Dieter Bohlens gefährliches Kindercasting

14. März 2012, 20:02 Uhr

Dieter Bohlen will seine Castingshow-Kandidaten jetzt auch im Kindergarten rekrutieren. RTL plant "DSDS Kids" für Vierjährige. Kinderschützer sind entsetzt. Von Katharina Miklis

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Ein Bild, an das man sich wohl gewöhnen muss: Dieter Bohlen will seine "DSDS"-Kandidaten nun auch im Kindergarten rekrutieren©

Hätte man es ihm vor zwei Jahren gesagt, er hätte es für einen schlechten Scherz gehalten. Jetzt sucht RTL in einer Kinderversion der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" nach vierjährigen Gesangstalenten - und Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, kann es nicht fassen: "Diese Entwicklung ist sehr bedenklich."

"DSDS Kids": Noch kann man nur ahnen, was das bedeutet - oder fürchten. Am Dienstag gab der Sender RTL erste Details bekannt: Es wird eine Kinderversion des Originals, vier bis 14-Jährige können sich bewerben, der Sieger bekommt ein Ausbildungs-Stipendium und ein Preisgeld. In der Jury wird unter anderem Dieter Bohlen sitzen. Und allein diese Tatsache sorgt dafür, dass bei dem Kinderschutz-Experten die Alarmglocken schrillen: "Dieter Bohlen ist nicht gerade durch seine Wertschätzung für Menschen bekannt", sagt Hilgers, der befürchtet, dass die Mini-Version ähnlich abläuft, wie das Original, in dem Demütigungen und Bloßstellung oftmals im Vordergrund stehen. Er appelliert im Gespräch mit stern.de an die Vernunft der Eltern: "Ich rate dringend davon ab, Kleinkinder anzumelden." Wenn der Ableger dem Original ähnelt, könnte ein Auftritt bei "DSDS Kids" schlimme Folgen für die Entwicklung von Kindern haben, warnt Hilgers.

Immer Probleme mit den Kindern

Vom Kindergarten auf die Showbühne. Ist man mit vier Jahren schon bereit für eine Castingshow? Wenn es nach RTL geht, so scheint es, ist man nie zu jung für das Fernsehen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Privatsender Kleinkinder vor die Kamera holt - und damit Probleme bekommt. Kinderschutzbund, Kirchen, Ärzteverbände und Politiker schlugen 2009 Alarm, als der Sender in der Reality-Show "Erwachsen auf Probe" Babys in die Obhut fremder und vollends überforderter Teenagerpaare stellte. Kinderschützer erstatteten Strafanzeige, Firmen zogen ihre Spots aus dem Werbeumfeld des umstrittenen Formats zurück, der Hebammenverband sprach gar von einer "neuen Form der Prostitution". Zwei Jahre später wurde das voyeuristische Doku-Format "Super Nanny" nach sieben Jahren im November 2011 eingestellt. Nicht zuletzt, weil die Protagonistin Katharina Saalfrank nicht mehr mit den pseudopädagogischen Methoden des Senders zurechtkam. Der Deutsche Kinderschutzbund streitet sich heute noch mit RTL über die Arbeitsweise des Senders in diesem Format.

Nun kann man nur mutmaßen, was den Sender zu einem weiteren gewagten Kinder-Projekt ermutigt hat. Tatsache ist, dass sich das Hauptformat "DSDS" in einer Quotenkrise befindet. Aber darf man Vierjährige überhaupt auf die Showbühne schicken? "In dem Alter sind Kinder nicht in der Lage, die Wirkungen einer Castingshow abzuschätzen", warnt Sebastian Gutknecht, Jurist bei der Landesstelle für Jugendschutz in Nordrhein-Westfalen, und erklärt den rechtlichen Hintergrund: "Sobald Kinder in einem arbeitsähnlichen Dienstverhältnis stehen, es also kommerzielle Hintergründe gibt, greift das Jugendarbeitschutzgesetz." RTL muss für jedes einzelne teilnehmende Kind ein Genehmigungsverfahren bei der zuständigen Behörde für Jugendarbeitsschutz beantragen. "Ein Kinderarzt, Jugendamt, die Schule und die Eltern werden in diese Prüfung einbezogen."

RTL: "Uns ist die Sensibilität des Themas bewusst"

In Deutschland gelten strenge Regeln: Das Jugendschutzgesetz sieht vor, dass Kinder von drei bis sechs Jahren nur bis zu zwei Stunden täglich in der Zeit von 8 bis 17 Uhr arbeiten dürfen. Kinder über sechs Jahre dürfen eine Stunde länger ran und theoretisch bis 22 Uhr im Scheinwerferlicht stehen. Wie dehnbar dieses Gesetz ist, zeigt jedoch in besonders absurder Weise die aktuelle Staffel von "DSDS", in der es mehrere 16-jährige Kandidaten gibt. In den Liveshows nehmen diese ab 22 Uhr in den Zuschauerrängen Platz, von wo aus sie auch die Entscheidung gegen Mitternacht verfolgen. Ihre Reaktionen werden direkt auf die Bühne projiziert. Solange sie nicht "gestaltend mitwirken", so der Jurist, sei das okay.

Noch will der Sender keine weiteren Details zum Format verraten. Da das Jugendschutzgesetz lediglich den Produktionszeitraum betrifft - unabhängig von der Ausstrahlung - könnte es sein, dass RTL auf Livesendungen verzichtet oder eine Vorabendshow plant, um einen Gesetzesverstoß zu umgehen. "Uns ist die Sensibilität des Themas Jugendschutz sehr bewusst", erklärt der Sender gegenüber stern.de. "Wir werden die Regeln und Gesetze natürlich beachten und einhalten. Zusätzlich werden wir qualifizierte Medienpädagogen bei dieser Produktion dabei haben und uns sehr eng mit den Eltern austauschen."

Die eigentlichen Probleme entstehen nach der Show

Doch das allein reiche nicht, gibt Jugendschutz-Experte Sebastian Gutknecht zu bedenken. "Die eigentlichen Probleme für die Casting-Kinder entstehen erst nach der Show. Sie sind plötzlich berühmt, oder sie wurden vor der ganzen Nation als Volltrottel dargestellt." Diese Spätfolgen würden im Jugendschutzgesetz nicht berücksichtigt. Deshalb bräuchten Familien auch nach der Show Betreuung. Viele Eltern schaffen es nach Meinung des Experten nicht allein, ihre Kinder vor der Häme der Zuschauer zu schützen. Dieses Gespür dürfte gerade jungen Eltern fehlen, die in der Generation Castingshow groß geworden sind.

Der Kinderschutz-Experte bemängelt außerdem, dass das Jugendschutzgesetz "im Zeitalter der Castingshows längst überholt ist." Es differenziere nicht zwischen einer hochwertigen Kinderfilmproduktion und einem Trashformat, in dem Kandidaten vorgeführt würden. Nach der Aufregung um "Erwachsen auf Probe" forderten die Jugend- und Familienminister der Länder bereits 2009 ein Verbot von TV-Sendungen mit Säuglingen und Kleinkindern. Die Planungen zu "DSDS Kids" zeigen, dass sich da noch nichts getan hat.

 
 
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