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Der Erklärbär geht in Rente

25 Jahre lang erklärte er in seiner Sendung "Löwenzahn" den Kindern die Welt. Jetzt zieht sich Peter Lustig aus dem Fernsehen zurück. stern-Redakteur Alexander Kühn hat ihn zuhause besucht.

Da muss es sein, gegenüber von dem Maisfeld. Drei Hunde stürmen bellend auf einen zu, ein Mops, ein Labrador, ein Schnauzer. Da kommt er. Latzhose, Brille, Bart. Die hochgezogenenen Brauen, die neugierigen Augen. Die Märchenonkelstimme, freundlich und ruhig. Die kurzen Sätze: "Tja, guten Tag. Freut mich. Hmm. Kommen Sie rein." Eins zu eins, wie im Fernsehen. Uff. Gottseidank.

Das wäre schlimm gewesen: Peter Lustig treffen und feststellen, dass er einem den netten Onkel nur vorgespielt hat, 25 Löwenzahnjahre lang. Wie damals, als der Nachbarsjunge einem gesteckt hat, dass der Weihnachtsmann eine Erfindung der Eltern ist. Peter Lustig ist keine Erfindung des ZDF. Er ist 67, lebt in Nordfriesland und hat gerade seine letzte Folge "Löwenzahn" abgedreht, hat zum letzten Mal den Mann im Bauwagen gespielt, der den Kindern die Welt erklärt. Er bietet einem einen Gartenstuhl an und schenkt sich ein Glas Rotwein ein.

Lustig geht am Stock,

und das macht einen etwas traurig, weil man nicht möchte, dass die Helden aus der Kinderzeit alt werden oder krank. Der Stock richtet ihn auf, so bekommt er besser Luft. Vor zwanzig Jahren haben sie ihm die halbe Lunge rausgenommen. Krebs. Im Fernsehen darf man den Stock nicht sehen, ohne geht es kaum noch. Das Drehen wurde immer mühsamer.

Der echte Peter Lustig haust nicht im Bauwagen, warum sollte er. Er lebte lange auf Mallorca, vor vier Jahren ist er hierher gezogen, mit seiner Frau und den Hunden. Reetgedecktes Bauernhaus, 200 Jahre alt, Wohnzimmer mit Kamin, Klavier und Flipper. Billardzimmer, Sauna, ein kleines Tonstudio, eine Werkstatt, wo Lustig aus Legosteinen computergesteuerte Autos bastelt und wo Klaus-Dieter hängt, die Ukulele aus dem Bauwagen. Hinterm Haus ein Garten; Lavendel, Kirschbäume, ein Teich. Vorm Haus ein Mercedes, ein Smart und eine 125er Honda, rot und schick, und sie machen Peter Lustig nicht weniger glaubwürdig.

Konsumverzicht hat er nie gefordert. Überhaupt hat er nie etwas gefordert, lediglich am Ende jeder Sendung empfohlen: "Abschalten!" Er hat sich laut Fragen gestellt und Antworten gesucht. Wie atmet ein Baum? Warum hat ein Hund vier Beine? Und der Wurm keine? So was interessiert ihn selber. Weil er, unerhört unerwachsen, nie glaubt, er habe genug gesehen von der Welt. Ein Junge hat ihm mal geschrieben: "Ich kuck dich immer so gern, weil da muss ich keine Angst haben." Darauf ist Lustig heute noch stolz.

Nur sein Öko-Image,

das nervt ihn. "Ich mag kein Müsli", sagt er und zieht etwas Schnupftabak die Nase hoch, "und ich trage auch keine Birkenstock-Sandalen. Ich habe Respekt vor der Natur, das ist alles." Einmal, im Restaurant, als er gerade ein Steak bestellt hatte, erhob sich vom Nachbartisch eine Frau und sagte pikiert: "Von ihnen hätte ich das nicht gedacht." Das sind die Missverständnisse im Leben des Peter Lustig.

Man kann ihn missverstehen, wenn man will. So entstehen dann böse Schlagzeilen wie die in der Bild am Sonntag, 2002: "Peter Lustig: Ich mag keine Kinder." Dabei hat er es nur nicht gern, wenn sie bei ihm im Garten stehen, mit einem Kuli in der Hand, "ich soll mir ein Auto.... äh von dir holen", nur weil die Eltern sie geschickt haben. Oder wenn sie in der Stadt tuscheln: "Das isser!" Weil er dann nicht bei Rot über die Straße gehen kann oder in Ruhe in der Nase bohren.

Peter Lustig war kein Kind, mit dem man gern spielt. Er war das Flüchtlingskind, geflohen mit acht Jahren von Thüringen nach Oldenburg im Winter 1945/46, zu Fuß bei Eis und Schnee, geschleust von einer Zigeunerin. Seine Mutter wollte ihn jetzt wieder bei sich haben; den Krieg über hatte sie ihn in Breslau bei den Großeltern deponiert, sie selbst musste arbeiten gehen, der Vater war gestorben, als Peter eins war. Der Großvater, Straßenbahnschaffner, Steinmetz und Schuster, züchtete Tanzmäuse und Kanarienvögel und erklärte seinem Enkel die Welt. Von ihm hat Lustig viel gelernt, womöglich auch das Erklären. Sport war dem Jungen ein Greuel, beim Fußball wollte ihn niemand in der Mannschaft haben. Der Lehrer sagte, der Lustig muss auch mitmachen. Dicke Handschuhe hat er sich dann gekauft und sich ins Tor gestellt, dort störte er am wenigsten. Schule war nie sein Ding, lernen wollte er, aber nicht gemeinsam mit andern.

Da kommt Lustigs Frau.

Seine dritte. 2000 haben sie geheiratet, da bekam er zu seinem Sohn auf einen Schlag drei Töchter dazu. Und vier Enkelinnen, die leider nicht ganz so gern basteln wie der Opa. Frau Lustig, 56, heißt Astrid. Sie ruft ihn Pu, nach seinem Lieblingsbuch "Pu der Bär". Manchmal kommt er zu ihr in die Küche und sucht ein bestimmtes Töpfchen, ganz dringend, für ein Experiment. Neulich musste sie ums Haus rennen, in der Hand einen Ballon, den er aus Stoffresten genäht hatte - um zu testen, ob er fliegt.

Der Mops macht es sich auf Frau Lustigs Schoß bequem. Keine zwei Minuten, und er schnarcht. Wie Lustig zum Fernsehen gekommen ist? Dazu gibt es drei schöne Geschichten.

Die erste: Hamburg, frühe Fünfziger. Hier lebt Peter jetzt mit seiner Mutter. Als die beiden durch einen Park gehen, sehen sie ein Fernsehteam, und das ist damals noch aufregend. Laster, Mischpulte, Kameras. Peter sagt, er möchte auch zum Fernsehen. Die Mutter sagte, dann müsse er Fernsehmechaniker lernen. Macht er, drei Jahre lang, bis zum Gesellenbrief. Und ist erst mal zufrieden. Noch heute kann er Fernseher reparieren.

Die zweite Geschichte: Berlin, einige Jahre später, Lustig ist Tonmann beim Sender Freies Berlin. Den Kinderfunk findet er Scheiße, weil der so kindisch ist, und das sagt er auch. "Liebe Kinder", sagen die Moderatoren und erklären, wie man Weihnachtssterne bastelt. Die Redakteurin sagt, er solle es besser machen. Lustig schreibt ein Hörspiel für Kinder. Es ist besser. Es wird gesendet.

Die dritte: Inzwischen ist er Tonmeister beim Film. Der Regisseur hat nach einem Dreh ein Röllchen Film übrig und sagt, der Lustig, der könnte doch auch mal vor die Kamera. Er wird vor einen Fernseher gesetzt, sagt: "Fernsehen ist Scheiße", und zerschlägt ein Ei auf seiner Glatze. Wurde nie gesendet, ist in keinem Archiv auffindbar, aber es zog ein Engagement nach sich bei der "Sendung mit der Maus" in der ARD. Bald wollte das ZDF auch so was haben wie die Maus und engagierte Peter Lustig für "Pusteblume", und aus der wurde 1980 "Löwenzahn".

Eine Frage noch:

die Latzhosen... "Hab ich immer schon getragen", sagt Lustig. Maßgeschneidert? "Nö. Die such ich mir aus einem Katalog raus, bei einer Firma, die Berufsbekleidung herstellt. Ach, und eine hab ich anfertigen lassen, eine schwarze, für meine Hochzeit." Wie viele haben Sie? "Bestimmt 20", sagt er, und seine Frau sagt: "35, ich hab neulich gezählt." Muss man die bügeln? "Nö", sagt Lustig, seine Frau sagt: "Manche schon."

Tschüs, Herr Lustig. "Tja. Hat Spaß gemacht", sagt er und winkt zum Abschied. Soll man ihm noch danken für die vielen interessanten Sendungen? Ihm sagen, dass man immer noch gern Löwenzahn schaut, mit 29 Jahren? Zu spät. Er ist schon im Haus verschwunden.

Alexander Kühn
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