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9. Dezember 2011, 08:30 Uhr

Deutsch-britischer Spitzentalk

Deutschland bald auf Ramschniveau? Für manch andere Talkshow mag das gelten. Doch Maybrit Illner schaffte es auch bei der eher trockenen Frage nach der Stabilisierung des Euro wieder einmal zu glänzen - und sich das in 500 Sendungen erworbene Toprating zu bewahren. Von Christoph Forsthoff

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Maybrit Illner trat parallel zum EU-Gipfel in Brüssel an. Sie konnte Briten und Deutsche zu einer Einigung führen© Illustration: Philipp Möller

Selten war eine politische Talkshow in den letzten Monaten so unterhaltsam und informativ zugleich. Dabei saßen gleich drei Politiker in der Runde bei Maybrit Illner, verhieß das Thema "Merkel, Macht und Märkte" alles andere als lockere Comedy - und auch der parallele Auftakt des Euro-Krisen-Gipfels in Brüssel bescherte eher düstere Stimmungswolken, drohten die Reformpläne von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy doch bereits vor dem ersten Abendessen zu scheitern. Indes, all diese Erschwernisse waren wie weggeblasen mit dem Eintritt des Finanzjournalisten David Marsh in die Diskussion: Denn der Brite fiel nicht nur jedem ins Wort, so dass seinem deutschen Kollegen Dirk Müller schon nach kurzer Zeit der Kragen platzte - "Jetzt lass mich auch mal ausreden, Junge!"

Nein, Marsh pflegte auch aufs Trefflichste alle Klischeebilder seiner Nation: Selbstverliebt und überzeugt - nicht allein von der eigenen Währung - "Wenn ihr wirklich raus wollt, würden wir Euch unser Pfund anbieten" -, dazu eine Portion Überheblichkeit (anders als der Rest der EU sei Merkel zumindest "in punkto Währungspolitik weniger ahnungslos") und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. "England ist Aktionär in der Europäischen Zentralbank und würde Eurobonds verbieten." Punkt.

Illner brilliert in Moderation und Thema

So einfach ist das - zumindest aus britischer Sicht. Ja, die Zeiten des Empire sind eben zumindest in den Köpfen der Inselbevölkerung noch immer nicht Vergangenheit - was in jeder Diskussion eine belebende Note garantiert. Nun hätte das Ganze durchaus in ein lautstarkes, doch damit auch völlig unverständliches Wortgefecht ausarten können - aber da erwies sich wieder einmal die große Stärke Illners. Die kann nämlich nicht nur moderieren, sondern weiß im richtigen Moment selbst solchen "Störenfrieden" Einhalt zu gebieten; vor allem aber zeigte die 46-Jährige sich wieder einmal als sehr kompetent und firm im Stoff, so dass sie nicht nur im rechten Moment die passenden (Nach-)Fragen stellte, sondern trotz der aufgeheizten deutsch-britischen (Ver-)Stimmung auch stringent die verschiedenen Themenaspekte durchging.

"Deutschland bald auf Ramschniveau?" Keineswegs, beschied Hamburgs-Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi: "Unsere Lage in Europa wird nicht besser oder schlechter durch das Urteil der Ratingagenturen." Von daher sei die Gelassenheit der Kanzlerin "der richtige Weg", so der SPD-Mann - der ohnehin erstaunlich viel Sympathie für die CDU-Frau bekundete: Während er nämlich seinen Parteifreund und Alt-Kanzler Helmut Schmidt schalt für dessen Vorwurf, die Bundesregierung sei "deutsch-national", lobte er Merkels Krisenmanagement. Das sei "absolut richtig". Europa brauche jetzt eine Mischung aus konsequentem Sparen und konjunkturfördernden Instrumenten. Und auch der bayerische CSU-Innenminister Markus Söder empfahl, die Ratingagenturen kritischer zu betrachten, wenn die etwa wie aktuell alle Länder in Europa gleich be- und abwerteten - "dabei bauen wir in Bayern Schulden ab". Nur eben ihre eigene Heimat-Nation nicht, ergänzte Müller mit Blick auf die USA: Die würden nämlich mit "Samthandschuhen" angefasst.

Brite und Deutscher sind sich einig

Was indes nicht heiße, dass es die von den Agenturen genannten Probleme nicht gäbe: Die enormen Schulden von Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien seien zweifellos ein ernsthaftes Risiko, stimmte auch Gerhard Schick zu. Gänzlich anderer Meinung als Müller war der Finanzexperte von Bündnis 90/Die Grünen indes beim Blick auf die Zukunft des Euro(raumes): Während der Journalist hier für ein Kerneuropa plädierte - "Wenn wir eine stabile Währung haben wollen, müssen wir uns auf die Länder beschränken, die halbwegs auf Augenhöhe operieren" - beschwor der Grünen-Politiker die Gefahren einer Spaltung; diese würde letztlich zu einer Wirtschaftskrise im ganzen EU-Raum führen.

Nun, ganz so weit sind wir noch nicht - und vielleicht ist ja die von Dohnanyi und Müller angedachte Option tatsächlich ein Ausweg: nämlich die Rolle der EZB zu stärken. Wenn sich dann die Staaten bei der EZB direkt Geld leihen würden und Schulden nur noch bis zu einer fest gelegten Obergrenze machen dürften, wäre damit auch das Problem horrender Zinsen der privaten Banken für solche Staatsanleihen erledigt. Wie auch die aktuelle Diskussion um einen Forderungsverzicht privater Gläubiger im Falle eines griechischen Schuldenschnitts: "Ich frage mich, woher dieser Irrglaube gekommen ist, dass Staatsanleihen völlig sicher sind", meinte Müller kopfschüttelnd. Und sein Kollege Marsh ergänzte, die Geschichte habe immer wieder gezeigt, dass "Staaten von Zeit zu Zeit zahlungsunfähig werden". Womit zumindest einmal an diesem Abend dann doch ein Hauch von deutsch-britischer Freundschaft in der Luft lag.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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