28. Juni 2011, 15:00 Uhr

Der Spalter der "Tatort"-Nation

Vor 30 Jahren feierte ein "Tatort"-Kommissar Premiere, der die Fernsehnation spaltete: Mit seiner handfesten, derben Art sorgte Horst Schimanski bei vielen Zuschauern für Entsetzen - und stieg zur Kult-Figur auf. Von Carsten Heidböhmer

Tatort, ARD, Schimanski, TV-Kommissar, Götz George, Ruhrpott, Duisburg

Kommissar Schimanski (Götz George) vor seinem Revier, dem Duisburger Hafen©

Es ist heute nur schwer vorstellbar, welchen Wirbel der erste Auftritt Horst Schimanskis vor genau 30 Jahren, am 28. Juni 1981, verursacht hat. Lokalpolitiker waren entsetzt von dem Bild, das die "Tatort"-Folge, "Duisburg-Ruhrort" von ihrer Stadt gezeichnet hat. Auch die Presse jaulte auf: "Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder oder Trinker?", titelte die "Bild am Sonntag". Die "Neue Ruhr Zeitung" forderte gar: "Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!" Einzig die linksalternative "tageszeitung" freute sich: "Solche Bullen braucht das Land."

In Duisburg war der von Götz George gespielte Ermittler zeitweise so unbeliebt wie heute der Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Mit der Zeit freundete sich dann aber die Region mit ihrem Kommissar an, denn durch Schimanski bekam der Pott ein Gesicht und Profil.

Vulgäre Ausdrucksweise

Der Proll-Kommissar mischte die biedere deutsche TV-Landschaft der frühen 80er Jahre gehörig auf: Er war ein Einzelgänger, hauste in einer verdreckten Bude, trank zuviel und bediente sich einer expliziten, vulgären Ausdrucksweise. Kaum ein Satz ohne Kraftausdruck - das war Deutschland nicht gewohnt. Gleich seine erste Zeile war programmatisch für die Figur: "Hotte, Du Idiot, hör auf mit der Scheiße!" Ensprechend pikiert reagierte vor allem das Bildungsbürgertum auf den neuen Ermittler.

Wie radikal Schimanski damals gewirkt haben muss, lässt sich erst ermessen, wenn man ihn mit seinem braven Vorgänger vergleicht, dem von Hansjörg Felmy gespielten Kommissar Heinz Haferkamp. Gleich in der ersten Folge macht Schimmi klar, dass eine neue Epoche angebrochen ist und sein Vorgänger zum alten Eisen gehört: Er schnürt seinen offenen Schuh an einer Plakatwand, auf der Felmys Konferfei zu sehen ist - der Schauspieler warb damals für einen Fotoapparat. Kurz bevor Schimanski weitergeht, dreht er sich noch einmal um und wirft ihm einen spöttischen Blick zu. Hansjörg Felmy hat diese Szene persönlich genommen und als äußerst unkollegial empfunden.

Mut zur Hässlichkeit

Gemeint war mit der abschätzigen Geste aber nicht Felmy persönlich, sonder ein bestimmtes, gediegenes "Tatort"-Verständnis, das vorherrschte. Der TV-Krimi bestand damals aus älteren Herren, die in langen Trenchcoats herumschlurften, Menschen verhörten und sich dabei einer Sprache bedienten, die im echten Leben niemand verwendete. Mit dem Parka tragenden Schimmi übernahm eine neue Generation das Ruder. "Es waren alles 68er, die dabei waren", erinnert sich George in einer TV-Doku über die Entstehung der Figur. Entwickelt wurde sie von den Drehbuchautoren Bernd Schwamm und Martin Gies, dem Regisseur Hajo Gies sowie Götz George.

Auch wenn Schimanski kein politischer Mensch war, so verfolgte der Duisburg-"Tatort" viele Anliegen der 68er: Denen ging es darum, die Gesellschaft realistisch zu beschreiben, mit all ihren Problemen und in all ihrer Hässlichkeit. Insofern war Duisburg der ideale Schauplatz für diese Art von Film, denn in der Stadt kulminierten all die Probleme, die der Strukturwandel dem Ruhrgebiet bescherte: brach liegende Industrieanlagen, heruntergekommene Wohnviertel und hohe Arbeitslosigkeit. Mit Schimanski hielt dieser Realismus Einzug in das deutsche Fernsehen. Ein großes Verdienst, auf das "Tatort"-Erfinder Gunther Witte noch heute stolz ist. Unter den mehr als 100 Figuren sei Schimanski denn auch bis heute seine liebste, wie er stern.de sagte.

Doch die Figur Schimanski hätte nur halb so gut funktioniert, wäre da nicht sein Fliege tragender Partner Christian Thanner gewesen, gespielt von dem 1994 verstorbenen Eberhard Feik. Der war in jeder Hinsicht sein Antipode: autoritätshörig, bürgerlich, verheiratet und ordnungsliebend. Kurzum: ein Spießbürger, wie er im Buche steht. Doch gerade weil er so anders war, stimmte die Chemie zwischen den beiden. Zwischen 1981 und 1991 hatten sie insgesamt 29 gemeinsame Einsätze. 1997 nahm die ARD die Figur wieder ins Programm - allerdings außerhalb der "Tatort"-Reihe. In der schlicht "Schimanski" betitelten Serie unterstützt Schimmi als Privatermittler Polizei und Staatsanwaltschaft. Seinen Polizeidienst hatte Schimmi in seiner letzten "Tatort"-Folge 1991 quittiert. Damals war er mit einem Drachen davongeflogen. Ein letztes Wort brüllte er noch in den Himmel über Duisburg: "Scheiße".

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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