Eigentlich heißt sie Christina Klein. Sie wird 16 und wollte unbedingt berühmt werden. Jetzt heißt sie LaFee, singt von Pubertätsqualen und ist die Heldin Hunderttausender Teenager. Eine Geschichte über die Risiken und Nebenwirkungen, ein junges Idol zu sein. Von Jochen Siemens

Rotz'n'Roll hinter der Bühne. LaFee posiert mit Gitarre© Thomas Rabsch
Es gibt so Orte in Deutschland, da heißen die Restaurants "Balkan-Grill" oder "Hellas-Grill", und damit es auch jeder versteht, haben sie unter das Wort "Grill" große gelb-rote Flammen auf die Leuchtreklame gemalt. In Stolberg, einer kleinen Stadt bei Aachen, haben sie viele solche Grills mit aufgemalten Flammen, und man könnte den Weg zu den Kleins auch mit "am ersten Grill rechts abbiegen, dann am vierten Grill wieder links" beschreiben. Den Weg zu den Kleins?
Bernd Klein ist Lkw-Fahrer und seine Frau Koula ist Griechin, Hausfrau und Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Besucht man die Kleins in Stolberg, ist das Deutschland Normalonien. Man sitzt auf einer rustikalen Eckbank in der holzgetäfelten Küche, die Kaffeemaschine blubbert, auf dem Tisch belegte Brötchen, auf der Fensterbank ein kleiner mattsilberner Ghettoblaster. Es ist die Welt der Menschen, deren Namen man manchmal auf Einblendungen im Fernsehen sieht, weil sie ein Kochset oder eine Traumreise gewonnen haben und man sich selbst fragt: "Wo liegt denn Bürstadt? Oder Lilienthal? Oder Stolberg?" Es ist die Welt des Mehrheitsdeutschlands, in Häusern wie bei den Kleins werden Einschaltquoten, der Umsatz von Aldi oder die Verkaufszahlen von Marlboro mitentschieden. Nicht weit von hier steht die Kartbahn, auf der Michael Schumacher seine ersten Runden drehte.

Leipzig, erstes Konzert. Dutzende Interviews, LaFee versucht zu entspannen© Thomas Rabsch
Gegenden wie Stolberg sind aber auch noch Rohstoff-Landschaften ganz anderer Art, und einer dieser Rohstoffe sitzt am Tisch bei den Kleins. Christina Klein, wird 16 Jahre, Teenagerstatur, große Augen, lange Haare, und wenn Besuch kommt, erst einmal ein wenig still. Aus dem Rohstoff Christina haben andere im vergangenen Jahr etwas gemacht, einen Star mit Namen LaFee, und wenn man bei den Kleins die dicke Mappe mit Zeitungsausschnitten durchblättert, die Mutter Klein sammelt, schaut man von den Fotos immer wieder zu Christina und zurück, weil man glaubt, zwei verschiedene Mädchen zu sehen. LaFee wirkt größer als Christina, ihr Gesicht hat die makellose Glätte von Make-up und Computerkosmetik, die Zähne sind gleißend weiß und die Haare mal gelockt und mal glatt.
Seit Juni hat LaFee mit ihrem ersten Album mehr als 200.000 Stück verkauft, was umso bemerkenswerter ist, weil sie keiner Castingshow entsprungen ist, nicht im Radio gespielt wird und noch nicht bei "Wetten, dass..?" oder einer anderen großen Show war. LaFee gibt es nur, weil sie von einem Mann erfunden wurde, und weil es die Zeitschrift "Bravo" gibt, in die Christina Klein LaFee ganz gut hineinpasste. Und weil sie etwas singt, das ihr die Fans glauben. So wie es Christina ja selbst glaubt, auch wenn die Texte nicht von ihr sind.
"Oben", Christina Klein zeigt mit dem Finger nach oben, "oben in meinem Zimmer habe ich das geübt." Vor dem Spiegel, seit sie, "ach, weiß ich nicht, schon immer halt", seit ein paar Jahren also. Gesungen hat sie, getanzt, posiert, ganze Auftritte von Britney Spears hat sie nachgespielt, "ich wollte unbedingt Sängerin werden, schon immer, unbedingt. Ich hätte mich auch bei diesen Castingshows beworben, bei allen, außer bei Dieter Bohlen, von dem möchte ich mir nichts anhören". Bis vor einem halben Jahr ging Christina noch zur Hauptschule hier in Stolberg. Sie sagt, sie war eine ganz gute Schülerin aber, na ja, da war eben dieser Wunsch, Sängerin zu werden, und eigentlich war es das, worum alles ging. Alles. Fragt man Christina nach Schule und Freunden, kommen die Antworten immer etwas karg, ja, sie hatte Freundinnen und hat auch noch welche, aber jetzt, seit ihrer Verwandlung in LaFee, ist ja auch kaum noch Zeit, und irgendwo zwischen den Sätzen hört man auch Erleichterung heraus, dass kaum noch Zeit ist.
Denn jetzt endlich ist der Traum, der in Zigtausenden von Mädchenzimmern wie eine immer größer werdende Wolke hängt, wahr geworden. Ein Star werden. Herauszukommen, herumzufahren, die Welt von oben, von der Bühne zu sehen. Es ist kein neuer Traum, doch anders als früher, als Teenager schrammelige Tonbandkassetten an Plattenfirmen schickten und auf Anrufe hofften, die nie kamen, brüllt heute eine Medienindustrie schon den Kindern auf allen Kanälen zu: Wir brauchen euch, wir suchen euch, jeder kann ein Star werden.
Und die Kinder glauben es. 5189 Mädchen hatten sich in diesem Jahr bei der Pro-Sieben-Show "Popstars" beworben, RTL meldet sogar die Rekordzahl von 28.000 Bewerbern (männlich und weiblich) für die nächste Staffel der Bohlen-Folter "Deutschland sucht den Superstar". Wo immer in Deutschland ein Casting ausgerufen wird, sind die Schlangen lang und die Bewerber hysterisch. "Berühmt sein" oder ein "Star werden" hat längst "Tierarzt" oder "Astronaut" von den pubertären Wunschlisten möglicher Berufe verdrängt. Dass "Star" kein Beruf ist, erklärt ihnen erst mal keiner.

Macht Erfolg schön? Eine Zeit lang, ja. LaFee nach ihrem Auftritt bei "The Dome" in Leipzig© Thomas Rabsch
Auch bei Christina Klein war die Liste nach "Sängerin werden" eigentlich leer, und sie saß oft mit der Mutter im Wohnzimmer und sang etwas vor. Einmal haben die beiden ein kleines Video gedreht, haben es an Sender verschickt und sich beworben, wo man sich bewerben konnte. Bei "Kiddy Contest" zum Beispiel, einer Kinder-Castingshow des ORF, eine Art "Popstars"-Show für ganz Kleine, ein Talenthumus, aus dem dann so lollige Ohrwürmer wie "Schnappi, das Krokodil" entstehen.
Christina macht also mit, es ist 2004, und sie singt eine auf Deutsch umgedichtete Fassung von Barry Manilows Hit "Oh Mandy", die bei ihr "Oh Handy" heißt. "Es war ein grauenvoller Song", sagt Bob Arnz, der die Sendung 1400 Kilometer entfernt in seinem Haus auf Ibiza sieht. Arnz will schon abschalten, als seine damals neunjährige Tochter Lea sagt: "Papa, die ist es." Arnz, 44, früher Produzent der singenden "Big Brother"-Insassen wie Jürgen oder Zlatko, hatte längst eine Blaupause für einen Popstar im Kopf, für die ihm nur eines fehlte: ein Mädchen. Eines, das sich in sein Konzept aus Gefühl und Härte einmontieren ließ, eines, das nicht allzu niedlich, allzu Hanni-und-Nanni-weich verwechselbar sein sollte.
"Christina hatte einen bestimmten Ausdruck, der zu meiner Idee passte", sagt er. Arnz ruft in Stolberg an, fährt hin, sitzt auf der rustikalen Eckbank, trinkt Kaffee und redet mit den Kleins. Das kann er, Arnz hat animateurhaften Charme. Christina sagt heute, dass sie damals eigentlich mehr ein HipHop-Fan war und mit Arnz' Musikrezept erst mal wenig anfangen konnte, "aber es hat mir dann immer mehr gefallen". Sie proben im Studio, Bob Arnz kratzt sein Geld zusammen, schreibt Texte und produziert das erste Album auf eigene Kosten. "Ich hab sehr geschwitzt", sagt er, "ein paar Plattenfirmen haben gleich abgesagt."
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