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Sozialistische Grüße vom Ex-Gangsta-Rapper

Für Sido, ehemals Maskenträger und Gangsta-Rapper, hatte der Fall der Mauer eine persönliche Bedeutung. Er stammt selbst aus dem Osten. Im Interview mit stern.de verrät der Berliner Musiker, wieso er das jahrelang geheim gehalten hat.

Sido, Sie haben jahrelang geheim gehalten, dass Sie aus dem Osten stammen. Nicht einmal Ihre besten Freunde wussten Bescheid. Ist Paul Würdig der Name, auf den Sido gehört hat, als er bei den Pionieren war?
Ja.

Wo sind Sie geboren?


In Berlin-Prenzlauer Berg. Ich habe zwei Minuten vom Alexanderplatz entfernt gewohnt.

Wie alt waren Sie, als Sie mit Ihrer Mutter in den Westen gegangen sind?


Acht.

Was wissen Sie noch vom "Rübermachen"?


Es war nachts. Und dann waren wir drüben bei meinen Verwandten.

Haben Sie Ausreise beantragt, oder war das eine Flucht?


Ausreise. Das war etwa ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer, zu der Zeit, als viele Anträge bewilligt wurden. Egon Krenz kam an die Macht. Da hatte sich viel geändert. Es roch schon nach Ende.

Wie muss man sich das vorstellen? Hat Ihre Mutter Ihnen einen Koffer in die Hand gedrückt und gesagt "Wir gehen jetzt"?


Ich wusste vorher, dass wir gehen, weil Mama schon unseren ganzen Hausstand verkauft hatte. Die Nacht, bevor wir gegangen sind, haben wir auf blanken Matratzen geschlafen. Alles sonst war weg. Die Möbel, die Küche, alles verkauft.

Gibt es Bilder aus der Nacht des Neuanfangs, die sich besonders eingeprägt haben?
Ich weiß noch, dass meine Familie sich weinend in den Armen lag. Ich habe mitgeweint, obwohl ich gar nicht genau wusste, warum. Ich habe das Eingesperrtsein ja gar nicht so mitgekriegt.

Wo sind Sie über die Grenze gegangen?


Kochstraße. Dann waren wir erstmal im Asylantenheim im Wedding.

Gab es an der Grenze Schikanen?


Es war nachts, und ich war sehr müde. Ich kann mich da echt an nichts erinnern. Erst wieder an meinen ersten Döner.

Wann gab es den?


Einen Tag später. Ein Typ aus dem Asylantenheim, der schon ein paar Wochen länger da war, hat mich mit hingenommen. Er hat gesagt: Du musst nen Döner essen. Und dann hat er mir einen gekauft. Ich dachte, ich bin im Paradies! Meine Geschmacksnerven haben verrückt gespielt. Diese Geschmacksverstärker gab es ja in der DDR nicht. Das hat gleich angesetzt bei mir. Ich kann mich leider nicht mehr an den Laden erinnern. Dabei würde ich da gerne noch mal hingehen.

Haben Sie Freunde und Verwandte in der DDR zurücklassen müssen?


Oma und Opa. Aber die konnten sowieso in den Westen. Rentner konnten ja reisen. Bis wir uns eingelebt hatten und aus dem Asylantenheim raus waren, war die Mauer aber schon längst auf. Da konnte jeder jeden besuchen gehen.

Aber das war in der Nacht der Ausreise nicht klar.


Das war mir nicht so wichtig. Ich wusste, dass ich Verwandte im Westen habe. Mein Stiefvater war schon drüben. Der war vorher geflüchtet. Mir war nur wichtig, mit Mama da rüberzugehen. Freunde und so, das war mir alles egal.

Haben Sie auf Grund des Antrages Schikanierungen erlebt?


Wir haben auf Grund der Hautfarbe meiner Mutter Schikanierungen erlebt. Die ganze Zeit. Deshalb wollten wir ja auch weg. Meine Mutter ist Inderin. Ihre Familie war schon vor dem Krieg nach Deutschland gekommen.

Das Gehen fiel Ihnen also nicht schwer?


Nein. Es ging mir ja nicht gut. Ich hatte in der Schule nur Ärger.

Aber in dem Song "Hey Du!" heißt es doch: "Ich war ein stolzer Pionier".
Ich war ein stolzer Pionier, aber das heißt ja nicht, dass du in der Schule gut bist. Du musstest ein stolzer Pionier sein, du musstest morgens aufstehen und den sozialistischen Gruß machen. Pioniere sind immer stolz. Ich war keiner von denen, die kein Pionier sein wollten. Aber trotzdem war ich der am meist Beobachtete in der Klasse. Der Typ, dessen Mutter alle zwei Wochen in die Schule musste wegen irgendwas. Und dann hat die Mutter noch mit Ärger gekriegt. Und die Mutter sitzt da und kämpft wie eine Löwin. Das habe ich schon mitgekriegt.

Warum erzählen Sie das alles jetzt erst?


Am Anfang - in der Zeit im Asylantenheim - ging es dir im Westen nicht gut, wenn Leute wussten, dass du aus dem Osten kommst. Da hattest du als Jugendlicher auf jeden Fall ein Problem in deiner Klasse.

Wie lange waren Sie in dem Asylantenheim?


Ein halbes, dreiviertel Jahr. Danach sind wir nach Lübeck gezogen. Auch da hat es sich schnell rumgesprochen, und es ging mir nicht gut. Du musst dich immer behaupten, das bedeutet viele Schlägereien und die ganze Scheiße. Dann sind wir wieder umgezogen. Das sind wir zum Glück sehr oft. Von Lübeck zurück nach Berlin, und in Berlin noch drei Mal.

Wie lange waren Sie in Lübeck?


Die ganze dritte Klasse. Als wir dann wieder nach Berlin gekommen und in den Wedding gezogen sind, habe ich es niemandem mehr erzählt. Und plötzlich gab es auch kein Problem mehr. Ich war wie alle ein Wessi, und wir haben uns über die Ossis lustig gemacht.

Und da haben Sie sich nicht schlecht gefühlt?


Natürlich habe ich das. Aber ich habe trotzdem mitgemacht. Ich wollte keiner von den Unterdrückten sein. Dann haben wir irgendwann Musik gemacht, wo wir auch darüber gerappt haben, dass wir aus Westberlin kommen. Wir haben Westberlin gepriesen, was auch damit zu tun hatte, dass es in Ostberlin Rap-Jams gab, die wir Scheiße fanden. Also haben wir das einfach in Osten und Westen eingeteilt. Das war nicht politisch gemeint, das war ein Rap-Ding. Wir haben T-Shirts mit "Westberlin"-Aufdruck gemacht. Ich war einfach zu tief drin, um die Wahrheit zu sagen. Ich konnte doch nicht als einer der Anführer von diesem ganzen Westberlin-Hype plötzlich zugeben, dass ich eigentlich ein Ossi bin.

Hatten Sie je das Gefühl, sich selbst zu verraten?


Osten, Westen, ich komme von beiden Seiten. Mir konnte doch scheißegal sein, was ich da nehme.

Aber noch mal: warum jetzt?


Weil ich die Idee zu diesem Lied hatte. Ich kannte den Film "Linie 1" aus der Schule, und das Lied von Maria "Du bist schön, wenn du weinst" fand ich immer am besten. Irgendwann saß ich gelangweilt zuhause, habe mir das Lied noch mal angehört und dachte: "Geil, daraus machste nen Song". Im Chorus sagt sie aber: "Ick will dir mal wat erzähln von mir/ dat hab ich noch nie jemacht, außer bei dir". Also musste ich was erzählen, wat ick noch nie jemacht hab... Das war das Thema prädestiniert. Und ich dachte "Es ist an der Zeit, komm. Wenn einer was sagen sollte, ist es auch egal."

Was hätten sie denn sagen sollen?


Irgendwas Peinliches. Denn mittlerweile ist alles, was du gegen Ost und West sagen kannst, nur noch peinlich.

Wie hat Ihre Mutter auf die jahrelange Selbstverleugnung reagiert?


Meine Mutter hat auch immer gesagt: "Sag das keinem". Sie war sich auch jetzt nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Aber mittlerweile findet sie, dass es eine sehr gute Idee ist.

Sind Sie erleichtert? Haben Sie im nachhinein gemerkt, dass es Sie belastet hat?


Ich war in dem Moment erleichtert, als ich sagen konnte: "Ich kann dieses Lied machen". Auch wenn mich irgendwer angemacht hätte - was nicht passiert ist - wäre ich erleichtert gewesen.

Interview: Sophie Albers
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