Berlin ist auf dem Weg zur Kunstmetropole. Auf einer neuen, ehrgeizigen Show sollen sich die internationalen Sammler tummeln. Bei der "Art Berlin Contemporary" zeigen 44 Hauptstadt-Galeristen auf 9000 Quadratmetern Skulpturen und Rauminstallationen. Das Experiment könnte klappen. Von Anja Lösel

"Who's Afraid" - ein ausgestopfter Fuchs des Künstlers Daniel Richter: "Wenn sich's verkauft, mache ich noch mehr davon"© Michael Gottschalk/DDP
Es war ein Experiment, und ganz gelungen ist es nicht. Aber doch fast. "abc" heißt dieses Experiment, sprich Äi- Bii -Sii . Es bedeutet "art berlin contemporary", und so richtig weiß keiner, was es eigentlich sein soll: Verkaufsmesse, Kunstausstellung oder Leistungsschau der Berliner Galerien. Nur Bruno Brunnet von der Galerie Contemporary Fine Arts hatte schon vor Wochen eine feine Neuübersetzung parat: "Asbach mit bisschen Cola". Soll heißen: Uralte Idee mit ein paar spritzigen Neuigkeiten. Und das trifft es ziemlich genau.
Brandneu ist die Skulptur von Daniel Richter: "Who's afraid". Der Künstler hat zum allerersten Mal im Leben eine Skulptur gemacht und findet es selbst ein wenig kurios, wie sie entstanden ist. "Ich hatte da noch ein paar Reste vom Bühnenbild für die Salzburger Festspiele", sagt er. Die nagelte er zu einem kunterbunten Raum zusammen, stellte ein paar ausgestopfte Füchse hinein, vom Bruder eigenhändig geschossen, setzte den Tieren Tirolerhüte auf und bandagierte jedem ein Bein. Das war's dann. "Wenn sich's verkauft, mache ich noch mehr davon." Daniel Richter ist eigentlich Maler. Berühmt wurde er mit großformatigen Katastophenbildern, Sammler zahlen für seine Werke sechsstellige Beträge, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass er nun fremdgegangen ist und eine Skulptur gemacht hat, werden sie ihm verzeihen. Es war Richters einzige Möglichkeit, bei der "abc" mitzumachen, denn nur Skulpturen und Rauminstallationen sind hier erwünscht.
Im Alten Postbahnhof am Gleisdreieck haben 44 Berliner Galeristen parallel zum etablierten "Gallery Weekend" eine ehrgeizige Show auf die Beine gestellt: auf eigenes Risiko, finanziert nur von den Machern selbst. In der Ecke zwischen Tiergarten und Kreuzberg schlagen normalerweise nur ein paar Golfer ihre Übungsbälle in die Gegend. Jetzt aber drängen Kunstliebhaber aus der Hochbahn, fährt ein Taxi nach dem anderen vor die 9000 Quadratmeter große Halle.
Es ist ein seltsamer Zwitter aus Messe und Ausstellung, den die beiden Geschäftsführer Martin Klosterfelde und Alexander Schröder erfunden haben. Sie wollen der Kunstwelt zeigen, dass sie mehr können und Besseres zu bieten haben, als sie normalerweise in den kleinen Boxen der Kunstmessen zeigen können. 4000 Euro pro ausgestelltem Künstler musste jede der eingeladenen Galerien bezahlen. Weil alle zeigen können, was sie wollen, ist nun ein gewaltiges Sammelsurium zu sehen.
Max Hollein, Direktor der beiden Frankfurter Museen Schirn und Städel, spricht von einem "Potpourri" der Kunst: viel Gutes, manch Mittelmäßiges und ein paar richtig überflüssige Sachen gebe es hier. Was denn genau findet er schlecht? Das will er lieber nicht sagen.
Aber eigentlich kann es jeder selbst sehen. Weil die Halle sehr imposant und hoch ist, können sich nur wirklich große, kräftige Arbeiten durchsetzen. Das Hamsterrad von John Bock etwa, ein weißes Ungetüm aus Sperrholz, das mitten im Raum steht. Wer Lust hat, darf eine schmale Leiter hinaufsteigen und mit dem Künstler zusammen auf Tour gehen. Vor allem jüngere Frauen wagen das Abenteuer im Rad und kommen ziemlich überdreht wieder raus aus der Kiste.
Gleich daneben steht eine Art Riesenzelt, genäht aus Hunderten von bunten Hemden, Hosen und T-Shirts. Die Chinesin Yin Xiuzhen hat es sich ausgedacht und mit Hilfe von arbeitslosen Näherinnen in Chemnitz zusammengefügt. Durch ein paar Löcher kann man ins Innere lugen, wo noch die Nähmaschinen herumstehen und Reste von Kleidern, alle gespendet von Chemnitzer Bürgern. Eine melancholische Erinnerung an die Vergangenheit der Stadt als Textil-Zentrum.