Das Wunder von Hamburg

27. Mai 2010, 17:42 Uhr

Sie ist sündhaft teuer, ihr Bau dauert länger als geplant: Die Elbphilharmonie sorgt für reichlich Zoff in Hamburg. stern.de war beim Rundgang vor dem Richtfest dabei. Das Ergebnis ist atemberaubend. Von Sebastian Huld

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Noch eine Großbaustelle: Die Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity©

Der staubige Geruch von Zement liegt in der Luft. Die Ohren schmerzen, während sich Bohrer in den Beton fräsen und Vorschlaghammer im Dreivierteltakt Stahlträger fixieren. Holzsplitter, Müll und Baumaterialien garnieren den nackten Betonboden. Es ist das übliche Chaos einer scheinbar ganz normalen Baustelle. Doch wenn die Baumaschinen einmal schweigen, durchbricht das Kreischen der Möwen die kurze Stille. Die Baustelle selbst ist eine Insel auf der Elbe, gigantische Frachtschiffe schieben sich ehrfürchtig vorbei. Nein, dies ist keine normale Baustelle, es ist der Ort, an dem die Hamburger Elbphilharmonie entsteht. Und obwohl es noch zwei Jahre bis zu ihrer Fertigstellung braucht, verschlägt es dem Betrachter den Atem. In Hamburg wird gerade etwas ganz Besonderes gebaut.

Getrübtes Richtfest

Über drei Jahre ist es her, dass der Hamburger Senat einstimmig den Bau der Elbphilharmonie beschloss, am Freitag zelebrierte die Hansestadt das Richtfest ihres Jahrhundertprojekts. Denn die Elbphilharmonie war von Beginn an ein Objekt der Superlative: ein Konzerthaus mit eigenem Hotel und Dutzenden Luxuswohnungen. Ein Architekturkunstwerk, das ähnlich dem Opernhaus in Sydney zum neuen Wahrzeichen der Stadt werden soll.

In der öffentlichen Wahrnehmung dagegen ist der Bau bislang vor allem eines: ein Desaster. Die Kosten für die Stadt sind von 97 Millionen auf mindestens 323 Millionen Euro explodiert. Das Triumvirat aus städtischer Realisierungsgesellschaft "ReGe", der Baufirma Hochtief und dem Architekturbüro Herzog & de Meuron ist heillos zerstritten. Und eine Woche vor dem Richtfest wurden "sicherheitsrelevante" Mängel am Bau bekannt. Allerhöchste Zeit für die Verantwortlichen, einmal positive Nachrichten zu verbreiten: Die Presse darf die Baustelle besichtigen.

Alles ist Licht

Heribert Leutner und Thomas Möller begrüßen die Medienvertreter am Eingang der Baustelle. Beide sind Krawattenträger mittleren Alters, beide verantworten den Bau der Elbphilharmonie. Leutner für die Stadt Hamburg, Möller für den Baukonzern Hochtief. Sie wollen die Besucher von ihrer Zusammenarbeit und von der Elbphilharmonie überzeugen. Immerhin, letzteres gelingt ihnen, denn gerade Thomas Möller platzt vor Bauherrenstolz. Jedes Detail scheint ihm eine Würdigung wert. Das Konzerthaus fußt auf einem trapezförmigen, ziegelsteinernen Speicher, der gleich einer Insel mitten in der Elbe dem Hafen gegenüber liegt. Auf diesem historischen, denkmalgeschützten Fundament ruht die supermoderne Elbphilharmonie. Die Fassade, die zur Hälfte fertiggestellt ist, besteht aus einzigartigen, teilweise konvexen Glasflächen. "Ein Fenster kostet etwa 20.000 Euro, 1089 Elemente sind es insgesamt", erklärt Hochtief-Manager Möller. Die Fläche wirkt aufregend und gewagt. Hinauf in den modernen Teil des Gebäudes führt eine Rolltreppe durch einen sich verengenden Tunnel. Der Anstieg erinnert an eine Achterbahn, doch anstatt vor dem Abgrund steht der Betracht plötzlich, ganz unerwartet, im Tageslicht.

Überhaupt, das Licht: So klobig und geschlossen der Bau von außen wirkt, so luftig und hell ist er von innen. Die 21 Stockwerke, jedes einzelne hat die Grundfläche eines Fußballfeldes, werden immer wieder von Lichthöfen unterbrochen. Tageslicht durchströmt den Bau, die Freiräume geben spannende Blicke kreuz und quer durch die verschiedenen Etagen frei. Decken, Treppen und Wände sind mal streng mit dem Lineal gezeichnet, mal geschwungen und kubisch als wollten sie zum Tanz einladen. Vieles verlangt noch nach der Fantasie des Betrachters. Dennoch, man muss kein Architekturexperte sein, um sich an den abwechslungsreichen Perspektiven zu erfreuen. Zumal das Gebäude einen einzigartigen Rundumblick auf die Hamburger Innenstadt und den Hafen gewährt. Vor allem Hotelgästen und Konzertbesuchern wird dieser Genuss zuteil, wenn sie im obersten Stockwerk die Dachterrasse betreten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was das Highlight der Elbphilharmonie ist und wieso die Stadt Hamburg derzeit wenig Freude an dem Projekt hat.

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KOMMENTARE (10 von 25)
 
u14826@gmx.de (30.05.2010, 14:19 Uhr)
Äpfel und Birnen
Was bei der Argumentation über die gestiegenen Kosten immer wieder "unterschlagen" wird: Die Elphi ist ja zum damaligen "Status Quo" nicht einfach nur teurer geworden, sondern auch größer - ursprünglich geplant waren ja "nur" 80.000 qm BGF - mittlerweile ist man bei 120.000 (?!) qm BGF angekommen. Sie ist also auch schlicht ca. 50% größer geworden. Nur dass die Kosten sich überproportional entwickelt haben. Aber jeder, der schonmal selbst gebaut hat, dürfte wissen, dass ein Bau IMMER teurer wird als ursprünglich geplant - abgesehen vielleicht vom "Fertighaus" von der Stange.

Und der "Durchschnittsarbeitnehmer, der sich da eh keinen Konzertbesuch leisten kann", hat zumindest die Möglichkeit, KOSTENLOS den Ausblick von der Plaza zu nutzen und das vielleicht auch mit Freunden und Bekannten, die Hamburg besuchen wollen.

Außerdem sind ja allein ca. 30 Millionen Mehrkosten darin begründet, dass ein 3. Konzertsaal "reingestopft" wurde, in dem dann ggf. auch andere Aufführung jenseits klassischer Konzerte möglich sind.

Und ca. 40 Millionen meine ich mal gelesen zu haben hat allein die "Klimaanlage" fürs Elbwasser gekostet, die Umweltschützer verlangt haben. Da die Fassade ja zur Kühlung mit Elbwasser durchspült wird und es evtl. alle 50 Jahre mal vorkommt, dass es so heiß wird, dass die Elbe dadurch über Gebühr erwärmt werden "könnte", muss das Wasser nach dem Durchfluss durch die Fassade erst wieder runtergekühlt werden. Vielleicht sollte man diese - nach Ansicht aller Experten unnötigen - Zusatzkosten eher den "Umweltschutz"-Organisationen aufbürden, die offensichtlich keine vordringlicheren Probleme haben...
LaoLu (29.05.2010, 13:44 Uhr)
Verwahrlosung von Uhlenhorst, baninchenrenner??
Da werden Luxusautos angezündet - aber von Verwahrlosung habe ich da eigentlich nichts gesehen.

Dumm, wenn man nur aufgrund falsch verstandener Pressemeldungen seine Meinung zum Besten gibt, gelle?
baninchenrenner (29.05.2010, 07:56 Uhr)
Prestigetrauma
Man spürt deutlich, dass Hamburg so gern endlich auch in der "Weltliga" mitspielen will und daher diesen Prestigebau in die Elbe setzt. Da thront nun dieses unheimlich anmutende Ungetüm über der Stadt und versinnbildlicht den bizarren Kontrast zwischen der absurd reichen Hamburger Kaufmannskaste und der bronxenen Suff-und-Drogen-Armut auf dem Kiez.

Grotesker kann sich eine Stadt kaum präsentieren: Auf der einen Seite die aufgepimpte Hafencity und gleich gegenüber der tief eingefressene Schmuddel und die obszöne, großflächige Verwahrlosung in Sankt Pauli, Uhlenhorst und St. Georg. Diese ins Auge stechenden Gegensätze sind nicht einmal im ewig proletarischen Berlin zu finden, weder in Neukölln noch im Ostteil der Stadt, schon gar nicht in solch enger Nachbarschaft.

Nun werden sich der elitäre Geldadel und das wohlhabende, steife Großbürgertum Hamburgs in diesem Wolkenkuckucksschloss die Klinke in die Hand geben, um einem anachronistischen Kulturgenuss zu frönen, von dem die meisten Hamburger sich ausgeschlossen fühlen dürften.

Eine Stätte der kulturellen Begegnung, zum Anfassen und Erleben ist dieses abgehobene, burgzinnentürmende, Inselbauwerk bestimmt nicht. Schade.
A.Lias (29.05.2010, 01:04 Uhr)
Zu der Geldverschwendung...
... kommt noch eine viel größere Idiotie:

"Hier werden die Zuschauer kreisrund sitzen, in ihrer Mitte die besten Orchester der Welt."

Und was ist mit jahrhundertealten Hörgewohnheiten - Streicher links, Bläser rechts? Und nicht Bläser vorn, Streicher dahinter, weil man gerade an einer Stelle in diesem Kreis sitzt, von wo man das Orchester so angeordnet erleben darf? Dann nimmt man auf einmal einen großen Teil der Stücke nicht mehr wahr, nur weil irgendjemand die Idee eines Amphitheaters toll fand, aber keine Ahnung von Musik hat.

Abgesehen davon, dass da keiner Ahnung von gar nichts hat, der"schwebende" Konzertbau war viel zu schwer für den Untergrund, der erst mal verstärkt werden musste. Sind Herzog&de Meuron tatsächlich Architekten - oder nur überbezahlte Zeichner?
worschtkaes (28.05.2010, 23:58 Uhr)
wundert mich nicht
das in Hamburg so viele Autos abgefackelt werden.

Bin kein Politiker, kann Ursache und Wirkung noch erkennen.
undueberhaupt (28.05.2010, 17:30 Uhr)
Kostenfaktor
Das Berliner ICC hat 1979 1Mrd DM gekostet. Nach 30 Jahren muß das Ding für 300 Mio. Euro saniert werden.
Das Hamburger Konzerthaus wird wohl zum Schluss fast 400 Mio. Euro kosten. Dann folgen die Unterhaltskosten, die eine Menge pro Jahr verschlingen. Wieviele Kitas könnten allein davon gebaut ; Schulen saniert werden.
Kiezzabel (28.05.2010, 16:28 Uhr)
vinzenz
sie wissen doch selbst, dass vom prassen noch niemand reich geworden ist.
vinzenz (28.05.2010, 14:47 Uhr)
gaaanz langsam
Bevor sich alle Schreiber hier wieder einschiessen... wievielen Menschen gibt diese Projekt über viele Jahre Arbeit, woher kommen denn die Materialien , die Technik und alle dazu notwendigen Maschinen um ein solches Gebäude zu bauen ... Richtig sie kommt zu einem grossen Teil aus Deutschland. Sie wird von deutschen Firmen entwickelt und hergestellt und wahrscheinlich kommen auch viele der Baufirmen aus Hamburg, dem Umland oder zumindest aus Deutschland. Diese Gelder die fliessen werden wieder versteuert oder in Form von Konsum wider in den Kreislauf gebracht also Leute regt euch mal ab und seid stolz das solche zukunftsweisenden Projekte noch in Deutschland gebaut werden und wir nicht nur ständig mit grossen Augen nach Asien blicken ...
Administrator (28.05.2010, 14:39 Uhr)
Liebe User,
wir haben an dieser Stelle einige Kommentare löschen müssen. Bitte argumentieren Sie sachlich.

Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Kiezzabel (28.05.2010, 13:54 Uhr)
also ich hab schon bei der
Schon die Entwicklung der Hafencity, die ja letztendlich auch für Hamburg ein Minusgeschäft ist, weil die Investoren nun n ach Subventionen schreien, war gegenüber dem normalen Hamburger eine Unverschämtheit.

Für die Elbphilharmonie fehlen einem die Worte.

Abreissen den Scheiss und dafür Schulken bauen. Der Durchschnittsarbeitnehmer kann sich da eh keinen Konzertbesuch leisten!
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