Er wollte halb Paris abreißen und Hochhäuser neben den Eiffelturm stellen. Er hatte eine Affäre mit Josephine Baker, die er gar nackt malte. Le Corbusier war einer der schillerndsten und meistdiskutierten Architekten der Welt. Eine Ausstellung in Berlin erzählt jetzt alles über das Schweizer Genie. Von Anja Lösel

Der Meister an der Tafel: Le Corbusier zu Beginn der 60er Jahre© FLC / VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Runde, schwarze Brille, straff gebundene Fliege, streng zurückgekämmtes Haar, meist eine Pfeife im Mund und immer superkorrekt in einen dunklen Anzug gekleidet: Le Corbusier war der erste, der derart gestylt durch die Gegend lief. Um 1920 war das. Ganz offenbar setzte er sich selbst in Szene, um unverwechselbar zu werden - und unsterblich. Später wurden schwarze Eulenbrille und Fliege zum Erkennungszeichen des gemeinen Architekten. Le Corbusier jedoch hat damit angefangen.
Corbu, wie seine Freunde ihn nannten, war auch der erste Architekt, der sich selbst wie eine Marke verkaufte. Einschließlich Markennamen. Eigentlich hieß er Charles-Edouard Jeanneret, aber seit den Zwanziger Jahren benutzte er nur noch den Namen seines Großvaters: Le Corbusier. Ohne Vornamen. Eine Marke eben. Später haben das viele gemacht, Madonna etwa oder Ronaldo. Le Corbusier war der erste.
Er ist der Architekt der Moderne. Geliebt, bewundert - und umstritten wie kein anderer. Sein bekanntester Spruch: "Ein Haus ist eine Maschine zum Wohnen". Mit seiner Architektur wollte er die Gesellschaft revolutionieren und fit machen für die neue Zeit der Moderne. Kritiker nannten seine weißen Flachdachbauten "Araberhütten" und hielten seine Wolkenkratzer für die Pest. Für seine Bewunderer waren seine Häuser der Inbegriff der Moderne.
Aber was macht ihn eigentlich so modern? Und was so hassenswert? Gegen klare Formen kann man doch eigentlich nichts haben. Und auch nicht gegen gut durchdachte Grundrisse mit veränderbaren Wänden, viel Licht und Flachdächer mit Dachgarten. Auch heute noch klingen diese Forderungen Le Corbusiers gut und vernünftig.
Aber vielen war er einfach zu radikal. Er wollte keine Gemütlichkeit und nichts Kuscheliges. Das Wohnzeitschriften-Modewort "Cocooning" wäre ihm ein Graus gewesen. Alles musste kompakt und praktisch sein, am liebsten sollten die Menschen auch noch seine Möbel kaufen: Den würfelförmigen Sessel LC2 aus Stahl und Leder. Oder die mit Kuhfell bespannte Liege LC4. Natürlich stehen die Buchstaben LC für Le Corbusier. Eine Marke eben.
Manchmal baute er die Möbel auch gleich unverrückbar ein in seine Wohnungen. In der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gibt es Häuser mit Klappbetten, die "wie in einem komfortablen Schlaf- und Salonwagen tagsüber in den Schränken verschwinden", so Le Corbusier. Bequem waren diese Liegen wohl nicht, aber praktisch und Platz sparend. Der Architekt erwartete von seinen Bauherren, dass sie ihre Häuser als Kunstwerke ansahen - mit allen Nachteilen.
Weil er nicht Architektur studiert, sondern auf einer Kunstschule gelernt hatte, gab es schon mal kleine oder auch größere Maleurs bei seinen Häusern. Die Bauherrin seiner supereleganten, weißen Villa Savoye bei Paris beschwerte sich: "Es regnet in den Flur, es regnet auf die Treppe, und die Garagenwand ist pitschnass. Schlimmer ist, dass es immer noch in mein Bad regnet. Bei schlechtem Wetter wird es geradezu überschwemmt, da das Wasser selbst durch das Oberlicht hereinströmt." Und resigniert schloss sie: "Sie werden sich damit abfinden müssen, dass dieses Haus einfach unbewohnbar ist."
Trotzdem lieben die meisten Nutzer von Corbusier-Bauten seine Architektur. Die Bewohner des 1958 gebauten Hochhauses in Berlin, nahe dem Olympiastadion, schwärmen von ihren schönen, hellen, praktischen Wohnungen, die sich über zwei Etagen erstrecken und viel Platz bieten, obwohl sie gar nicht so groß sind. Le Corbusier macht süchtig. Einmal hier eingezogen, will kaum noch einer raus. Ja, er nannte dieses Hochhaus "Wohnmaschine". Aber auch ein anderer Ausspruch stammt von ihm: "Ein Haus sollte das Schatzkästchen des Lebens sein. Eine Maschine zum Glück."
Kaum zu glauben, dass einer, der so romantische Worte findet, äußerst brutal war in seinen Ideen für die Idealstadt, skizziert in der "Charta von Athen". Riesige Hochhäuser - "vertikale Gartenstädte", wie er sagte - sollten auf Stelzen inmitten weiter Grünanlagen stehen. Er trennte in Wohnstädte, Bürostädte und Amüsierstädte. Die Kneipe um die Ecke war bei ihm nicht vorgesehen, genauso wenig wie ein Nebeneinander von Alt und Neu. Am liebsten hätte er die alten, gewachsenen Städte ermordet und überall neue Betonsiedlungen hingepflanzt. In Trabantenstädten wie dem Märkischen Viertel in Berlin kann man besichtigen, wie traurig und wie wenig menschlich das ausgesehen hätte.