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28. Juni 2010, 10:20 Uhr

Wie Gauck die Medien bezaubert hat

Wer auch immer die Wahl zum Bundespräsidenten gewinnen wird - es war die Kandidatur von Joachim Gauck, die die politische Landschaft und das Kräftedreieck Politik-Medien-Volk gehörig durchrüttelte. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Bernd Gäbler, Joachim Gauck, Bundespräsident, Christian Wulff, Bundespräsidentenwahl

Hat einen Großteil der Medien und der Öffentlichkeit verzückt: Joachim Gauck, Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen© DPA

Am Anfang war es wie immer in der Politik: ein simples parteitaktisches Kalkül. Nicht: "Wer gefällt uns am besten?" war die Ausgangsfrage für SPD und Grüne als es darum ging, einen eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten zu küren, sondern: "Wer tut Schwarz-Gelb am meisten weh?" So kam Jürgen Trittin auf Joachim Gauck, der mit dem Sozialstaat nur eingeschränkt etwas anfangen kann und mit der Ökologie schier gar nichts. Dieser Schachzug aber, den der clevere Sigmar Gabriel natürlich sofort verstand, setzte eine Dynamik frei, die die Spieler am Brett wohl selbst nicht erahnten.

Da war plötzlich ein Kandidat, der anders war: kein grauer Verwaltungsmensch, kein glatt geschliffener Phrasen-Kalkulator, sondern ein Mensch mit Geschichte und einer "vita activa". Dieser Joachim Gauck kann reden, weil er in seinen Verallgemeinerungen von Freiheit und Verantwortung stets auch von sich selbst erzählt. Er kann predigen und uns ins Gewissen reden. Ihm unterstellen wir nicht die handelsübliche Doppelmoral. Geboren aus der Parteitaktik, überwand Joachim Gauck diese sofort fast spielerisch. Er wurde zum Magnet für allerlei Sehnsucht.

Politik-Medien-Volk

Das galt früher einmal für Horst Köhler. Auch ihn mochten viele, weil er anders war. Er war aber weder charismatisch, noch ein begabter Redner. Er war ein Staunender; einer, der sich verhaspelte; einer, in dem sich viele Bürger erkannten. Er schien nicht dazu zu gehören zum alltäglichen Politikbetrieb. Und diesen Gestus pflegte er auch. Dies behagte weder der offiziellen Politik, noch den meinungsprägenden Medien. Gemeinsam redeten sie auf das Volk ein, es möge nicht so unpolitisch sein, sich endlich interessieren für die Steuer- und Sparpakete, die Haushaltssanierung oder die Finanztransaktionssteuer. Gerade in Bezug auf die Berliner Politik sprachen manche Beobachter schon von einem "journalistisch-politischen Komplex", der allzu sehr aufeinander bezogen sei. Mal hölzern, mal eleganter bildeten die Medien doch nur ab, was die Politik vorgebe. Zu wenig behaupteten sich die Medien als kontrollierende "vierte Gewalt".

Gauck mobilisiert - auch die Medien

Joachim Gauck hat auch das verändert. Er verführte viele Medien, nahezu unabhängig von deren bisheriger parteipolitischer Nähe oder Präferenz, zu unumwundener Parteinahme. "Yes we Gauck" ("Bild am Sonntag") oder "Der bessere Präsident" ("Spiegel") lauteten die einschlägigen Titel. Dass der Kandidat selbst mittlerweile "Wir sind das Volk" zum deutschen "Yes, we can" ausrief, störte auch jene nicht weiter, die früher einmal nicht nur Emanzipatives, sondern auch Völkisches in dieser Losung ausgemacht hatten.

An der Seite von "Opa Obama" ("Spiegel-online") positionieren sich jetzt die großen Medien nahezu ausnahmslos gegen die offizielle Westerwelle-Merkel-Politik. Sie erkannten im Schachzug von Kanzlerin und FDP-Chef, den blassen Kandidaten Christian Wulff zum nächsten besonnenen Repräsentanten des ganzen Volkes zu stilisieren, den nackten Kern: Machterhalt in eigener Sache. Jetzt sind es nicht mehr Politik und Medien, die unisono auf das Volk einreden, sondern Medien und Menschen argumentieren Seite an Seite gegen den von bloßem Verwaltungshandeln und Hinterzimmer-Strippenzieherei geprägten unheroischen und charakterlosen Politikbetrieb. Gauck ist dazu Anlass und Alternative.

Diese Sehnsucht ist ernst zu nehmen

Schon treten die Mahner auf dem Plan. In der "Zeit" fürchtet Giovanni di Lorenzo gar, heftige Kritik an der Regierungspolitik könne umschlagen in eine Diffamierung der parlamentarische Demokratie. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" argwöhnt Frank Schirrmacher, die Sehnsucht der Menschen wie der Medien nach Charakter und Charisma könne auch ein simples Unterhaltungsbedürfnis sein. Beide - so scheint es - haben Angst vor Leidenschaft in der Politik. Lieber ein solider Langweiler im Amt und ein mittelmäßiges, aber geregeltes Funktionieren demokratischer Institutionen als das vage Versprechen eines Aufbruchs.

Aber die von Joachim Gauck mobilisierte Sehnsucht ist ernst zu nehmen. Es gibt ein tiefes Bedürfnis, der Gesellschaft nicht ständig nur kleines parteipolitisches Karo aufzudrücken. Viele haben diese aalglatten Typen satt, diese Taktierereien, die Unwahrheiten, die Charakterlosigkeit. Darum sind die "Alten" so beliebt - von Kurt Biedenkopf bis Helmut Schmidt. Darum sind die mit den Beulen am Helm so beliebt - von Heiner Geißler, dem jesuitischen Schlauberger bis Margot Käßmann, der unfreiwilligen Päpstin einer Wellness-Kirche der Frauen. Das kann, aber muss nicht unpolitisch sein.

Vielleicht gelingt den Mitgliedern der Bundesversammlung am Mittwoch in geheimer Wahl ja ein kleines deutsches "Revolutiönchen". Aber schon die Kandidatur von Joachim Gauck hat endlich einmal wieder Leben in die Politik gebracht und ebenso in eine ansonsten oft allzu routiniert berichtende Medienszene.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
AttaTroll (29.06.2010, 15:28 Uhr)
@ Laolu
Niemand hat sie gezwungen, das hat sie ganz allein durchgedrückt - das ist ja das Schöne dabei. Ich kann zwar dem Gauck nix abgewinnen, aber ich freue mich selbstverständlich immer, wenn Merkel eins ausgewischt bekommt. So oder so:
Merkel kann bei der BP-Wahl nur verlieren, und das freut mich natürlich. So einen Schachzug hätte ich diesem Harzer Roller gar nicht zugetraut :-)
LaoLu (29.06.2010, 10:50 Uhr)
Wer, liebe Atta, hat denn Frau Merkel gezwungen,
diesen profillosen Parteikarrieristen als Kandidaten aufzustellen?
Bitte, dann soll sie nicht jammern, wenn der politische Gegner diese Gelegenheit nicht ungenutzt läßt.

Wanderflke (29.06.2010, 09:35 Uhr)
"Wer tut Schwarz-Gelb am meisten weh?"
Welche Fehleinschätzung! Die Kür Gaucks zum Präsidentschaftskandidaten durch die Agenda-Parteien ist keineswegs ein Akt der Politclownerie, sondern ein Signal an die wirklich Mächtigen im Lande: seht her, auf uns ist weiter Verlass. Gauck steht 120-prozentig hinter den Schröderschen "Reformen", so wie eben auch SPD und Grüne. Da gibt es keine großen politischen Differenzen. Gauck steht auch voll hinter den von SPD und Grünen eingeleiteten militärischen Abenteuern. Warum also solche unsinnigen Unterstellungen? Gauck ist der Kandidat richtige Kandidat für SPD und Grüne; einen besseren hätten sie nicht finden können.
Seine Kandidatur ist zugleich ein Wink in Richtung FDP, deren natürlicher Kandidat er eigentlich wäre. An neoliberaler Verblendung kann er es durchaus mit Westerwelle aufnehmen.
Man muss inzwischen schon wieder daran erinnern, dass es Schröder und Fischer waren, die die endgültige Zerstörung des Sozialstaates einleiteten. Deren Parteien, verstärkt um die neoliberalen Propheten der FDP; ein absolutes Dreamteam für alle Spekulanten- und Unternehmerverbände.
sportartmakler (29.06.2010, 08:39 Uhr)
kann diese schweiß wahl endlich mal stattfinden
das ergebnis steht aufgrund der verhältnisse eh fest. mehr als 70 abweichler + eine geschlossene linke hinter gauk sind träumerei und machten daher jeglichen artikel in den letzten wochen zu diesem thema überflüssig. gaukler oder betatier, beides freunde vom merkel und somit gegen die mehrheit des volkes....
noetigenfalls (29.06.2010, 08:36 Uhr)
Herr Gauck hat die Linke demaskiert
Lieber Herr Aquarius_Jedermann:

Ihre Argumentation eriinert doch sehr an die irritierenden Einlassungen der Vertreter der Linkspartei in der letzten Zeit.

Ich habe diese Partei gewählt, weil sie meine Interessen vertritt, aber ich musste jetzt sehen, dass es anscheinend wirklichn ein Haufen trotteliger Sektierer ist.

So destruktiv und verbohrt, wie sie hier aufgetreten sind, hat es mir einen echten Schrecken eingejagt darüber, wen ich da wohl gewählt habe.

Jetzt kommen sie mit herbeigeholtem DDR-Gefurze von wegen "Vereinigungsgewinnler" usw. und treiben eine historisch und intelelektuell vollkommen überholte Vergangenheitsbewältigung- alles an den Haaren herbeigezogen, so dass man wirklich glaubt, hier seien alte Rechnugen offen.

Dann stellen sie auch noch so eine bizarre Null-Nummer wie die Frau Jochimsen auf, die am 17. Juni herumträllert, die DDR sei ja im juristischen Sinne kein Unrechtstaat gewesen.

*facepalm* *Kopf-auf-den-Tisch-hau*

Ich bin sehr enttäuscht, wiel ich sehen musste, dass die Linke offenbar wirklich auf lange Sicht keine gestaltende Kraft in Deutschland gewinnen wird, weil ihr Personal anscheinend tatsächlich in uralten Schützengräben sitzt und keinen Bezug zu unsrer poltischen Realität hat. Es ist ein Skandal.

Aber ich denke sie werden bezahlen, bei den nächsten Wahlen.
arniston (29.06.2010, 08:34 Uhr)
egal,
egal wer , aber nie jemand aus dem vw stall,
so eine art darmfortsatz vom merkel und der verlogenheit der sogenanten christen..
auch keine geborene schwiegersöhne nach erfolgreicher scheidungen.
AttaTroll (29.06.2010, 08:24 Uhr)
Der Gauckler
Ich sehe das genau wie x-cube: der Hype um Gauck wurde künstlich geschaffen und wird von der SPD gesteuert. Warum? Weil Gauck aufgestellt wurde, nicht um Bundespräsident zu werden (rechnen können die Genossen auch), sondern um der Koalition zu schaden und Merkel vorzuführen. Und das klappt ausgezeichnet. Wenn Wulff gewählt wird, steht Merkel da als jemand, der den Deutschen aus Politkkakül und machtpolitischen Erwägungen einen Kandidaten aufgezwungen hat, den "das Volk nicht will" und ist (weiter) beschädigt. Ein genialer Schachzug von SPD/Grünen um Merkel in die Bredouille zu bringen. Ich vermute einmal, das unter anderen politischen Konstellationen die SPD keinen Kandidaten Gauck aufgestellt hätte. Gauck ist ein eitler Egomane, der gern philosophisch angehauchte Reden schwingt, aber kein bißchen volksnah ist und auch kein Verständnis für die Sorgen und Nöte der Durchschnittsbürger hat.
Gauck beschwört die "Freiheit" und übersieht dabei, dass man eben nicht wirklich "frei" ist, wenn man in einem Sklavenjob für Dumpinglöhne arbeiten muß oder als Vasall für die(wirtschaftlichen) Interessen eines anderen Landes in den Krieg zieht.
Ich denke, wir sollten den Linken dankbar sein, dass sie diesen Mann als Bundespräsidenten verhindern. Ich halte zwar auch nichts von Wulff, aber immerhin kommt der nicht "im Schafspelz" daher, sondern man weiß bei ihm genau woran man ist.
Aquarius_Jedermann (29.06.2010, 08:14 Uhr)
Rummel
Herr Gauck hat natürlich niemanden bezaubert, er ist ein Produkt der besitzbürgerlichen Medien.

Man kann zumindest sagen, dass die besitzbürgerliche Presse es geschafft hat, einen ordentlichen Medienrummel um und mit Herrn Gauck zu veranstalten. Quasi so, als wolle man den Abgeordneten und den Wahlleuten zeigen, wer wirklich am Drücker ist, und wer etwas bewegen kann.

Vergessen hat man dabei auch zu erwähnen, dass der studierte Theologe Gauck eigentlich nichts vorzuweisen hatte, um eine Behörde dieser Größenordnung zu "leiten". Er war und ist kein ausgewiesener Verwaltungsfachmann oder Jurist. Angemaßt hat er sich beides.

Man kann ihn somit auch als Wendegewinner charakterisieren. Denn das ist ja modern geworden im "vereinten" Deutschland, die Menschen in Verlierer und Gewinner einzuteilen. Ganz so, wie das Menschenbild der besitzbürgerlichen Presse ist.

Was man noch sagen könnte, wäre, dass Herr Gauck sich als Großinquisitor bezahlt gemacht hat. Er hat ein mehr als ordentliches Salär bezogen und kann sich jetzt über die Wendeverlierer lustig machen, schließlich haben sie es ja nicht geschafft, er aber wohl. Deshalb auch die arrogante Haltung gegenüber denjenigen, die ihm ein Leben in unserer Demokratie überhaupt erst ermöglichten. Daher die Ehrungen durch die besitzbürgerliche Presse, er ist einer ihrer dienstbaren und dankbaren Geister.
LaoLu (29.06.2010, 08:03 Uhr)
Sehen Sie, Limonello,
DAS haben Sie nun gründlich mißverstanden!
Sononja (29.06.2010, 08:01 Uhr)
Ist doch eh egal
wer dran kommt. Wenn es hier wirklich um die Interessen des Volkes ging, dürfte es ihn auch selbst wählen.
Hier geht es aber nur um Machtbesessenheit und um Rache. SPD und die Grünen können Merkel gut eins auswischen, wenn Guack wirklich Bundespräsident werden sollte. Das hat natürlich dann auch enorme Auswirkungen auf die Regierung. Für Merkel muss es schon oberst peinlich sein, nicht selbst ihren Liebling aufgestellt zu haben. Aber Wulff ist ihr im Weg. Der musste weggelobt werden.
Für den ersten Moment würden wir uns alle wahnsinnig freuen, wenn Gauck gewinnen würd. Aber reicht es dazu Merkel und Co. wirklich aus dem Amt zu heben? Schön und wichtig wäre es ja, aber ob es wirklich klappt.
Gauck selbst wäre sicher auch nicht wirklich besser als Wulff. Auch er befürwortet die Afgahnistaneinsätze usw. . Und er ist letztendlich FDP und CDU nah.
Wir werden eventuell nur merken, dass er bei uns gut ankommt. Das war es für uns dann auch schon.
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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