Darf man dem Bösen ein Gesicht geben? Bernd Eichinger und Bruno Ganz sprechen mit dem stern über ihren heftig diskutierten Kinofilm "Der Untergang".

Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger mit seinem Hitler-Darsteller Bruno Ganz vor dem Berliner Bundesfinanzministerium© Manfred Klimek
GANZ: Das ist Goebbels' Zynismus, total kaputt und morbid, aber sehr brillant. Nazi-Größen zu Spielfilmfiguren zu machen war in Deutschland ein Tabu.
EICHINGER: Der Schock über die Greuel war so immens, dass man dem Bösen kein Gesicht geben wollte. Man fürchtete, als Verharmloser dazustehen, wenn man die NS-Prominenz als Menschen aufleben lässt. Aber diese Leute als Menschen zu zeigen heißt ja nicht, sie zu verharmlosen. Außerdem bedarf es Abstand, um als Künstler in diese Zeit einzusteigen. Es hat über 100 Jahre gedauert, bis die Amerikaner Filme gemacht haben über die systematische Ausrottung der Indianer. Auch über Vietnam wurden erst ein Jahrzehnt später Filme gedreht. Einige Freunde haben mir prophezeit, dass man mich für diesen Film im In- und Ausland steinigen wird. Aber ich mache seit 30 Jahren Filme, und so lange befasse ich mich mit totalitären Regimen und deren Gehorsamsmethodik. Mit diesem Background kann man es sehr wohl wagen, dem Bösen ein Gesicht zu geben.
EICHINGER: Hätte Bruno abgelehnt, hätte ich mein Drehbuch zu den Akten gelegt. Als er zusagte, wusste ich: Das Ding ist jetzt im Wesentlichen auf der Spur! Hitler war zuletzt eine kuchenfressende Ruine. Seine Kleidung war mit Essensflecken bedeckt, und aus den Mundwinkeln troff häufig der Speichel. Mir fällt kein anderer Schauspieler ein, der glaubhaft machen kann, dass dieses körperliche und nervliche Wrack dennoch die Autorität besaß, den gesamten Machtapparat bis zum allerletzten Moment total im Griff zu haben.
GANZ: Meine nähere Umgebung war nicht begeistert, am wenigsten mein Sohn. Er sagte: "Es wird dir nicht gut tun, dich so lange in ein krankes Gehirn hineinzuversetzen. Der Film wird vermutlich weltweit gesehen. Du wirst also für den Rest deines Lebens der sein, der Hitler gespielt hat." Ich war sehr zögerlich und habe um zwei Wochen Bedenkzeit gebeten. Am Ende siegte mein ganz simpler Ehrgeiz als Schauspieler. Ich wollte von mir erfahren, ob es möglich ist, diese als unspielbar geltende Figur plausibel und für uns nachvollziehbar darzustellen. Als ich mich zum ersten Mal in Kostüm und Maske im Spiegel sah, habe ich unwillkürlich gesagt: "Jetzt muss ich ihn wohl spielen!" Ich fühlte mich durch die verblüffende Ähnlichkeit gedeckt und beruhigt. Geholfen hat auch, dass ich zwischen mich und die Rolle meinen Schweizer Pass schieben konnte.
EICHINGER: Als wir Bruno bei der ersten Probe sahen, war das für uns ein gruseliger Schock: Der, der da aus der Maske kam, war Hitler! Wir sprachen dann über das Drehbuch, während Bruno noch in Kostüm und Maske war. Ich hatte das gespenstische Gefühl, mit Hitler über Hitler zu reden.