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17. Dezember 2007, 14:20 Uhr

Nach Ghetto und Gangbang

Weil das Schock-Vokabular von Gangster-Rappern wie Sido und Bushido mittlerweile im Mainstream angekommen ist, müssen sich andere MCs noch radikaler geben. Richtig "aggro" geht es deshalb in den Grauzonen des Internets und an den unkommerziellen Rändern der Branche zu. Mit Al-Kaida-Verehrung und Antisemitismus. Von Johannes Gernert

Inszeniert sich auf Youtube als albanischer Freischärler: Rapper Bözeman© Youtube

Ein muskelbepackter Mann tänzelt vor einer rot-schwarzen Flagge mit einem Doppelkopfadler auf und ab, boxt immer wieder in die Luft und stößt dazu holprig, gereimte Flüche aus. Der Rapper nennt sich Bözemann. Er droht, den Arsch eines Gegners und auch dessen Mutter zu ficken, aber damit nicht genug: "Ich teile mit der Axt deinen Kopf in zwei Hälften / Und diese zwei Hälften wieder in zwei Hälften / Zahltag, du Hurenkind, ich will jetzt mein Geld sehen." Am Ende des Videos schaufelt er dem anderen symbolisch ein Grab. Auf dem Kreuz, dass er in den Haufen frischer Erde steckt, steht dessen Name: Massiv. Darüber ist ein Davidstern zu sehen.

Der Rapper Massiv war im Frühjahr von seinem Label Sony BMG als der neue Star am düsteren, deutschen Gangster-Rap-Himmel verkauft worden. Er stammt aus Palästina und präsentiert sich auf seinem Album "Blut gegen Blut" als gläubiger Moslem. Um ihn zu beleidigen, wird er von Bözemann in dessen Clip verscharrt und "als Jude abgestempelt", so lautet die Beschreibung der üblen Inszenierung auf der Videoplattform Youtube, die über 300.000 Mal angeklickt wurde. Ein anderes Bözemann-Video, das kursiert, trägt den Titel "totaler Krieg". Mittlerweile beschäftigt sich der Staatsschutz in Baden-Württemberg mit diesen Clips. Ein Beamter sagt, so etwas Schlimmes habe er bisher selten gesehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Verfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet wird. Zunächst muss geklärt werden, wer sich hinter Bözemann verbirgt.

Der Stuttgarter kündigt seit einiger Zeit an, ein Album zu veröffentlichen. Der Fall des Mannes mit dem aufgeblasenen Oberkörper zeigt, wie radikal es an den Rändern des Rap-Geschäfts zugeht. Das branchenüblichen Beschimpfungsvokabular, das andere zu "Nutten", "Fotzen" oder zu "Schwulen" macht, ist längst salonfähig geworden seit Bushido und Sido es in die Teenie-Zimmer getragen haben. Mit echten oder eingebildeten Knast-Erlebnissen und einer Vergangenheit als Gelegenheits-Dealer schockt man als angehender Gangster-Rapper heutzutage niemanden mehr, das gilt als Grundvoraussetzung. Die Grenzen haben sich verschoben, wer sie überschreiten will, muss jetzt weitergehen.

Schwulen den Schwanz abschneiden

Ein Berliner namens G-Hot hat das getan, als er in seinem Stück "Null Toleranz" dazu aufforderte, Schwulen ihren Schwanz abzuschneiden. Und auch die Protagonisten des Labels Hirntot kamen in die Schlagzeilen: Sie drohten nicht nur einer Politikerin und Jugendschützern Gewalt an - bei ihnen wurden während einer Razzia auch Waffen gefunden. Zentrum der Aggression ist nicht mehr so sehr die Plattenfirma AggroBerlin, bei der Sido groß herauskam - die warf G-Hot nach dem "Null Toleranz"-Vorfall ziemlich schnell raus und vermarktet in ihrem eigenen Internetradio Versöhnungsgipfel zwischen vormals verfeindeten Rappern. Auch Bushido sagt immer wieder, dass er die Regeln der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kapiert hat und sie anerkennt. Ab einer bestimmten Einkommensgrenze ist mehr als die übliche Intoleranz (Nutte, Fotze, schwul) schlecht fürs Geschäft. Richtig "aggro" gebärden sich deshalb Kleinstlabel, für die die Kommerzkontrolle keine Rolle spielt, die aber mit ihrem Hass auf die "Bravo-Rapper" bei einer bestimmten Klientel gut ankommen.

Manche versuchen sich dabei der rechtlichen Regulierung zu entziehen. Bözemann hat für seine Homepage keine deutsche Domain freigeschaltet, sondern seinen Internet-Auftritt über einen Privatinvestor angemeldet, der Adressen für die neuseeländischen Tokelau-Inseln vertreibt. Auf das .tk-Länderkürzel enden auch viele illegale Tauschbörsen-Seiten. In manchen seiner Videos trägt Bözemann Patronengürtel und Maschinengewehr, um ihn herum Maskierte und immer wieder im Bild: der Doppelkopfadler der albanischen Flagge.

Er bezeichnet sich als "Albo" und auf seine Homepage hat er ein Interview gestellt, in dem er den Einzug der Albaner in die deutsche Rap-Szene ankündigt: "Der Ausgang steht in den Sternen geschrieben kann aber blutig werden. Ich geh davon aus, dass dieser Beef blutig wird." Er sei 1999 im Kosovo-Krieg an der Front gewesen, rappt er in einem Stück: "Ich hab Massaker erlebt und die Nato hat gebombt."

Dschihad und Gangbang

Auch Bözemann inszeniert sich - wie der Rapper Massiv - als gläubiger Moslem. In den Diskussionsforen zu seinen Videos drohen nicht nur Kosovo-Albaner und Serben damit, sich gegenseitig aufzuschlitzen, einige der Nutzer haben ihre Einträge außerdem mit Bildern des islamistischen Terroristen Osama bin Laden versehen. G-Hot schließlich, der mit seinem Schwulenhass auf sich aufmerksam machte, spricht sich: Dschihad, "heiliger Krieg". Während die erste Generation von Aggro-Rappern den eigenen Kiez zum Ghetto stilisierte, schienen die gerappten Gewalt-Bilder häufiger aus Splatter-Movies oder Pornos als von der Straße zu stammen. Die pornographische Ur-Demütigungs-Szene, der Gangbang, bei dem sich mehrere Männer über eine Frau hermachen, ist genau deshalb zum Synonym für die HipHop-Verrohung geworden.

Keine Verpflichtung für Videoplattformen

Bei einer zweiten Aggro-Generation, die mit dem gleichnamigen Label gar nicht mehr so viel zu tun hat, ist der Dschihad an die Seite des Gangbang getreten. Massiv, der Sony-Star aus der Ghetto-Konservenbüchse, der sich einmal Pitbull nannte, und es mit seinem Album immerhin in die Top-60 der Charts schaffte, tritt mit Palästinenser-Tuch auf und besingt das Schicksal der Shahids, muslimischer Selbstmordattentäter. Auf "Blut gegen Blut" findet sich die Zeile: "Mein Satz ist Sprengstoff, meine Hand am Sprengknopf." Andere, wie die Gruppe Keskin, drohen: "Wenn die Scheiße nicht klappt, dann begeh' ich Selbstmord." Ihr neues Album, bei Dead Game Records erschienen, heißt "terror tape", ein Track "Töten ist nicht schwer." Die Stoffe stammen in diesen Fällen nicht mehr nur aus Pornos oder Horror-Filmen, sondern sind an aktuelle politische oder religiöse Konflikte angebunden. Am deutlichsten wird das bei Bözemann, der sich als bewaffneter, albanischer Freischärler darstellt. Verbreitet werden seine Songs über youtube, myspace oder myvideo. Denn diese Diensteanbieter, so teilt myvideo mit, treffe nach dem Telemediengesetz keine Verpflichtung, die eingestellten Inhalte auf Rechtsverletzungen zu untersuchen. Dafür seien es auch viel zu viele. Bei Hinweisen würden die üblen Stücke allerdings entfernt. So ist es mit Bözemanns antisemitischem Track zumindest bei myvideo dann auch geschehen. Damit ist er jedoch längst nicht aus dem Netz verschwunden.

Von Johannes Gernert
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
bR4iNST0RM (18.12.2007, 17:07 Uhr)
Nägel mit Köpfen
Es wäre hier hilfreich den Hip-Hop so zu nehmen wie er im Original ist: keine Diskriminierung, kein Fremdenhass, keine Verherrlichung von Gewalttaten, sondern klare oder auch verspielte Kritik an gesellschaftlichen Problemen und Mitstreitern, mit der dazugehörigen Portion Respekt. DAS ist wahrer Hip-Hop! Und da sich das deutlich schwieriger gestaltet, haben solche Amateure wie „Frido“ oder „Buschidio“ & Co. nicht den Hauch einer Chance. Ihr zeigt kein Respekt, wollt aber Respektiert werden. Klassische Milchmädchenrechnung. Einfach nur AUTSCH!
disco_stu (18.12.2007, 16:07 Uhr)
@ bR4iNST0RM
Natürlich ist der Vergleich nicht astrein. Ich bin mittlerweile einfach schon erschrocken, wie unkontrolliert sich die Gesellschaft, vor allem im Bereich der sozialen Randgruppen, entwickelt und diese sich das Internet zu Nutze machen. Naja, die negative Möglichkeiten des INternets generell sind so fatal, wie die positven nützlich sind. Ich bin selbst erst 30 und seitdem ich eine kleine Tochter habe, sensibler für dieses Thema geworden. Die letzten 15 Jahre haben sich so radikal verändert, dass ich es wirklich erschreckend finde, mir vorzustellen, wo sich die virtuelle Gesellschaft (und auch die reale)in den nachsten 15 oder nur 5 Jahren befindet, wenn dort keine Grenzen gesetzt werden. Alleine ein Phänomen, wie z.B. youporn.com halte ich nicht für tragbar. Es kann nicht sein, ass es alleine den Eltern überlassen wird, den Kindern die Grenzen im Internet zu setzen, denn genug der Eltern werden es nicht schaffen!
Aber das ist wohl auch schon fast ein anderes Thema.
bR4iNST0RM (18.12.2007, 15:41 Uhr)
@ Disco_Stu
Lieber Disco_Stu,
du solltest hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Tonträger mit Waffen zu vergleichen sprengt den Rahmen. Aber davon abgesehen hast Du Recht! Es ist eine erschreckend hohe Zahl von „Usern“ die sich solchen Krams anschauen. Da kann man allerdings nur mit Regelungen Einhalt gebieten… was das Internet angeht.
Die Tonträger selbst können und sollten NUR von den Konsumenten kontrolliert werden. Durch den Kauf oder Nichtkauf ist hier der beste Druck möglich!
Wenngleich wir beide auf der ähnlichen Wellenlänge sind, sind unsere Ansichten der Regulierung grundverschieden. Es hilft leider nur Oberflächlich weiter, durch Dritte diese Variante der „Musik“ unterbinden zu lassen, da die Gesellschaft dadurch nicht klüger wird. Es ist hier unbedingt Nötig, auch den im Kopf kürzesten deutlich zu machen, das solch verbale Ausrutscher nicht unterstützt werden sollten. Deshalb mein Appell an die Eltern, die hier maßgebend in der Verantwortung stehen.
disco_stu (18.12.2007, 14:48 Uhr)
@ bR4iNST0RM
Aber Moment mal bR4iNST0RM,
man kann nicht alles Handeln den moralischen Grundsätzen eines Menschen überlassen.
Wir kaufen diesen scheiß vielleicht nicht, aber wenn du dir die Myspace Seite dieses Spinners anschaust und feststellen wirst, dass der Typ knapp 265000 Profilaufrufe hat und 3400 virtuelle Freunde sein Eigen nennt, dann sind das für deutsche Myspace Verhältnisse schon beachtliche Zahlen.
Dein Argument einfach nicht zu kaufen zieht leider nicht, denn genug kaufen es. Dann könntest du auch sagen: Waffen sollen legal sein! Wenn sie keiner kauft, passiert auch nichts. Sie werden aber gekauft!
bR4iNST0RM (18.12.2007, 14:36 Uhr)
Oh weh!
Was nützt es hier sich gegenseitig die Köpfe ein zu schlagen und nach Regulierungen durch Dritte zu schreien. Wollt ihr denn alles über euren Kopf hinweg entschieden haben?? Oder seid ihr noch zu selbständigen Denken und Handeln in der Lage??
Ihr habt es alle selbst in der Hand! Mit eurem Konsum unterstützt ihr diese Leute, oder eben nicht.
Also, statt rum zu sabbeln einfach überlegen: kaufen oder nicht kaufen, DAS ist die Frage!
Und was die Lütten angeht, die im vorpubertärem Stadium schon mehr von „Körperflüssigkeitsaustausch“ wissen als so manch ein Erwachsener: liebe Eltern, wisst ihr überhaupt was euer Zögling nach der Schule so macht? Nein? Dann seht zu, dass sich das ändert und redet mal mit den Kiddings und versucht einfach mal zu verstehen. Hilft echt weiter!
disco_stu (18.12.2007, 14:25 Uhr)
Null Toleranz!
Im Endeffekt ist diese Form der Selbstdarstellung absolut kontraproduktiv für diese Bevölkerungsgruppe, nämlich Menschen aus schlechteren sozialen Verhältnissen mit Migrantenhintergrund. Man bekommt das Gefühl, dass die Klischees zurecht passen und, wenn man einmal tief in der Klischeeschublade greift, kommt, im entsprechenden Stadtteil, ein Türke, ALbaner oder wie auch immer, dieser Art heraus. Die Leute können einem eigentlich Leid tun. Allerdings denke ich, dass solch einer Gewaltverherrlichung und Frauenverachtung usw. diese Leute ganz klar entsprechend gesetzlich angegangen werden müssen. Da darf es keine Toleranz geben, denn das grenzt an Volksverhetzung des entsprechenden Klientels!
Alex64 (18.12.2007, 11:23 Uhr)
kabuki
... vielleicht sollte das geld ja in Schulbildung und weiter Ausbildung investiert werden?
Etwas Rechtschreibetraining und vielleicht auch Kenntnisse in grundlegendem Rechtswissen könnten zumindest nicht schaden.
Auch Artikel 5 GG hat seinen Grenzen - und die finden sich für diese Fälle im StGB.
despera.do (18.12.2007, 11:00 Uhr)
ohmann
@kabuki
das war ja wohl nicht ernst gemeint, oder? zum einen das "gottgegebene Recht auf Meinungs- und redefreiheit" endet genau, wo es im "besten" falle beleidigend und im schlimmsten falle gewaltverheerlichend oder antisemitisch wird. ja, wir haben eigentlich genug probleme mit reeler gewalt - DESWEGEN haben organisationen wie das BfV die pflicht, sich auch mit solchem dreck zu befassen, eben damit es nicht mehr wird.
allgemein:
diese ganze "kultur" des hiphop, rap oder wie auch immer mag ja nett sein, leute mit wenig selbstbewußtsein mögen durch das nachäffen dieser stars etwas mehr rückgrad bekommen. problematisch ist dabei, das sie scheinbar zuwenig intelligenz besitzen zu unterscheiden, was realität und was phantasie ist. soweit soll es mir auch noch gleich sein - jedem das seine solange er andere nicht "verletzt". aber einige dieser "fans" sollten sich mal überlegen, dass das nachäffen der sprache und des "slangs" irgendwann dazu führt, das sie - im geringsten - ihre eigene muttersprache nicht mehr richtig beheerschen respektive die sprache des landes in dem sie leben wollen erst garnicht richtig erlernen. ein "ey alder" kommt in jedem bewerbungsgespräch immer sehr gut an. aber das soll deren problem sein - solange sie sich dann nicht irgendwann auf die hilfe des staates berufen. sie sollten einfach mal lernen, das sie niemals ein snoopdog, dr. dre oder tupac werden.
schoolar (18.12.2007, 10:53 Uhr)
Schon die Einleitung zum Artikel...
...bringt mich echt zum Lachen: Was haben diese Möchtegern-Angstmacher Sido und Bushido mit Gangster-Rap zu tun?!
Malt (18.12.2007, 10:33 Uhr)
Mich nervt...
....dieses Hip-Hop blabla ganz gewaltig. Checkt mal: Die Typen machen keinen Hip-Hop, sie benutzen einen Teil des Hip-Hop, nämlich den Rap, um Propaganda UND Kohle zu machen. Dabei geht es nicht darum, dass man beim Rappen nicht beleidigen dürfte - schließlich ist Batteln eine der Urformen des Rap überhaupt, sondern vielmehr darum, das solche Leute keinerlei Skills (Fähigkeit) in Sachen Rap besitzen. Ja, von den ganzen Textauszügen reimt sich ja nicht mal einer!!! Das sind nur minderbemittelte Würste, die irgendwie versuchen Aufmerksamkeit zu erregen, und so schlau sind, dass Sie wissen, dass es in Deutschland immer klappt, diese zu bekommen, sobald man ein gewisses Klischee bedient (Von wegen Tabus brechen - das, was die machen, entspricht in etwa einem Sex&Crime Magazin - gib' dem Pöpel, was er will). Das haben Savage, Sido und Bushido kapiert, und dieser Bösemann eben auch. Hat ja gut geklappt, ne, Stern?
Im übrigen wird hierfür nicht nur der Hip-Hop missbraucht, und derlei Texte gibt es schon seit Jahrzehnten von Nazibands (Inhaltlich stellenweise brutaler & RICHTIG Angst einflösend) - nur: Die spielen halt Speedmetall o.ä. und die Texte sind meist recht schlecht zu verstehen. Wenn dann so ein Möchtegernalbaner mit radegebrochenem Deutsch anfängt, irgendwas von Schädelspalten daherzustammeln, und dabei noch rumhupft wie so ein elektrisierter Kasper, dann ringt mir das höchstens ein Lächeln - und vielleicht Mitleid - ab.
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