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Interview

"Baumgartners Kommentar ist eigentlich zu dumm für eine Reaktion"

"Bei der Figur auch kein Wunder": Mit diesem stumpfen Kommentar wollte Felix Baumgartner einer TV-Moderatorin abkanzeln. Die wird für ihren lässigen Konter gefeiert. Im Interview erzählt Corinna Milborn, wieso sie auf die Unverschämtheit reagiert hat.

Corinna Milborn

Corinna Milborn ist eine der renommiertesten Politikjournalistinnen Österreichs. Seit 2013 ist sie Informationsdirektorin der Sendergruppe Prosieben.Sat1.PULS4. Sie moderiert dort die Sendung "Pro und Contra - Der AustriaNews Talk".

Frau Milborn, sind Sie dem Extremsportler  schon einmal persönlich begegnet?
Nein, ich hatte noch nicht das Vergnügen - aber ich hoffe, dass er meiner Einladung folgt, ich würde mich auf eine Diskussion sehr freuen.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von Baumgartners Facebook-Kommentar erfahren haben?
Ich habe zunächst nur gelacht und das gleich wieder vergessen. Wir bereiten hier in Wien gerade das große "4gamechanger"-Festival vor, ich hatte den ganzen Tag keine Zeit für Social Media und war erstaunt über die Interview-Anfragen. Erst am Abend wurde mir klar, welche Ausmaße die Diskussion angenommen hatte. Ich wollte erst gar nicht reagieren - der Kommentar ist eigentlich zu dumm für eine Reaktion. Meine Tochter hat mich dann überzeugt, dass man bei so etwas nicht den Mund halten darf, weil es alle Frauen angeht: Solche versuchen immer wieder wirkungsvoll, Frauen zum Schweigen zu bringen, indem sie sie persönlich beleidigen. Sie versuchen damit, uns auf den Platz zu verweisen, den sie uns zugestehen - nämlich den eines Deko-Objekts, das bitte ganz von der Bildfläche verschwinden soll, wenn es den Deko-Standards nicht entspricht. So ist die Welt nicht mehr, und wer so denkt, sollte nicht damit durchkommen. Also habe ich beschlossen, doch etwas zu antworten.

Wie oft haben Sie persönlich solche sexistischen Angriffe schon erlebt?
Ich arbeite im Fernsehen, ich bin so etwas also gewöhnt. Frauen werden wesentlich härter beurteilt als Männer, besonders, was das Äußere und das Auftreten betrifft. Das gehört zum Job. Das heißt aber nicht, dass man dazu schweigen soll. Ich wünsche mir, dass die nächste Generation solchen Anwürfen nicht mehr ausgesetzt ist. Das heißt auch, dass ich sie nicht stehen lassen kann.

Hat Sie die starke Resonanz auf ihre Replik überrascht?

Ja, absolut! Felix Baumgartner hat 1,4 Millionen Facebook-Fans - deshalb war totschweigen keine Option. Sein Posting hatte 4000 Likes. Meine Antwort hat aber innerhalb einiger Stunden mehr als 10 mal so viele Likes, das Video wurde bisher über 600.000 Mal abgerufen, der News-Beitrag in unseren "Puls 4 News" dazu macht Rekordabrufe. Und ich bekomme fast im Sekundentakt Dankesnachrichten von Frauen und Männern gleichermaßen. Es hat offenbar einen Nerv getroffen.

Gab es auch negative Reaktionen?
Ja, aber erstaunlich wenige. Normalerweise ist eine feministische Äußerung ein Garant für einen Shitstorm. Diesmal bekomme ich fast ausschließlich Unterstützung und Applaus. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Haben Sie einen Tipp für Frauen, die im Alltag mit solchen unverschämten Sprüchen konfrontiert werden?
Mein Tipp ist: Keine Scheu beim Zurückreden! Meist sind die Sprücheklopfer ganz entsetzt, dass da eine echte Person ist, die fragt, was sie sich dabei denken. Man kann natürlich nicht auf jede Kleinigkeit eingehen - wir haben ja alle auch anderes zu tun. Aber ein bisschen Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft gehört auch zu unserer Verantwortung, und ich verspreche: Es macht auch Spaß, den Ball im eigenen Feld zu haben statt sich zu verstecken.

Hat sich Herr Baumgartner schon gemeldet?
Nein. Aber wir bleiben dran. Ich meine die Einladung ernst: Ich würde gerne diskutieren, was hinter solchen Sprüchen steckt und was Herr Baumgartner damit eigentlich erreichen will. Ich glaube, das wäre ein erhellendes Gespräch.


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