übt mit ihrem Ensemble eine neue Produktion. "Okay everybody, short break!", ruft die Chefin. Kurz darauf stehen 14 japsende Tänzer um die kleine Frau aus Irland. Umgangssprache ist Englisch. Die Tänzer kommen aus neun verschiedenen Nationen. Die Konkurrenz im Ballett ist brutal und global. Fünf Stunden probt das Ensemble. Und abends pumpen alle noch eine Einheit im Fitnessstudio. Die Qual bewirkt Qualität. Die "Donlon Dance Company", so heißt das Saarbrücker Ballett-Ensemble, tanzt in der deutschen Spitze, wird zu Aufführungen in ganz Europa eingeladen.

Herrenabend: Kurz vor der Aufführung von Franz Wittenbrinks Liederabend "Männer" singen sich die Darsteller warm© Andreas Reeg
Die Tänzer haben den härtesten Beruf von allen und müssen sich mit Ende 30 einen neuen suchen. Doch sie werden am schlechtesten bezahlt. "What?", ruft Marguerite Donlon. "Wir verdienen wirklich am wenigsten? My God, das habe ich nicht gewusst." Künstler! Das Wirtschaftliche interessiert sie nicht. "Das ist ein Schock!" Erst mal einen Schluck Kaffee. Durchatmen. "Diese deutschen Regeln, diese Gewerkschaften und all das. Wie soll man das verstehen? Wir ignorieren das einfach. Sonst könnten wir gar nicht arbeiten", sagt sie.
Der VEB-Theater ist keine klassenlose Gesellschaft. "Abends spielen wir Brecht, aber am Theater selbst herrscht die übelste Klassengesellschaft", sagt Michael Hiller, Schauspieler am Saarbrücker Theater.
Und so sieht es aus, das Klassensystem am deutschen Theater:
Die Unterschicht: Ganz unten sind alle, die abends auf der Bühne stehen. Sie verdienen am wenigsten und haben die unsichersten Arbeitsplätze. Am Saarländischen Staatstheater verdienen Tänzer im Durchschnitt 2300 Euro. Brutto. Schauspieler 2600 Euro und Opernsolisten 2700 Euro. Durchschnitt bedeutet: Manche, die am Abend Hauptrollen spielen, müssen mit 2000 Euro zufrieden sein. Künstler werden grundsätzlich nur mit immer neuen Zeitverträgen beschäftigt, meist auf ein Jahr begrenzt. In allen anderen Branchen sind solche "Kettenverträge" verboten. Die Gefahr, den Job zu verlieren, ist nicht theoretisch. Im Herbst wird es in Saarbrücken einen Intendantenwechsel geben. Die neue Chefin hat 10 von 19 Schauspielern gekündigt. Sie braucht Platz für ihre eigenen Leute. Zum schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsplatz gehört auch die "Residenzpflicht". Für Stücke, in denen sie nicht auftreten, sind Schauspieler und Sänger meist Ersatzbesetzung. Bei jeder Aufführung müssen sie einspringen können - wie derzeit Oliver Kahn. Weshalb sie oft die ganze Spielzeit über die Stadt nicht verlassen dürfen. "Schauspieler sind die ärmsten Schweine am Theater", sagt Klaus Siebenhaar, früher kaufmännischer Direktor am Deutschen Theater in Berlin, heute Professor für Kulturmanagement an der FU Berlin.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2006