Hört Volkes Stimme, ihr Juroren!

23. November 2012, 07:48 Uhr

Als der Tagessieger die Bühne mit 143 Prozent Zustimmung verließ, stand fest: Die Stunde der Mathematik hatte nicht geschlagen. Bei "The Voice of Germany" hatte diesmal der Zuschauer das letzte Wort. Von Jens Wiesner

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Voice of Germany, Liveshows, Live Shows

Kniefall vor dem Zuschauer bei "The Voice of Germany": "Die müssen ja auch später die Platten kaufen."

Lampenfieber weg, der Puls geht ganz normal... Pardon: falsche Show, falsches Jahrzehnt. Kann ja mal passieren: Schließlich gehen bei "The Voice of Germany" alle so unverschämt lieb miteinander um, dass man sich leicht in jene Zeit zurückversetzt fühlt, als Marijke Amado noch kleine Kinderstars aus der Zauberkugel schüttelte.

Aber an diesem Donnerstag sollte es endlich ernst werden: Vorbei die Aufwärmrunden, in denen Nena, Xavier Naidoo, The BossHoss und Rea Garvey ihre Kandidaten im Stil eines vorkonziliaren katholischen Gottesdienstes aburteilten. Vorbei die martialisch "Battles" getauften Ausscheidungsrunden, die es an Bösartigkeit gerade so mit einem Wortgefecht zwischen Benjamin Blümchen und Zoodirektor Tierlieb aufnehmen konnten.

Dieser Donnerstag sollte das ungefilterte Live-Erlebnis auf die Mattscheibe bringen - und den Zuschauer persönlich ins Geschehen eingreifen lassen: Waren es bislang nur die vier bzw. fünf Juroren, von deren Gusto das Weiterkommen der Kandidaten abhing, konnte das Fernsehpublikum unliebsame Entscheidungen nun per Televoting rückgängig machen. Und zu entscheiden gab es viel: Schließlich mussten sage und schreibe 16 Kandidaten in nur drei Stunden Sendezeit über die Bühne gescheucht, begutachtet und bewertet werden. "Bei den Proben hatte ich noch Schiss, dass es ein bisschen langweilig wird", sollte Nena zu späterer Stunde gestehen. Aber wir greifen vor.

"Das ist Demokratie"

Zunächst einmal Auftritt Thore Schölermann, Moderator Marke generischer Schwiegersohn, der das Publikum mit den wichtigsten Neuerungen fütterte: Um dem Kandidatenansturm Herr zu werden, wurde das K.o.-System von den "Battles" übernommen. Heißt: Jeweils zwei Kandidaten mussten hintereinander auf die Bühne, danach wurde abgestimmt. Erst vergab der Coach seine Sympathien in Form von Prozentpunkten, dann durften die Zuschauer als Korrektiv ran.

Und anfangs sah es tatsächlich so aus, als würde sich Fernsehdeutschland erheben und eine Demokratiewelle bei ProSieben lostreten, wie es eigentlich schon Stefan Raab mit "Absolute Mehrheit" geplant hatte. Zumindest schaute Rea Garvey, der Mann mit dem Lemmy-Gedächtnisbart, ein wenig bedröppelt drein, als gleich in der ersten Ausscheidungsrunde nicht seine Favoritin Michelle Perera (mit Föhnwelle) in die nächste Runde gehievt wurde, sondern die 20-Jährige Bianca Böhme. "Die Leute haben entscheiden und die müssen ja auch später die Platten kaufen", nahm er das Zuschauerergebnis zur Kenntnis und erklärte gar etwas zu staatstragend: "Das ist Demokratie".

Nahtlos weiter ging die Staatsbürgerkunde bei Xavier Naidoo: Der Soulsänger sah den gegelten Friseur Marcel Gabriel vorne, das Publikum entschied sich aber wenig überraschend für den leicht verschnupften norddeutschen Wuschelkopf Jesper Jürgens, der Mando Diaos "Gloria" groovig-nuschelnd zum Besten gab. Ein Ausraster, wie ihn sich Onkel Dieter in ähnlicher Position geleistet hätte - undenkbar im Friede-Freude-Eierkuchenland "The Voice".

"Mit Krank sein muss man leben"

Stattdessen fläzten sich Nena und Co. gemütlich in ihre roten Sessel, die irgendwie aussahen, als wären sie von Picards Enterprise stibitzt worden, und verteilten Lob um Lob. Der Berliner Schauspieler Rob Fowler - "nicht nur ein Hase, ein echter Tiger, der reißen gehen will". Evi Lancora - die Frau "mit dem Hauch von Entzücken in der Stimme". Brigitte "Schätzelein" Lorenz - "Diese Moves, haste das gesehen?". Christine Kieu aus Hockenheim - "Ihre Stimme hat so viele Farben wie der Regenbogen". Und Rea Garvey verschlug es angesichts der Stimme von Iveta Mukuchyan, die im blauen Bodysuit mit Silberpailletten auftrat, vollends die Sprache: "Ich bin Gesang, äh Lied. Äh, wow!"

Nur selten lugte ein Hauch von Kritik ins Casting-Wolkenkuckucksheim - meistens in Form des Mannes, der sich an diesem Abend glücklicherweise nicht auf der Suche nach einem Führer befand, sondern alle Entscheidungen selbstständig traf. "Du glänzt, wenn du pressen und drücken kannst, aber bei den leiseren Passagen war es eher mau", urteilte Xavier Naidoo über Rocker Michel, dessen "Such a shame" von Talk Talk Talk es tatsächlich an Drive mangelte. Und dem stimmlich angeschlagenen Jesper Jürgens gab Naidoo gar einen Rat für das Leben in der Leistungsgesellschaft mit: "Mit Kranksein muss man leben!"

"... zu so 'nem Auftritt gehört ne Menge Mut"

Doch irgendwann kam einfach Langeweile auf: Zu eintönig der immer gleiche Ablauf, zu brav und bieder die Kommentare und Bewertungen der Jury, die oft nur mit wenigen Prozentpunkten Unterschied ihren Favoriten kürten. Und auch die Idee vom Zuschauer als Zünglein an der Waage sollte sich schnell verbrauchen: Nachdem die Meinungen bei den ersten beiden Kandidaten noch auseinander gingen, entschieden die Menschen vor den TV-Schirmen nur noch ein einziges Mal gegen den Willen des Quintetts: Mit einem hauchdünnen Vorsprung katapultierten sie die Niederländerin Freaky T. in die nächste Runde.

Was dennoch festgehalten werden muss: Auch wenn es nervte, immer wieder die gleichen Bauchpinseleien von Nena und Co. zu hören - die stimmliche Leistung der Teilnehmer war tatsächlich respektabel: Zugegeben, es gab den einen oder anderen Ausreißer, die ein oder andere Unsicherheit, aber: Was an diesem Donnerstagabend auf der Bühne stand, war nicht mit dem Kuriositätenkabinett zu vergleichen, dass Onkel Dieter und Konsorten dem Fernsehpublikum normalerweise vor die Nase setzen. Das mag etwas langweiliger sein, führt aber auch dazu, dass ein Mann als Sieger des Abends nach Hause gehen konnte, der vom Macho-Bohlen bei lebendigem Leib verspeist worden wäre: Michael Heinemann. Und als der schüchterne Kindergärtner seine Oma mit einem Fingerherz in die Kamera grüßte, war mir für einen kurzen Moment so, als hörte ich tatsächlich Marijke Amados Stimme im Ohr: "Die Show ist nun zu Ende und ihr wart richtig gut, denn zu so 'nem Auftritt gehört 'ne Menge Mut."

 
 
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