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Haschisch heilt Hitler?

Lamb und Lynx Gaede waren elf, als die internationale Neonazi-Szene ihre Band Prussian Blue feierte. Acht Jahre später heißt es, Drogen hätten die Mädchen zu Hippies bekehrt. Das stimmt allerdings nur halb.

Von Sophie Albers

Woody Allen hat einmal brachial-amüsant den Ursprung fanatisch-konservativen Denkens erklärt: In seinem Musical "Everybody says: I love you" ist der Sohn der Familie rechtsaußen, bis er stürzt und sich ein Blutgerinsel in seinem Gehirn auflöst, was ihn wieder "normal" werden lässt. Ganz real und mehr tragisch als komisch ist die Geschichte von Lynx und Lamb Gaede, ein amerikanisches Zwillingspaar, das Mitte der 2000er blond, rotwangig und mit Hitler-Smiley auf dem T-Shirt für Furore und Empörung gesorgt hat.

Prussian Blue hieß die Band der gerade mal elfjährigen Mädchen, die in einer "White Power"-Neonazi-Gemeinschaft großgezogen wurden. Fremdenhass, Holocaust-Leugnung, die Überlegenheit der "weißen Rasse" und der Hitlergruß gehörten zum Heimunterricht der Mutter und waren Themen der Lieder dieser rechten Girlband. Angestoßen hatte deren Gründung 2003 der "weiße Nationalist" William Pierce, und Songs hatten Titel wie "Hate for Hate", den Lamb Gaede zusammen mit dem Neonazi-Terroristen David Lane geschrieben haben soll - ihrem "Brieffreund", der unter anderem an der Ermordung des jüdischen Talkshow-Moderators Alan Berg beteiligt war. Die internationale Presse reagierte entsprechend schockiert auf die blonden Engelchen mit der menschenverachtenden Botschaft: "Das neue Gesicht des Hasses" wurden sie genannt. Und Ende 2005 brach ein Aufmerksamkeitssturm los, der gut ein Jahr anhielt.

Und dann kam Bob Dylan

Und nun, acht Jahre später, das: "Marihuana hat uns von Nazis zu friedensliebenden Hippies gemacht", titelt die britische Zeitung "The Daily Mail" Ende Juni, was eine zynisch-gutgelaunte Welle von Berichten und Kommentaren durchs Netz trieb - von Blogs bis zur britischen Ausgabe der "Huffington Post". Haschisch heilt Hitler, das klingt einfach zu gut. Doch die Geschichte der mittlerweile 19-jährigen Schwestern ist damit nur halb erzählt.

Tatsächlich hatten Lynx und Lamb im Juli vergangenen Jahr dem Digital-Magazin "The Daily" ein ausführliches Interview gegeben, in dem die skurrile Coming-of-Age-Geschichte der Mädchen zu lesen stand. "Ich bin keine 'weiße Nationalistin' mehr", sagte Lamb Gaede da. Oder Sätze wie: "Meine Schwester und ich sind jetzt ziemlich liberal. (…) Ich liebe Vielfalt. Es macht mich jeden Tag aufs Neue stolz auf die Menschheit, dass es so viele verschiedene Menschen und Orte gibt." Sie seien damals naiv gewesen und hätten keine öffentliche Schule besucht, verteidigte sich die junge Frau. "Wir waren Landeier. Wir haben unsere Tage damit verbracht, draußen mit unseren Ziegen zu spielen."

Und das Marihuana?

Soweit und komisch ist der ideologische Part der beim Vergleich der Zitate offensichtlich geklauten Geschichte. Nach einem Hinweis von stern.de hat der "Daily"-Autor bei den Schwestern nachgefragt: Es gab kein neues Interview, so die Antwort. Tragisch wird deren Geschichte, wenn es um den Auslöser für das Anwerfen des selbständigen Denkens geht. Im Originalinterview hatten die Gaedes erzählt, dass sie auf einer Tour den Bob-Dylan-Song "Knockin' On Heaven's Door" spielen wollten. Als die Mutter sie darauf hinwies, das Dylan Jude sei, was dem Publikum sicher nicht gefalle, kam der Trotz durch: "Wenn die Leute den Song nicht mögen, sollen sie verdammtnochmal nicht zum Konzert gehen", pampte Lamb. Als sie nach der Tour nach Hause kamen, hätten sie beschlossen aufzuhören. "Wir wollten uns zurückhalten und ein normales Leben führen." Mit 14 gingen sie dann auch erstmals auf eine öffentliche Schule. Für die Mutter, die immer noch das "weiße Amerika" plant, ist die Liberalität ihrer Töchter übrigens nur eine "Phase".

Das Rauchen von Joints schließlich hat mit Hippietum wenig zu tun: Sowohl Lynx als auch Lamb müssen mit Schmerzen leben, berichtete "The Daily". Lynx erkrankte noch als Schülerin an Krebs und wurde wegen eines Tumors operiert. Lamb leidet unter einer schweren Rückgratsverkrümmung. Die Gaede-Schwestern gehören deshalb zu den wenigen Jugendlichen im US-Bundesstaat Montana, die medizinisch verordnet Marihuana beziehen. "Marihuana hat mir das Leben gerettet", sagte Lynx im "Daily"-Interview.

So einfach ist die Kausalkette von Drogen und Sinneswandel also doch nicht zu basteln.

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