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23. Juni 2009, 10:47 Uhr

Til, Tränen, Tiefschläge

Langsam dämmert es den acht Schauspiel-Lehrlingen: Sie sitzen im falschen Film. Der hat mit Hollywood so wenig zu tun wie Til Schweiger mit George Clooney. Gestern mussten sie Hundekot wegwischen und eine Szene aus "Dirty Dancing" nachtanzen. Dabei wurden sie Zeugen einer unglaublichen Entgleisung. Von Mark Stöhr

Die "Mission Hollywood" entwickelt sich immer mehr zur Mission Impossible für die Castingshow-Teilnehmerinnen© RTL

Man fühlt sich sehr einsam in diesen Wochen montagabends bei RTL. Keiner will "Mission Hollywood" sehen. Schon der Start der Show war lausig: 8,2 Prozent Marktanteil. Für den Marktführer aus Köln ein empfindlicher Betriebsunfall. Bei der zweiten Folge wurde es noch schlimmer: 7,0 Prozent, und mit der dritten "Mission" erreicht man gerade mal 6,7 Prozent. Dafür fährt der Pförtner vom RTL-Sendezentrum normalerweise nicht einmal die Schranke hoch. Es ist etwas erheblich schief gelaufen bei einem Konzept, das als Selbstläufer gedacht war: Til, Titten, Tränen. Aber genau diese T-Tinktur macht den Misserfolg. Die Kölner Fernsehmacher und ihre Produktionsfirma Tresor TV haben sich ordentlich verzockt und sich einen echten Rohrkrepierer ans Bein gebunden.

Til Schweiger mag mit seinem spitzbübischen Grinsen punkten und seinem breitbeinigen Geschlurfe, das sich nicht ganz ernst nimmt. Er ist der smarte Sunnyboy, der Blödsinn macht und ab und zu eine Räuberpistole aus dem Showbiz erzählt. Als Leiter eines Casting-Workshops jedoch ist er eine glatte Fehlbesetzung. Denn die Teilnehmerinnen sind zum überwiegenden Teil keine kleinen Mädchen mehr, die mit einem lässigen Spruch und der Aussicht auf ein Starautogramm zu beeindrucken sind. Sie wollen gestandene Schauspielerinnen sein, die die Aussicht auf die Nebenrolle in dem Kinofilm "Twilight" lockt und die dabei auch noch etwas dazulernen wollen. Stattdessen sehen sie sich schmierigen Sexspielchen ausgesetzt. Was für ein Irrtum. Ihre Tränen fließen aus Zorn und purer Verzweiflung. Wer will schon jemandem zusehen, der einfach nur im falschen Film sitzt?

TV-Terrier Bernhard Hiller

"Es geht immer nur um Sex", beschwerte sich Friederike in der gestrigen Folge. Die Kandidatinnen sollten für ihr Demoband mal wieder lasziv mit dem Hintern wackeln. Tanzszenen aus "Dirty Dancing" und "Pulp Fiction" standen an. Als die Fraktion der Charakterdarstellerinnen um Friederike und Annika wie nasse Säcke an ihren Partnern hing, holte Schauspielcoach Bernhard Hiller in seinem Trapattoni-Deutsch zum Rundumschlag aus. "Hast du gerne Sex?", schrie er eine an. "Haben Sex mit dir, ist keine gute Idee, tut mir leid für the boyfriend. Mit dir sein, ist kein Spaß."

Allein für diese Unverfrorenheit, nicht seine einzige, hätte er einen Pornodreh mit Dolly Buster verdient. Gegenüber Hiller ist selbst ein TV-Terrier wie "Germany's next Topmodel"-Juror Peyman Amin ein Gentleman mit Psychodiplom. Annika und Friederike parierten die Entgleisungen des Verrückten auf unterschiedliche Art: die eine mit Trotz ("Sind wir zum Tanzen hier?"), die andere mit Gott ("Mein Glaube gibt mir Halt, den ich in solchen Stresssituationen brauche").

In seltenen Momenten wird bei "Mission Hollywood" auch gearbeitet. Ein Sprechtrainer übte mit den Frauen gestern die spezielle Melodie und Akzentuierung des amerikanischen Englisch, mal mit, mal ohne Korken im Mund. Nicht uninteressant. Doch Interesse ist in diesem Format nicht vorgesehen. Einem kurzen Höhepunkt folgt immer gleich wieder der nächste, umso längere Tiefschlag. Die zwei Kandidatinnen mit der schlechtesten Aussprache mussten zur Strafrunde - ins Tierhotel. Wer kommt auf solche hirnverbrannten Ideen? Führt der Weg nach Hollywood über einen Putzfeudel, mit dem man stinkende Hundepisse wegwischt? Dina, eine der Delinquentinnen: "Da fehlt die Logik." In der Tat.

Billigste Oberflächenreize und erotische Barbie-Qualitäten

Schauspielerische Facetten und ein eigener Kopf sind in der Schweiger-Show nicht gefragt. Es geht um billigste Oberflächenreize und erotische Barbie-Qualitäten. Dass der Juryvorsitzende auf ein unerfahrenes Ding wie die 20-jährige Margarita abfährt, überrascht da nicht. Sie hängt ihm an den Lippen und stürzt sich mit einer brachialen Emotionalität in die Aufgaben, dass jedem seriösen Schauspiellehrer das Blut gefrieren würde. Vielleicht taucht sie ja demnächst an der Seite von Schweiger bei irgendeiner Filmpremiere auf - in Essen oder München. Für den roten Teppich in Hollywood sind seine Beine ja bekanntlich zu kurz.

Von Mark Stöhr
 
 
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