Der überpolitisierte Unterhaltungsdampfer

28. März 2013, 06:05 Uhr

Der Einfluss der Politik zu groß, die Unterhaltung zu seicht: Zum 50. Geburtstag steht das ZDF vor großen Herausforderungen, wenn der Sender auch in Zukunft eine Rolle spielen will. Von Bernd Gäbler

ZDF, 50 Jahre, Jubiläum, öffentlich-rechtlich,

Mit seichten Formaten wie "Das Traumschiff" bespielt das ZDF Idyllen und heile Welt wie kein anderer Sender.©

Zum 50. Geburtstag macht das ZDF in großem Stil für sich selbst Reklame. Am Donnerstagabend startet eine zweiteilige Gala mit Maybrit Illner als Gastgeberin. Der Sender ist klug genug, neben all der Nostalgie, die er ausgiebig bespielt, immer auch auf die Zukunft zu verweisen, für die er gut gerüstet sei. Besonders der Wandel vom Ein-Kanal-Sender zur digitalen Senderfamilie soll dafür stehen. In der Realität des Programms sieht der Aufbruch in die digitale Zukunft dramatisch dünner aus. Aus den digitalen Spartenkanälen werden kaum Impulse ins Hauptprogramm übernommen. Unbefriedigend bleibt auch, dass immer, wenn es um "ausführliche Informationen" oder "Hintergrund" geht, auf heute.de oder andere Internet-Adressen verwiesen wird. Außerdem lesen vom Morgenmagazin angefangen bis hin zu Sportübertragungen Moderatoren jetzt ständig Twitter-Beiträge vor. Das kann es auch nicht sein. Um zukunftsfähig zu werden, müssen sicher viele Einzelheiten im ZDF verändert werden. Vor allem aber sind in der Grundkonstruktion des ZDF zwei Dinge angelegt, die der Sender überwinden muss, will er sich tatsächlich modernisieren:
1. Das ZDF ist von Geburt an konzipiert als Unterhaltungsdampfer
2. Das ZDF ist - von der Aufsicht bis hinein in die Auswahl von Moderatoren und Redakteuren - vollständig überpolitisiert

Beides passt nicht mehr in die Zeit.

Alles geht streng nach politischer Farbenlehre

Auf den ersten Blick könnten diese beiden Säulen, auf denen das ZDF von Beginn an stand, als Widerspruch erscheinen. Das stimmt aber nicht. Der Sender wurde ins Leben gerufen, weil Konrad Adenauer ein Staatsfernsehen wollte und das Bundesverfassungsgericht ihn gerade noch auf die stubstanzielle Differenz zwischen Pressefreiheit und Propaganda-Apparaten hinwies. Das ZDF als zentrale, bundesweite Institution musste ein Sender der Länder werden. Aus der Taufe gehoben wurde es dennoch als konservativer Gegenpol zu den als "Rotfunk" verschrienen ARD-Anstalten.

Seitdem geht im ZDF alles streng nach politischer Farbenlehre. Und es ist genauso wie Klein-Fritzchen es sich vorstellt: Intendant und Programmdirektor haben schwarz zu sein (seit 1976 war es nie anders), dann dürfen Verwaltungsdirektor und Chefredakteur den Roten genehm sein. Der Überbau des ZDF ist eine Große Koalition aus den Zeiten, als CDU und SPD noch unumstrittene Volksparteien waren. Der langjährige ZDF-Intendant Dieter Stolte lobt diese Aufteilung noch heute als Stabilitätsgarant für den Sender. Er habe sich immer daran gehalten, selbst wenn fähige Leute wie Peter Gerlach, Heinz Ungureit oder Hans Janke dann eben nicht Programmdirektor werden konnten.

Kohl begründete den Schunkel-Kurs

Was aber hat diese durchgreifende Politisierung bei der Konzeption von Sendungen und der Auswahl des journalistischen Personals mit dem Dasein des ZDF als Unterhaltungsdampfer zu tun? Das eine bedingt das andere. Bis 1976 war im Zweiten Deutschen Fernsehen nämlich der Programmdirektor rot und der Chefredakteur schwarz. Es war Helmut Kohl, der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsdident und Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrats, der einen Tausch herbeiführte. Warum? Dieter Stolte erklärt in seinem Buch "Mein Leben mit dem ZDF" die Absicht: "Dahinter stand die in den 1970er- und 1980er-Jahren vertretene Auffassung konservativer Medienpolitiker, dass die eigentliche Beeinflussung der Menschen nicht von den Informationssendungen, sondern von der Unterhaltung mit ihren Showprogrammen und Fernsehfilmen ausgehe. Sie präge Wertehaltung und Lebensstil der Menschen und wäre damit für die Entwicklung eines Mainstreams in der Gesellschaft entscheidend."

Helmut Kohl wusste also, was er von all den Traumschiffen, Schwarzwaldkliniken, Bergdoktoren und später Pilcher-Verfilmungen und Volksmusikanten hatte. So ein auf den Mainstream gerichtetes Unterhaltungsprogramm ist prinzipiell konservativ. Es schult nicht die Wahrnehmung, überrascht nicht mit Brüchen, stößt nicht zur Revision bisherigen Denkens an.

Immer noch bespielt das ZDF so sehr Idyllen und heile Welt wie kein anderer Sender. Es nutzt das Unterhaltungsprogramm nicht zu Provokationen oder Perspektivwechseln. Zwar bemüht sich das ZDF, sein Unterhaltungsprogramm zu modernisieren. Aber in welche Richtung? Blind marschiert es dahin, wo vermeintlich die Quote lockt. Inka Bause kommt und wird im ZDF viele ehemaligen RTL-Kollegen treffen (darunter Susanne Kronzucker, Kay-Sölve Richter, Katty Salié, Yvonne Ransbach ud Markus Lanz). Horst Lichter darf sich durch eine Trödel-Sendung ("Bares für Rares") witzeln, eine Styling-Show ("Schick und Schön") nebst einer Auswanderer-Doku kommen hinzu. Also genau das, was es schon überall gibt. Das ZDF ist das RTL des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wenn es den Kurs als Schunkelbude und Schnulzensender nicht grundlegend revidiert, hat es keine gute Zukunft.

Und der Politproporz?

Es stimmt. Nach der "Causa Brender" hat das Land Rheinland-Pfalz eine Klage eingereicht. Höchstrichterlich soll entschieden werden, ob in den ZDF-Aufsichtsgremien eine "angemessene Staatsferne" gegeben ist. Geändert hat sich seitdem nichts. Unter dem Vorsitz von Kurt Beck sitzen vier Landesväter (Matthias Platzeck, Horst Seehofer, Stanislaw Tillich und Volker Bouffier) im 14-köpfigen Verwaltungsrat. Hinzu kommen ein Vertreter der Bundesregierung und eine ehemalige SPD-Landesministerin.

Viel schlimmer aber ist ein anderes, unscheinbares Gremium. Es ist der "Unterausschuss Chefredaktion". Hier geschieht etwas, was es in einem freien Land eigentlich nicht geben dürfte. Sämtliche Generalsekretäre der Parteien sind vertreten und vor ihnen muss dann der ZDF-Chefredakteur zum Beispiel die Planung der Berichterstattung zum Bundestags-Wahlkampf ausbreiten. So etwas gibt es nur im ZDF. Frühere Chefredakteure können viel erzählen, wenn sie ehrlich sind - wie sich beispielsweise Markus Söder als CSU-Generalsekretär aufgeführt hat oder auch dass der Grüne Reinhard Bütikofer ihm kaum nachstand. Um deren Stil aber geht es gar nicht. Es geht um die grundlegende Struktur, dass ein Chefredakteur sich vor denen zu rechtfertigen hat, über die er doch unabhängig berichten soll. Das geht nicht. Das ZDF könnte - wenn es nur wollte - dieses obskure Gremium sofort abschaffen.

Der Abschied von den Schnulzen und die Abschaffung der Kontrolle des Chefredakteurs durch die Partei-Generalsekretäre - beides wäre ein Zeichen dafür, dass das ZDF tatsächlich selbstbewusst in die Zukunft schaut und sich als eigenständiges Medienunternehmen zu verstehen beginnt. Beides ist auch bitter notwendig. 50 ist eine gutes Alter, um die Geburtskrankheiten endlich abzuschütteln.

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